ZDF-Doku über Ex-Nationalspieler:Mertesacker zum Fall Özil: "Es gibt keine Gewinner"
von Ralf Lorenzen
Mesut Özil: gefeierter Star, kritisierte Figur. Weggefährten und DFB-Verantwortliche schildern in einer ZDF-Doku seinen Aufstieg und den Rückzug aus der Nationalelf.
Die dreiteilige Doku-Serie "Mesut Özil - zu Gast bei Freunden" rekonstruiert seinen Aufstieg und Fall. Sie zeichnet ein umfassendes und ambivalentes Bild jener dramatischen Wochen, die zu Özils Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft führten - und zu seiner Entfremdung von Deutschland.
26.02.2026 | 1:25 minEr galt als Magier auf dem Fußballplatz, Publikumsliebling und Symbol für gelungene Integration - bis ein einziges Foto und öffentliche Empörung seine Karriere in der Nationalmannschaft beendeten. Mesut Özil zog sich zurück, verschwand fast aus der Wahrnehmung der Fans, selbst beim Wiedersehen der Weltmeister von 2014 blieb er fern.
Die ZDF-Dokumentation "Mesut Özil - zu Gast bei Freunden" (ab 20. März im ZDF streamen) zeichnet seinen Weg nach - vom gefeierten Star zum Sündenbock - und beleuchtet, wie komplex, emotional und widersprüchlich Özils Geschichte wirklich ist.
Auch Oliver Bierhoff, damals Sportdirektor des DFB, äußert nun Verständnis für den Rücktritt des Spielers und schildert, wie schwer dieser Schritt für alle Beteiligten war.
"Es gibt keine Gewinner", sagt sein Ex-Teamkollege Per Mertesacker in der Doku. "Deutschland nicht, die Nationalmannschaft nicht, Mesut nicht. Alle haben irgendwie verloren."
Ein Foto und seine Folgen
Die dreiteilige Doku verzichtet auf Schuldzuweisungen. Stattdessen zeichnet sie aus unterschiedlichen Perspektiven nach, wie Özil zunächst zur Symbolfigur gelungener Integration wurde - und später zum Sündenbock für den sportlichen Niedergang des deutschen Fußballs.
Ausführlich äußern sich auch die damaligen DFB-Verantwortlichen zu den Vorgängen, nachdem Özil sich kurz vor der WM 2018 gemeinsam mit Ilkay Gündoğan neben dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan hatte fotografieren lassen.
Die Eskalation vor der WM
Nach massiver öffentlicher Kritik bekannte sich Gündoğan zu den "Werten, die wir in Deutschland als wichtig empfinden", während Özil schwieg. "Ich habe mit Oliver Bierhoff gesprochen und habe gebeten, dass auch Jogi Löw nochmal mit Mesut redet, weil ich ihm gesagt habe: Wer mit Erdogan posiert, der kann keinen Platz in der Nationalmannschaft haben", sagt der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel.
Am 8. Juli 2014 besiegt die DFB-Elf auf dem Weg zum WM-Titel die Seleção 7:1. Für Brasilien wird die historische Niederlage zum Trauma. Joachim Löw und Chris Kramer erinnern sich.
04.07.2024 | 27:50 min"Er hat gesagt: Ich habe auch türkische Wurzeln, ich habe mich mit unserem türkischen Staatspräsidenten getroffen, für mich persönlich gibt es keinen Grund, darüber sprechen zu müssen und sprechen zu wollen", erinnert sich Ex-Trainer Jogi Löw.
Nachdem Özil und Gündoğan im letzten Testspiel vor der WM ausgepfiffen worden waren, saßen sie laut Löw "am Boden zerstört in der Kabine". Der damalige Sportdirektor Oliver Bierhoff kann das nachvollziehen: "Du hast dich für das Land entschieden, du gibst alles.
Und selbst wenn es ein Fehler war, soll ein Foto jetzt dazu führen, dass ich von den gleichen Leuten niedergemacht werde und ausgepfiffen werde? Das war schwer für beide zu verstehen.
Oliver Bierhoff, ehemaliger Sportdirektor DFB
Der Bruch mit der Öffentlichkeit
Die Stimmung gegen Özil verschärfte sich noch vor dem frühen WM-Aus. Rassistische Äußerungen - nicht nur von rechten Politikern - nahmen zu. Ein SPD-Politiker nannte ihn "Ziegenficker", ein Theaterintendant forderte, er solle "nach Anatolien zurück gehen."
"Es gab einen rassistischen Ausbruch", sagt Volkan Agar, Redakteur bei Deutschlandfunk Kultur. "Ich hatte das Gefühl, ganz viele Leute haben darauf gewartet und waren glücklich, das rauslassen zu können."
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24.10.2025 | 31:11 minDFB-Präsident Grindel stellte sich nicht schützend vor Özil, sondern erklärte nach der WM, "dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte."
Das Ende einer Nationalelf-Karriere
Auf die Frage, ob sich Özil als Sündenbock gefühlt haben könnte, sagt Bierhoff: "Ja klar, wenn du so was liest, denkst du dir, keiner ruft an, und auf einmal kommt so eine Aussage vom Präsidenten. Natürlich werde ich da öffentlich vorgeführt. Das weckt Emotionen."
Özils Stellungnahme folgte schließlich in Form einer dreiteiligen Rücktrittserklärung auf Twitter, in der er Rassismus und mangelnden Respekt anprangerte und Grindel direkt angriff: "In Grindels Augen bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren."
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