Gaza: "Ärzte ohne Grenzen" fordert Unterstützung aus Berlin

Interview

Hilfsorganisation droht Rauswurf:Gaza: "Ärzte ohne Grenzen" fordert Unterstützung aus Berlin

|

Israel verschärft die Auflagen für Hilfsorganisationen. Christian Katzer, Geschäftsführer von "Ärzte ohne Grenzen" in Deutschland, beklagt "Zynismus" und fordert Hilfe aus Berlin.

Wind und Regen zerstören Zelt, das einer palästinensischen Familie in Khan Younis Schutz bot.

Israel will mehreren Hilfsorganisationen die Lizenz zur Arbeit im Gazastreifen entziehen.

10.01.2026 | 0:53 min

ZDFheute: Trotz Waffenstillstands in Gaza werden dort weiterhin viele Kinder getötet und verletzt, beklagt aktuell die Kinderhilfsorganisation Unicef. Warum ist angesichts dessen die Weiterarbeit von "Ärzte ohne Grenzen" in Gaza gefährdet?

Christian Katzer: Insgesamt ist die Arbeit von mehr als 30 internationalen Hilfsorganisationen bedroht. Israel hat im März 2025 neue Regeln für die Registrierung von Nichtregierungsorganisationen eingeführt - ein Schritt, den wir als zynischen Versuch sehen, unabhängige humanitäre Arbeit einzuschränken und Verpflichtungen nach internationalem Recht zu unterlaufen.

Durch bürokratische Hürden wird der Zugang zu lebenswichtiger Versorgung für die Notleidenden erschwert und wir werden daran gehindert, die Lage zu dokumentieren.

Wir haben 2025 direkt einen neuen Lizenzantrag erstellt, die Behörden haben ihn aber für unvollständig erklärt. Uns bleiben nun 60 Tage, um eine Registrierung zu erhalten - oder unsere Arbeit einzustellen. Zuletzt sind uns bereits Hilfslieferungen und die Einreise mehrerer Helfer verwehrt worden.

Ein Kind läuft durch ein nasses, zerstörtes Zeltlager.

Hunderttausende leben in Gaza in Notunterkünften. Ein Wintersturm hat viele Zelte unter Wasser gesetzt. Überall versuchen die Menschen, ihren Alltag irgendwie zu organisieren.

29.12.2025 | 1:38 min

ZDFheute: Israel verlangt Personendaten. Warum können oder wollen Sie die nicht bereitstellen?

Katzer: Die Behörden verlangen eine vollständige Liste aller Mitarbeitenden - eine Vorgabe, die für uns erhebliche Risiken birgt. Wir wissen nicht, wozu diese sensiblen Daten verwendet werden.

Unsere Sorge ist begründet: In den vergangenen zwei Jahren wurden 15 unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gazastreifen getötet.

Ohne ein Gespräch zur Klärung dieser Bedenken können wir solche Daten nicht herausgeben. Das wäre auch in anderen Ländern undenkbar.

Christian Katzer
Quelle: Christian Katzer

… ist Geschäftsführer der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins Sans Frontières, MSF). Die international tätige humanitäre Organisation leistet Nothilfe in Krisen- und Konfliktgebieten - unabhängig von politischen Interessen. Teams aus lokalen und internationalen Fachkräften versorgen Menschen dort, wo nationale Gesundheitssysteme zusammengebrochen sind oder Gewalt den Zugang zu Behandlung erheblich erschwert. Für ihr Engagement erhielt die Organisation 1999 den Friedensnobelpreis.

(Quelle: ZDF)


ZDFheute: "Ärzte ohne Grenzen" hat wiederholt einen "Genozid" im Gazastreifen beklagt, was die israelische Regierung zurückweist. Auf der anderen Seite wirft Israel drei ehemaligen Mitarbeitern Ihrer Organisation "Verbindungen zum Terrorismus" vor. Wie gehen Sie damit um?

Katzer: Dazu zwei Anmerkungen: Zum einen verwenden wir den Begriff "Genozid" nicht leichtfertig. Seit zwei Jahren dokumentieren wir im Gazastreifen massenhaft Tote, die systematische Zerstörung durch israelische Streitkräfte, wiederholte, willkürliche Vertreibung und den nahezu vollständigen Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Wohnhäuser und zentrale zivile Infrastruktur wurden gezielt angegriffen, humanitäre Hilfe als Druckmittel eingesetzt. Angesichts dieser Muster sehen wir die Absicht, die palästinensische Bevölkerung aus Gaza zu verdrängen - und fühlen uns verpflichtet, das klar zu benennen.

Überschwemmungen treffen Zelte von vertriebenen Palästinensern nach starken Regenfällen im Gazastreifen

Die israelischen Angriffe auf Gaza halten an. Auch starke Regenfälle und kalte Temperaturen verschlechtern die Situation für Hunderttausende Vertriebene, die in Zeltlagern leben.

21.12.2025 | 2:34 min

Zum anderen weisen wir den Vorwurf, Mitarbeiter mit Verbindungen zu bewaffneten Gruppen beschäftigt zu haben, entschieden zurück.

Wir würden niemals Menschen einstellen, die in militärische Aktivitäten involviert sind - das widerspricht unseren Grundwerten. Unsere Auswahlverfahren sind streng.

Im aktuellen Fall haben wir erst nach dem Tod der drei Mitarbeitenden von den Anschuldigungen erfahren - belastbare Informationen wurden uns zuvor nicht mitgeteilt und bis heute auf Bitten nicht vorgelegt.

ZDFheute: Was würde ein erzwungener Rückzug Ihrer Teams für die medizinische Versorgung der Menschen in Gaza bedeuten?

Katzer: Das würde eine signifikante Lücke reißen. Allein im vergangenen Jahr haben wir rund 100.000 medizinische Notfälle versorgt, 23.000 chirurgische Eingriffe durchgeführt und 40.000 psychologische Beratungen angeboten. Wir behandeln mangelernährte und verletzte Kinder, leisten Geburtshilfe und haben 2025 auch 100 Millionen Liter Trinkwasser verteilt.

Palästinenser warten auf Rückkehr nach Nord-Gaza

Zehntausende Menschen kehrten im Oktober in den Norden von Gaza zurück – und finden eine Trümmerlandschaft vor. Nach zwei Jahren Krieg benötigt die Bevölkerung dringend humanitäre Hilfe.

11.10.2025 | 1:38 min

ZDFheute: Was fordern Sie, und auf welche Unterstützung hoffen Sie?

Katzer: Israel muss seiner völkerrechtlichen Verpflichtung nachkommen und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe in Gaza und das Westjordanland ermöglichen. Hilfe darf kein politisches Instrument sein. Ein erster Schritt wäre, unsere Bedenken anzuhören und Gespräche zuzulassen, um eine Lösung zu finden, die sowohl Sicherheitsinteressen Israels als auch den Bedarf der palästinensischen Bevölkerung berücksichtigt.

Dafür braucht es internationalen Druck, auch von der Bundesregierung.

Ein öffentliches Bekenntnis zum humanitären Völkerrecht ist dringend nötig, denn dessen Erosion gefährdet humanitäre Helfer und trifft die Zivilbevölkerung am härtesten.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress in dem Beitrag "Winter verschlimmert Lage im Gazastreifen" am 10.01.2026 um 08:50 Uhr.

Aktuelle Nachrichten zum Nahost-Konflikt