ZDF-Doku "Go West!": Die DDR-Nationalmannschaft und der Mauerfall

Interview

ZDF-Doku "Go West!":WM-Aus wegen Mauerfall? Experte: "Das ist Legendenbildung"

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Der Historiker Jan Mohnhaupt spricht im Interview über die Wendejahre im Fußball. Im Interview räumt er mit einer Legende über die DDR-Nationalmannschaft auf.

Matthias Sammer

DDR-Trainer Ede Geyer steht vor der Herausforderung, sein Team nach dem Mauerfall wieder auf das große Ziel WM einzuschwören. Doch die Gedanken seiner Spieler scheinen längst woanders.

18.09.2026 | 32:46 min

Der Historiker und Journalist Jan Mohnhaupt hat ein Buch über die Wendejahre im deutschen Fußball geschrieben. Im Interview spricht er über die Zeit im DDR-Fußball direkt vor und nach der Maueröffnung und räumt dabei mit einer Legende auf.

ZDFheute: Herr Mohnhaupt, Sie steigen in Ihrem Buch über die Zeit des untergehenden DDR-Fußballs im Frühjahr 1989 ein. Welche Vorboten des Mauerfalls erleben wir da in den Stadien?

Jan Mohnhaupt: Es gab damals erste Versuche, Fußball mit mehr Unterhaltungs-Rahmenprogramm zu präsentieren. Entertainment würde man das heute nennen. Es war einfach alles zu grau und bieder geworden.

ZDFheute: Was zum Beispiel?

Mohnhaupt: Vor dem Halbfinal-Rückspiel im UEFA-Pokal zwischen Dynamo Dresden und dem VfB Stuttgart gab es etwa so skurrile Einlagen wie ein Tandem-Fahrrad-Wettrennen bekannter DDR-Sportgrößen wie Jens Weißflog und Kristin Otto. Im August beim "Supercup"-Spiel in Cottbus kam Schlagersänger Achim Mentzel in hellblaue Ballonseide gehüllt mit einer gelben Postkutsche ins Stadion gefahren, als die Mannschaften gerade aufs Feld liefen, und dribbelte sich singend zum Mittelkreis. Man hat versucht, den Fußball peppiger zu machen, allerdings ohne wirklich Grundlegendes zu ändern.

ZDFheute: Woran denken Sie?

Mohnhaupt: Set 1989 wurden auch Fußballer offiziell als Profis angesehen. Das hat Erich Honecker persönlich bestätigt. Die Idee vom Staatsamateur wurde damit zwar ad acta gelegt. Internationale Transfers wie in diversen anderen Ostblockstaaten, wo Sportler ab einem gewissen Alter oder mit einem gewissen Standing auch ins westliche Ausland wechseln durften, blieben jedoch verboten. Es war eine bleierne Zeit völligen Stillstands und gleichzeitig herrschte das Gefühl vor, dass etwas in der Luft liegt. Das war natürlich auch im Sport und im Fußball zu spüren.

DDR Fans

Fans der DDR-Nationalmannschaft nutzten die neue Reisefreiheit, um ihr Team in Wien zu unterstützen.

Quelle: IMAGO / Sportfoto Rudel

ZDFheute: Was ist aus Ihrer Sicht an der These dran, dass die DDR-Nationalmannschaft im November das entscheidende Qualifikationsspiel für die WM 1990 gegen Österreich ursächlich deswegen verloren hat, weil sechs Tage zuvor die Berliner Mauer gefallen war?

Mohnhaupt: Die DDR hatte eine sehr starke Generation, von den Namen her hatte sie das bessere Aufgebot als Österreich. Aber es wird heute teils so getan, als sei das damals eine von Euphorie beflügelte Mannschaft gewesen, die kurz davor stand, etwas Großes zu erreichen, bis das Schicksal zuschlug und sich alles gegen sie verschwor - von Mauerfall bis Schiedsrichterbetrug. Das ist Legendenbildung.

... ist Historiker und freier Journalist. In diesem Jahr erschien sein Buch "Der geteilte Rasen" über die Wendejahre 1989 bis 1992, in denen er die Veränderungen im Fußball und in der Gesellschaft dokumentiert und analysiert und zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Mohnhaupt wurde 1983 im Ruhrgebiet geboren, lebt und arbeitet seit 2020 in Magdeburg.


ZDFheute: Inwiefern?

Mohnhaupt: Die DDR-Nationalmannschaft war in der bisherigen WM-Qualifikation völlig inkonstant aufgetreten. Selbst der Fußballverband der DDR (DFV) hatte im Frühjahr 1989 im Programmheft für das Hinspiel gegen Österreich in Leipzig bereits einen Abgesang auf die WM-Teilnahme geschrieben. Es herrschte unfassbar negative Stimmung.

Archiv: Ulf Kirsten

Ulf Kirsten und Co. erlebten in Wien ein Debakel gegen Österreich.

Quelle: imago images/Sportfoto Rudel

Als dann Eduard Geyer erst im September als Nationaltrainer von Wolfgang Zapf übernahm, gab es mit den Siegen auf Island und gegen die Sowjetunion, die damals Vizeeuropameister war, plötzlich wieder etwas Hoffnung. Aber zuvor hatte die DDR gegen die Türkei zweimal ganz schlecht ausgesehen. Auch im Ausland fragte man sich, wie die Mannschaft mit so vielen guten Dresdner Spielern so schlecht sein könne.

Dass die historischen Ereignisse dann diese labile Mannschaft geschwächt haben, ist nachvollziehbar. Aber man kann nicht behaupten, dass das eine tolle, verschworene Einheit war, der plötzlich gegen jede Logik ein Schicksalsschlag widerfuhr.

Das Interview führte Ullrich Kroemer.

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Quelle: Reuters

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Über das Thema berichtete das ZDF am 18.09.2026 ab 00:00 Uhr in der treiteiligen Doku "Go West!" Die letzte 11 der DDR

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