ZDF-Doku zu Mesut Özil:Warum sich Özil einst für die deutsche Nationalelf entschied
von Ralf Lorenzen
Wie viele andere DFB-Spieler hatte auch Mesut Özil die Möglichkeit, für eine andere Nationalmannschaft zu spielen. Er entschied sich für Deutschland - trotz einiger Widerstände.
Mesut Özils Talent ist außergewöhnlich, doch von den großen Vereinen wird er lange übersehen. Als der Durchbruch gelingt, muss er eine Entscheidung treffen: Türkei oder Deutschland?
20.03.2026 | 43:50 minIn den Leistungszentren der deutschen Profiklubs gibt es zahlreiche Jugendliche mit Migrationsgeschichte, die sich irgendwann entscheiden müssen, für welche Nationalelf sie spielen wollen.
So war es auch bei Mesut Özil im Jahr 2009, dessen Entscheidung für Deutschland entscheidend zum Gewinn des WM-Titels 2014 beitrug. Ohne ihn wäre Deutschland in Brasilien "wahrscheinlich nicht" Weltmeister geworden, sagt der damalige Bundestrainer Joachim Löw in der ZDF-Doku Mesut Özil - zu Gast bei Freunden.
Ausgepfiffen - erst von türkischen, dann von deutschen Fans
Zweimal ist Özil in seiner Karriere bei einem Heimspiel heftig ausgepfiffen und beschimpft worden. Im letzten Testspiel vor der WM 2018, kurz nachdem er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren ließ, von deutschen Zuschauern. Und acht Jahre zuvor im ersten Spiel nach der WM in Südafrika gegen die Türkei, als die deutsch-türkischen Fans im Berliner Olympiastadion den Ton angaben.
Mesut Özil wird zum Superstar und für viele zum Gesicht einer modernen Gesellschaft – für andere ist er kein "echter Deutscher”. Özils Vater trifft eine Entscheidung mit Folgen.
20.03.2026 | 46:57 min"Wir haben das Türkei-Trikot mit Stolz getragen", erinnert sich Volkan Agar, Redakteur beim Deutschlandfunk, der damals als Fan dabei war. "Das war im Grunde auch ein Protest: Ich akzeptiere die Art und Weise nicht, wie ihr mit mir umgeht. Ich akzeptiere es nicht, dass ihr meine Herkunft abwertet." Für sie trug Özil das falsche Trikot, lange hatte auch der türkische Verband um ihn geworben.
Özils Bekenntnis zu Deutschland
"Natürlich war das schon im Vorfeld sehr bitter", sagt der damalige Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. "Weil so ein junger Mensch überlegt: Egal für wen ich mich entscheide, irgendjemand wird pfeifen, irgendjemand wird nicht zufrieden sein und irgendjemand wird mir Vorwürfe machen."
Noch 2017 stand Özil in einem Interview, das die ZDF-Doku erstmals im TV zeigt, trotz aller Anfeindungen zu seiner Entscheidung für den DFB. "Mein Hintergrund kommt aus der Türkei, ich bin stolzer Türke, genauso auch stolzer Deutscher.
Zu Deutschland habe ich eine ganz andere Verbindung, weil ich dort geboren und aufgewachsen bin. Gelsenkirchen ist meine Heimat, dort fühle ich mich am wohlsten.
Mesut Özil in einem Interview von 2017
Sie habe das als Bekenntnis empfunden, sagt die heutige Spiegel-Redakteurin Özlem Topçu. "Ich fand es cool, dass einer mit dem Ö im Namen in der deutschen Nationalmannschaft war."
Ein Foto mit Türkei-Präsident Erdoğan verändert alles. Fans pfeifen Özil aus, Medien und DFB setzen ihn unter Druck – bis er sich von Deutschland abwendet. Wie konnte es so weit kommen?
20.03.2026 | 61:21 minDer junge Özil wurde oft enttäuscht
Dabei waren Özil in jungen Jahren viele Steine in den Weg gelegt worden. Bei Probetrainings des FC Schalke 04 habe er "wirklich alle zerstört", erinnert er sich ebenfalls in dem Interview von 2017. Aber am Ende hieß es regelmäßig: "Tut uns leid, wir konnten nur einen Spieler nehmen, und das ist der Markus oder der Jens oder der Thomas."
Gerade deshalb wunderte sich Agar über Özils Entscheidung für Deutschland. "Wenn man die ganze Zeit erzählt bekommt, dass man es sowieso zu nichts bringen kann, dass man doch lieber auf die Hauptschule gehen soll, dann ist es schon komisch, sich für diese Gesellschaft und für diese Identität zu entscheiden."
Foto mit Merkel und Bambi für Integration
Özil war der prominente türkischstämmige Fußballer aus Deutschland, der sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hat. Nach dem Spiel gegen die Türkei im Jahr 2010 ließ sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihm in der Kabine fotografieren, er erhielt einen großen Integrationspreis und wurde als Symbolfigur für eine neue Offenheit in der Gesellschaft in die erste Reihe geschoben.
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16.10.2024 | 28:52 minIm DFB-Kader ist diese Offenheit erhalten geblieben, wie dessen Zusammensetzung zeigt, im gesellschaftlichen Klima nicht. Dafür war der spätere Umgang mit Özil ein deutliches Beispiel. Die Reaktionen auf sein Foto mit dem türkischen Präsidenten gingen weit über berechtigte Kritik hinaus und machten ihn zum Sündenbock für den Niedergang des deutschen Fußballs.
"Manche Dinge wiederholen sich alle paar Jahre wieder", sagt Agar am Ende der ZDF-Doku. "Vielleicht hat sich diese oder jene Debatte ein bisschen weiterentwickelt, aber ganz grundsätzlich treten wir auf der Stelle."
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