Wochen der Wahrheit für den Weltfußball:Wie fest sitzt Gianni Infantino noch im Sattel?
von Florian Vonholdt
Der Machtkampf um das FIFA-Präsidentenamt geht in die entscheidende Phase. Die Zeit für die Infantino-Gegner drängt. Wie ihre Chancen auf einen Umsturz wirklich stehen.
Gianni Infantino strebt eine vierte Amtszeit als FIFA-Präsident an. (Archivbild)
Bernd Neuendorf setzte vor dem Treffen der Vertreter aller 55 UEFA-Mitgliedsverbände am Donnerstag in Berlin den Ton: "Wir müssen ihn vom Platz stellen", forderte der DFB-Präsident im Interview mit dem "Tagesspiegel".
Seit Monaten versucht eine von der UEFA angeführte Opposition FIFA-Präsident Gianni Infantino aus dem Amt zu drängen. Darüber, wie man das endlich erreichen kann, soll in der Hauptstadt beraten werden.
FIFA-Präsident Gianni Infantino galt als unangreifbar. Doch ein gescheitertes Milliardenprojekt ohne frühe Einbindung wichtiger Gremien entfacht einen Machtkampf, der ihn das Amt kosten könnte.
17.09.2026 | 11:40 minUEFA-Treffen als "Anti-Infantino-Gipfel"?
Es ist der erste von mehreren richtungsweisenden Terminen in den nächsten Wochen im FIFA-Machtkampf. Schon eine Woche später, am 15. Oktober, tagt der 37-köpfige FIFA-Rat, dem Neuendorf ebenfalls angehört, in Zürich.
Dort sollen mehrere Anträge auf die Tagesordnung kommen, die gegen Infantino gerichtet sind. Etwa die Aufarbeitung des gescheiterten Investorenplans zum Verkauf von WM-Anteilen. Oder der Fall um die für eine einjährige Bewährungszeit ausgesetzte Vollstreckung der Sperre gegen US-Nationalspieler Folarin Balogun bei der WM.
Die Rot-Sperre des US-Amerikaners Folarin Balogun ist nach einem Anruf von Donald Trump bei Gianni Infantino aufgehoben worden. Die Fußball-Welt ist empört.
06.07.2026 | 2:13 minZuletzt gab es zudem Berichte, dass der Weltverband die Demokratische Republik Kongo trotz festgestellter Zweifel an der Spielberechtigung von Torhüter Lionel Mpasi nicht aus der WM-Qualifikation genommen haben soll. Die "New York Times" stellte eine Verbindung Infantinos zum heutigen Chef des kongolesischen Verbandes her. Der Weltverband betonte allerdings, dass der 56-Jährige keinen Einfluss auf solche Entscheidungen habe. Den Berichten widersprach die FIFA zudem.
Medienberichten zufolge war der kongolesischen Torhüter Lionel Mpasi vor und während der WM nicht spielberechtigt. Die FIFA widersprach. "Die FIFA kann bestätigen, dass es bei den Spielen der DR Kongo gegen Jamaika und bei der anschließenden FIFA-Weltmeisterschaft 2026 keine Probleme hinsichtlich der Spielberechtigung gab", teilte der Verband der dpa mit. Laut "New York Times" und "Le Monde" war Mpasi, der einst französischer U17-Nationalspieler war, vor der WM nicht spielberechtigt. Als der Kongo im Playoff-Duell mit Jamaika das WM-Ticket löste, habe die FIFA dem Spieler und der Mannschaft stillschweigend erlaubt, weiterzumachen. Mpasi bestritt alle vier Spiele des Kongo bei der Weltmeisterschaft.
Bislang will keiner gegen Infantino antreten
Bei der Tagung des FIFA-Rats will Infantino seine Vorschläge einbringen, nachdem er zuletzt auf Annäherungskurs mit seinen Gegnern gegangen war. Er bot erstmals an, über Reformen zu sprechen, und stellte in Aussicht, weitere Gelder aus den FIFA-Reserven an die Mitgliedsverbände auszuschütten.
Nächste Runde im FIFA-Machtkampf: Die UEFA bereitet offenbar eine Strafanzeige gegen Gianni Infantino vor. Der Druck auf den Schweizer wächst.
27.08.2026 | 0:22 minInfantinos Gegner wollen unter allen Umständen dessen vierte und nach aktuellem Statut letztmögliche Amtszeit, die bis 2031 laufen würde, verhindern. Offen bleibt jedoch, wie das gelingen soll. Das Hauptproblem: Die Opposition, zu der neben der UEFA auch der asiatische Verband (AFC) sowie Nord- und Mittelamerika (CONCACAF) zählen, hat weiter keinen Gegenkandidaten für die Präsidentenwahl am 18. März 2027 in Marokkos Hauptstadt Rabat gefunden.
Schon bei seinen letzten beiden Wahlen, 2019 und 2023, hatte es keinen Herausforderer für Infantino gegeben. Eine Abstimmung fand deshalb nicht statt. Vielmehr wurde er durch einfache Akklamation, also durch zustimmendes Klatschen der Mitglieder, im Amt bestätigt. Das droht aus Sicht seiner Gegner auch diesmal, sollten diese weder einen Herausforderer bis zum Stichtag am 18. November benennen noch ihn anderweitig, etwa durch das gegen ihn in seiner Heimat Schweiz angestrebte Strafverfahren, zu Fall bringen.
Infantinos Gegnern läuft die Zeit davon
Die Zeit wird knapp. Kandidieren will weder UEFA-Chef Aleksander Ceferin noch Nasser Al-Khelaifi, einflussreicher Präsident von Paris St.-Germain. Auch der als aussichtsreicher Kandidat gehandelte CONCACAF-Präsident Victor Montagliani zögert bislang. Selbst wenn doch noch ein Herausforderer ins Rennen geschickt werden sollte, zeichnet sich ein weiteres Problem ab.
UEFA, CONCACAF und AFC werden nicht geschlossen ihre insgesamt 136 Mitglieder hinter sich vereinen können, da einige bereits ihre Treue zu Infantino bekundet haben.
Deutsche WM-Bewerbung nur nach Infantino-Aus?
Das heißt, eine Mehrheit von mindestens 106 Stimmen unter den 211 FIFA-Verbänden, die nötig wäre, um Infantino zu stürzen, ist längst nicht gesichert. Die kommenden Tage werden zeigen, wie groß Infantinos Lobby im FIFA-Rat tatsächlich noch ist und ob sich doch noch ein mehrheitsfähiger Herausforderer finden lässt.
Für den DFB sind die Monate bis zur Wahl im März zusätzlich von Bedeutung. Deutschland zieht eine Bewerbung für die WM-Ausrichtung 2038 oder 2042 in Betracht. Bemühungen ergäben aber erst nach der FIFA-Wahl im März Sinn, sagte DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke jüngst im Deutschlandfunk. Heißt: Bleibt Infantino im Amt, wird man sich - nach der klaren Positionierung gegen ihn - wohl eher nicht bewerben. Kurz vor den Wochen der Wahrheit erscheint dieses Szenario noch immer am wahrscheinlichsten.