WADA und Experten warnen :So groß ist Italiens Dopingproblem mit Clostebol
von Markus Harm und Jannik Schneider
Der Gastgeber feiert bei den Winterspielen eine Rekordanzahl an Medaillen. Lange vor Olympia verursachte eine verbotene Dopingsubstanz große Probleme in Italien. Experten warnen.
Italien hat so viele Medaillen wie noch nie bei olympischen Winterspielen gewonnen. Welchen Anteil hat aber das Medikament Clostebol, das es in Europa nur in Italien rezeptfrei gibt?
17.02.2026 | 4:47 minFünf Tage vor Ende der Spiele 2026 steht das stolze Gastgeberland Italien bei 24 Medaillen - nur Norwegen ist stärker. Erklärbar ist das Rekordergebnis mit der üblichen größeren finanziellen Förderung und gesteigerten Aufmerksamkeit für Athleten seit der Vergabe nach Mailand 2019.
Schon vor diesem Zeitraum wurde das Geflüster über eine bestimmte Dopingsubstanz und den Missbrauch damit im italienischen Sport deutlicher hörbar. Gemeint ist das synthetische, anabole Steroid Clostebol. Es gibt Kraft, wirkt regenerationsfördernd, ist gut für die Muskulatur. In Creme- oder Sprayform ist es als Medikament in der EU ausschließlich in Italien rezeptfrei zu erwerben - inklusive Dopinghinweis auf der Verpackung.
Clostebol: Mehr als 40 Fälle in Italien seit 2019
Dennoch - oder gerade deswegen - gab es alleine zwischen 2019 und 2023 38 entdeckte positive Dopingtests in Italien mit Clostebol - darunter Serie-A-Fußballer, Tennisspieler, olympische Volleyballstars. 2024 gesellte sich Tennissuperstar Jannik Sinner in die illustre Runde dazu.
2025 wurde zudem der italienische Skibergsteiger Enrico Pellegrini auf das Mittel getestet. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ermittelt inzwischen fast elf Monate. Der Lokalmatador verpasste die heimischen Spiele. Laut WADA stammen rund 50 Prozent aller positiven Clostebol-Fälle weltweit aus Italien, dementsprechend beunruhigt äußerten sich die Dopinghüter auf ZDF-Anfrage in Mailand.
Millioneninvestition, modernste Technik - Italien will Dopern den Kampf ansagen. Aber Experten warnen schon vor neuen Herausforderungen.
16.02.2026 | 3:32 minWADA: "Athleten müssen vorsichtig sein"
"Wir hatten viele Fälle in Italien und selbstverständlich haben wir ein Auge darauf. Es ist sehr gefährlich und freiverkäuflich in den Apotheken. Und selbst wenn es als Dopingmittel deklariert ist, müssen die Athleten hier während den Spielen extrem vorsichtig sein", erklärte Olivier Niggli, Generaldirektor der WADA.
Deutlicher wird der erfahrene Professor für Pharmakologie, Fritz Sörgel.
Natürlich hat Italien ein Dopingproblem. Man geht in die Apotheke und holt sich einen Stoff, der Dopingeigenschaften hat und den man sich ohne Rezept zuführen kann.
Fritz Sörgel, Professor für Pharmakologie
Sörgel spricht von Dopingproblem und sieht Fall Sinner kritisch
Auch die offizielle Erklärung im Fall Sinner kritisierte Sörgel. Der Fitnesstrainer habe dem Physiotherapeuten das Mittel zur Behandlung einer Wunde am Finger gegeben, dieser Sinner anschließend mehrmals massiert, Sinner von all dem nichts gewusst. Sinner entließ den Fitnesstrainer nach Bekanntgabe des Dopingtests. Sinner wurde von den Tennisbehörden freigesprochen, die WADA sperrte ihn nachträglich außerhalb der Grand-Slam-Turniere.
"Wie man hier eine lediglich dreimonatige Sperre so geschickt in den Turnierplan eingebaut hat, das ist eigentlich schon ein Musterbeispiel wie vor allem im Tennis mit Dopingstrafen umgegangen wird", erklärte Sörgel. Da sei vor allem die WADA gefordert, sie müsste viel härter durchgreifen. Der Fitnesstrainer arbeitet mittlerweile wieder für Sinner.
Victoria Carl, die Sensations-Olympiasiegerin von 2022, ist bei den Winterspielen in Italien gesperrt. Der weitere Ausgang ihres Verfahrens ist offen.
12.02.2026 | 2:54 minImmer wieder Kontamination als Erklärung
Was überführte italienische Athleten eint, ist die Erklärung der unabsichtlichen Kontamination. Der Professor für Toxikologie, Alberto Salomone erklärte: "In den letzten Jahren war ich allein in 20 verschiedene Fälle mit Clostebol involviert. Und es ist immer wieder das Gleiche: eine sehr geringe Menge des Mittels im Urin und die Athleten versuchen dann zu erklären, dass sie es unwissentlich eingenommen haben."
Ebenfalls betroffen waren ausländische Sportler, die in Italien trainieren oder leben, wie die spanische Eiskunstläuferin Laura Barquero. Sie wurde 2022 positiv auf Clostebol getestet und für sechs Jahre ausgeschlossen.
Auch Norwegens ehemaliger Langlauf-Star Therese Johaug traf es 2016 im italienischen Trainingslager - 18 Monate Sperre. Salomone ist überzeugt davon, dass das nur die Spitze des Eisberges ist und kritisiert die Antidopingbehörden.
Die Ressourcen, die sie einsetzen, sind einfach nicht genug. Es muss viel mehr getestet werden. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Nicht nur während der Olympischen Spiele, vor allem auch außerhalb der Wettbewerbe.
Alberto Salomone, Professor für Toxikologie
Olympische Spiele:Olympia 2026
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