Gewalt gegen Palästinenser:Westjordanland: Welche Folgen Israels Siedlungspolitik hat
von Thomas Reichart
Die Zahl der Palästinenser, die bei Angriffen von Siedlern verletzt wurden, ist nach UN-Angaben so hoch wie seit Jahren nicht. Die Angreifer werden nur selten verfolgt.
Wieder haben israelische Siedler Palästinenser gewaltsam überfallen. Durch Einschüchterungen wollen sie die Bewohner vertreiben und weitere Teile des Westjordanlands besiedeln.
16.01.2026 | 2:44 minEs ist ein verstörendes Video, das uns per WhatsApp-Nachricht erreicht. Zu sehen sind vermummte israelische Siedler, die das Gelände einer palästinensischen Baumschule bei Nablus im Westjordanland stürmen. Sie schlagen ein auf einen wehrlosen älteren Mann. Das Video ist vom 8. Januar, aufgenommen gegen 15 Uhr von einer Überwachungskamera.
Geschickt hat es uns der Deutsch-Palästinenser Murad Juneidy, dessen Familie die Baumschule gehört.
Gemeinsam mit 13 anderen Staaten hat Deutschland Israels Pläne für den Bau von 19 neuen Siedlungen im Westjordanland verurteilt. In der Erklärung heißt es, der Siedlungsbau sei völkerrechtswidrig.
25.12.2025 | 0:21 minMann nach Siedler-Angriff mit Verletzungen im Krankenhaus
Die Baumschule liegt in einem fruchtbaren Tal westlich von Nablus. Dort treffen wir Murad Juneidy. Neben einem Gewächshaus hätten die Angreifer auf den Mitarbeiter eingeschlagen. Alle anderen hätten die Warnrufe gehört, seien vor den Angreifern weggerannt. Er aber sei taubstumm. "Plötzlich hat er gesehen, dass es so viele Leute gibt", sagt Juneidy.
Dann wollte er auch flüchten. Aber die haben ihn hier festgehalten und ihn geschlagen.
Murad Juneidy
Seit einer Woche liege er im Krankenhaus mit Verletzungen am Arm, an der Schulter und im Gesicht.
Im Westjordanland erreicht die Zahl der Angriffe radikaler Siedler auf Palästinenser laut UN einen Höchststand. Die Gewalttäter müssen meist keine Konsequenzen befürchten.
15.11.2025 | 2:48 minMurad Juneidy: "Wir bleiben hier"
Es ist nicht der erste Angriff. Anfang September vergangenen Jahres steckten Siedler ein Bürogebäude der Baumschule in Brand. Die palästinensische Feuerwehr sei erst nach eineinhalb Stunden gekommen, weil sie am israelischen Checkpoint nicht durchkam, so Juneidy.
Wir wissen, dass es gefährlich ist.
Murad Juneidy
"Wir wissen, dass sie uns vielleicht in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr nochmal attackieren wollen. Aber wir bleiben hier. Wir werden unsere Baumschule nicht verlassen."
"Die Hoffnung der Menschen auf ein friedlicheres Leben" habe sich seit Beginn des Waffenstillstands nicht erfüllt, berichtet ZDF-Korrespondent Thomas Reichart.
16.01.2026 | 2:20 minIsraelische Siedlung nach internationalem Recht illegal
Juneidy hat in München studiert, hatte einen gut bezahlten Job als Entwicklungsingenieur bei BMW. Nach dem Angriff im letzten September hat er seinen Job gekündigt, um seiner Familie hier beizustehen. Er zeigt uns das Problem auf einer Karte. Links hat ein Siedler einen Hügel besetzt. Und beansprucht nun das ganze Tal - bis zum rechten Rand der Karte, wo eine andere große, israelische Siedlung liegt.
Er kam zu uns mehrmals und hat gesagt: Dieses Land gehört zu uns. Ihr müsst weg von hier.
Murad Juneidy
Dabei habe seine Familie alle Dokumente, die sie als rechtmäßige Besitzer auswiesen, sagt Juneidy. Der Siedler sei bewaffnet, sie hätten Angst vor ihm. Seine Siedlung ist nach internationalem Recht illegal. Aber weder Polizei noch Israels Armee (IDF) scheinen dagegen einzuschreiten.
Bei der UN-Vollversammlung richtete Trump klare Worte an Israel. Er werde eine Annexion des Westjordanlands nicht erlauben. Hunderttausende Israelis leben bereits dort.
26.09.2025 | 0:28 minIsraels Armee: Gewalt gegen Palästinenser verhindern
Das Gebiet, in dem die Baumschule liegt, gehört zur sogenannten Zone C, in der Israels Armee als Besatzungsmacht die volle Kontrolle ausübt. Auf eine ZDF-Anfrage erklärt das israelische Militär (IDF), man habe eine spezielle gemeinsame Task Force eingerichtet, bestehend aus IDF, der israelischen Polizei, der Grenzpolizei und dem Inlandsgeheimdienst Shin Bet.
Ziel sei es, Gewalt gegen Palästinenser zu verhindern und die Beteiligten strafrechtlich zu verfolgen. Die IDF habe außerdem ihre Präsenz in sensiblen Gebieten verstärkt.
Israelische Siedler greifen regelmäßig Issa Amros Haus an oder besetzen sein Grundstück. Hilfe der Armee? Fehlanzeige. Hinter der Gewalt sehen Beobachter ein Ziel: Vertreibung.
26.11.2025 | 2:23 minFriedensaktivistin: Regierung und Armee unterstützen Siedler
Aus Sicht von Hagit Ofran von der israelischen Nichtregierungsorganisation Peace Now aber unterstützen Armee und Regierung die Siedler. Die Regierung von Benjamin Netanjahu habe in den vergangenen zwei Jahren 180 neue Siedlungen und Außenposten genehmigt, sagt Ofran.
Die meisten davon sind solche mit gewalttätigen Siedlern, deren Ziel es ist, die Palästinenser zu vertreiben.
Hagit Ofran, Friedensaktivistin
Murad Juneidy zeigt uns noch etwas: eine Kläranlage gebaut mit Mitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW. Insgesamt 40 Millionen Euro aus Deutschland stecken hier drin. Das sollte palästinensischen Bauern und der Baumschule bei der Bewässerung helfen. Juneidy steht am Rand eines Auffangbeckens, in das das geklärte, saubere Wasser sprudelt. "Leider, wir können dieses Wasser nicht nutzen", sagt er.
Der israelische Siedler auf der anderen Seite erlaubt uns nicht, es zu nutzen. Der hat alle Leitungen zerstört.
Murad Juneidy
Das Wasser nimmt jetzt einen neuen Weg. Es fließt zu den Bauern auf der israelischen Seite.
Thomas Reichart leitet das ZDF-Studio in Tel Aviv.