Ein Jahr nach Hamas-Angriff:Ricarda Louk: "Es wird immer schlimmer"
Die Deutsch-Israelin Shani Louk war unter den Opfern der Hamas-Terrorattacke vor einem Jahr. Ihre Mutter spricht über Trauer, zunehmenden Judenhass und ihre Sorge um die Zukunft.
Die junge Deutsche Shani Louk ist am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen ermordet worden. Ihre Mutter Ricarda Louk erzählt, wie es ihr ein Jahr danach geht.
Quelle: dpaRicarda Louk ist die Mutter der jungen Shani Louk, die am 7. Oktober 2023 auf dem Nova-Musikfestival von Hamas-Terroristen verschleppt und ermordet wurde. Sie muss nicht nur die Trauer um ihr Kind verarbeiten, sie ist auch mit zunehmendem Judenhass in Deutschland konfrontiert. Das berichtet sie ZDFheute.
ZDFheute: Der 7. Oktober 2023 ist jetzt fast ein Jahr her. Wie haben Sie dieses Jahr persönlich erlebt? Wie geht es Ihnen jetzt?
Ricarda Louk: Das ist wie eine Achterbahn. Das letzte Jahr war immer rauf und runter. Die Trauer und alles, was passiert ist, das hat sich lange hingezogen. Zuerst war sie entführt, dann war sie tot. Und dann hatten wir keinen Körper, und dann ist die Leiche zurückgekommen.
Am 7. Oktober 2023 stürmen Hamas-Killerkommandos vom Gazastreifen nach Israel, ermorden Zivilisten, verschleppen Geiseln und provozieren eine verheerende israelische Militäraktion.
24.09.2024 | 44:07 minDas war ein schwieriges Jahr, das kann sich wahrscheinlich keiner vorstellen.
Man wird die ganze Zeit daran erinnert, weil die Geiseln immer noch dort sind und in Israel erlebt man das wirklich tagtäglich.
Ricarda Louk, Mutter Shani Louk
Aber wir haben uns entschieden, wir machen weiter, und wir schauen nach vorne und versuchen, das Leben positiv zu sehen.
ZDFheute: Man hört immer wieder, dass in Deutschland auf Demonstrationen die Verbrechen des 7. Oktober sogar geleugnet werden. Wie schauen Sie darauf, dass das in Deutschland möglich ist?
Ricarda Louk: Es macht mich wütend. Es gibt so viele Zeugenaussagen, es gibt so viele Videos, die selbst gedreht worden sind von der Hamas, die die Verbrechen belegen. Es ist unglaublich, dass es Menschen gibt, die so etwas behaupten. Ich verstehe wirklich nicht, dass es hier so ausartet. Es ist schwierig.
Antisemitismus ist seit dem 7. Oktober 2023 ein offen diskutiertes Problem in Deutschland. Dass der Nährboden dafür schon viel länger existiert, zeigt nun die Dokumentation "Warum Judenhass?".
27.01.2024 | 43:39 minZDFheute: Wie erklären Sie sich, dass Kritik am Staat Israel in Judenhass umschlägt?
Ricarda Louk: Ich weiß nicht, ob das schon immer im Untergrund geschlummert hat, und jetzt traut man sich, das öffentlich zu sagen. Es kann auch sein, dass radikale Muslime fordern, jetzt gegen Juden auch hier Propaganda zu machen und Leute mitziehen. Da bin ich mir nicht sicher.
Ricarda Louk, die Mutter der ermordeten Shani Louk.
Quelle: ZDFZDFheute: Haben Sie neben Solidarität auch Hass und Drohungen erfahren?
Ricarda Louk: Ja, auf jeden Fall. Man kriegt viele Kommentare über Social Media, viele hässliche Sachen. Ich sei ja selber schuld, wenn ich nach Israel gehe, ich sei selber schuld, dass meine Tochter jetzt tot ist, wer geht denn in so ein Land, so ein Kriegsland? Viele Judenhass-Kommentare gibt es schon.
- Festivalbesucher: "Es war ein Schlachtfeld"
- Rolle der sozialen Medien beim Hamas-Angriff
ZDFheute: Ist das nicht absurd?
Ricarda Louk: Das ist absurd, ja.
Ich bin als Deutsche hier groß geworden, bin in Deutschland aufgewachsen und meine Tochter ist ermordet worden, weil sie Jüdin ist. Es ist unglaublich und ich verstehe es wirklich nicht.
Ricarda Louk, Mutter Shani Louk
Der Religionshass ist nicht nachvollziehbar.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel hat sich in Deutschland die Zahl antisemitischer Vorfälle deutlich erhöht.
16.07.2024 | 10:11 minZDFheute: Was sagt das über Deutschland aus, dass so etwas hier möglich ist?
Ricarda Louk: Es ist erschreckend. Ich mache mir Sorgen, was in der Zukunft passiert, wenn es so weitergeht. Deutschland ist eine Demokratie, aber auch die Meinungsfreiheit muss eine Grenze haben. Wenn es aggressiv wird und andere eingeschüchtert werden, dann hat das nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun.
Es kommt mir vor, als ob die einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind. Leute haben oft gar keine Ahnung davon, was in Israel passiert, wo gibt es besetzte Gebiete und wo nicht. Die sind so uninformiert, das ist lächerlich und traurig.
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ZDFheute: Nach dem 7. Oktober gab es Solidaritätsbekundungen – auch aus der Spitzenpolitik. Waren das am Ende nur Lippenbekenntnisse?
Ricarda Louk: Da bin ich mir auch nicht sicher. Es wird immer schlimmer. Der Krieg geht weiter. Es gibt mehr Tote, mehr Verletzte auf beiden Seiten. Die Kritik wächst gegenüber Israel. Das kann ich auch verstehen. Aber trotzdem, das hat nichts mit dem Judenhass hier zu tun. Da muss man eine Grenze ziehen.
Das Interview führten Britta Spiekermann und David Gebhard aus dem ZDF-Hauptstadtstudio. Das Gespräch fand nach einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Jahrestag des 07. Oktober 2023 statt.
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