Nahost-Experte zu Israels Vorgehen:"Schleichende Annexion des Westjordanlands"
Israel treibt den Siedlungsbau im Westjordanland weiter voran. Eine Zwei-Staaten-Lösung wird so immer unrealistischer. Experte Reinicke erklärt die Folgen für die Region.
Landkäufe für Israelis, mehr Kontrolle durch Behörden: Was Netanjahus umstrittener Siedlungsplan für das Westjordanland bedeutet. Analyse mit Ex-Diplomat Andreas Reinicke bei ZDFheute live.
12.02.2026 | 15:20 minIsrael plant, jüdischen Siedlern den Kauf von Grundstücken im Westjordanland zu ermöglichen. So möchte die Regierung ihre Siedlungspolitik weiter vorantreiben.
Andreas Reinicke, Direktor des Deutschen Orient-Instituts und ehemaliger Diplomat, spricht bei ZDFheute live über die Folgen für die Region und die Bevölkerung im Westjordanland.
Sehen Sie das Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen:
Welche Folgen hat Israels Vorgehen für die Region?
Durch die neuen Siedlungspläne der israelischen Regierung werde einem möglichen palästinensischen Staat die Grundlage entzogen, sagt Nahost-Experte Reinicke. Bislang gelte die Region als reines Besatzungsgebiet mit einer eigenen, zivilen Verwaltung und eigenen Rechten für die Palästinenser dort.
Wir sehen eine schleichende Annexion des Westjordanlands.
Andreas Reinicke, Direktor des Deutschen Orient-Instituts
Der bisherige Status des Gebiets sei eigentlich durch Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention abgesichert. Dennoch intensiviere Israel seine Siedlungspläne, erklärt Reinicke.
Immer wieder kommt es im Westjordanland zu gewaltsamen Überfällen israelischer Siedler auf Palästinenser.
16.01.2026 | 2:44 minWelche Interessen haben israelische Siedler?
Der tatsächliche Anteil der politisch überzeugten, radikalen Siedler im Westjordanland sei eher gering, so die Einschätzung von Reinicke. Für sie gelte die Region als jüdisches Traditionsgebiet in Bezug auf das Alte Testament.
Eine große Mehrheit sei hingegen aus ökonomischen Gründen zu Siedlern geworden. Ehemals kleine Siedlungen seien zu Städten gewachsen. Wohnungskauf werde subventioniert, die Lebenshaltungskosten seien niedrig und häufig liege Jerusalem sehr nah, zählt Reinicke auf.
Israel treibt seine Siedlungspolitik voran: Ende letzten Jahres stimmte das Kabinett der Gründung von 19 neuen Siedlungen im Westjordanland zu – für viele Palästinenser ein verheerendes Signal.
16.01.2026 | 3:35 minWird es zu weiteren Vertreibungen von Palästinensern kommen?
Es sei nicht zu erwarten, dass bislang Palästinensern gehörende Grundstücke vor einem Kauf durch jüdische Siedler geschützt seien. Es gebe keine Grundbucheinträge, die einen Besitz klar auszeichnen würden, erklärt Reinicke.
In der Vergangenheit habe dies schon häufig zu Gewalt und Vertreibungen geführt. Davon, dass auch Palästinenser Grundstücke erwerben können werden, geht Reinicke nicht aus.
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Wie steht es um die Zukunft des Westjordanlands?
Es sei eindeutig, dass Israel nicht an einer Zwei-Staaten-Lösung interessiert sei. Das zeige auch, dass sich die Knesset mit einer großen Mehrheit dagegen ausgesprochen habe, so Reinicke.
Es läuft eindeutig auf eine komplette Übernahme des Westjordanlands hinaus.
Andreas Reinicke, Direktor des Deutschen Orient-Instituts
Sollte die Region komplett übernommen werden, hätte Israel zwei Optionen: Entweder die nicht-jüdische Bevölkerung werde in den israelischen Staat integriert, oder es werde ein zweites Rechtssystem für diesen Teil der Bevölkerung etabliert, erklärt Reinicke.
Im Westjordanland erreichte die Zahl der Angriffe radikaler Siedler auf Palästinenser laut UN zuletzt einen Höchststand. Die Gewalttäter müssen meist keine Konsequenzen befürchten.
15.11.2025 | 2:48 minWie wirkt sich Israels Vorgehen für Beziehungen zu arabischen Ländern aus?
In den meisten arabischen Staaten sei die Stimmung sehr angeheizt, sagt Reinicke. Auch wenn viele benachbarte Länder dazu bereit seien, mit Israel zu handeln und den Staat anzuerkennen, sei dennoch eine Lösung des Konflikts im Sinne einer Zwei-Staaten-Lösung eine zentrale Forderung der meisten arabischen Regierungen.
Die Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten wird durch die Maßnahmen weiter erschwert.
Andreas Reinicke, Direktor des Deutschen Orient-Instituts
Reinicke erklärt, dass Israel mit den neu angekündigten Siedlungsmaßnahmen sich selbst die eigene Situation in der arabischen Region erschwere. Diese stießen in der arabischen Öffentlichkeit auf viel Protest und verhindern so eine Anerkennung Israels, an der auch die Sicherheit des Staates hänge.
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Jessica Zahedi. Zusammengefasst hat es Carsten Heckes.
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