DFB-Lehrwart zu den Regeln der FIFA:Lutz Wagner: "Wir machen nicht alle Ausnahmen mit"
Die neuen Fußballregeln zeigen Wirkung, doch sie haben eine Kehrseite. DFB-Lehrwart Lutz Wagner erklärt, warum besonders Amateur-Schiedsrichter schnell den Überblick verlieren.
DFB-Lehrwart Lutz Wagner
Quelle: dpaZDFheute: Herr Wagner, Sie waren unter anderem als TV-Experte für die WM im Einsatz. Wie fällt Ihr Fazit zu den neuen Regeln aus?
Lutz Wagner: Sie haben sich überwiegend positiv ausgewirkt, weil sie gar nicht groß angewendet werden mussten. Allein die Ankündigung hat das Verhalten verändert. Beispiele: Die einwerfenden Spieler lassen sich nicht mehr so viel Zeit, der gefoulte Spieler steht schneller wieder auf.
Die Nettozeit hat sich zum Positiven verändert.
Lutz Wagner
So mancher Schiedsrichter-Pfiff bei der WM hat Fans und manche Spieler verwundert. ZDF-Schiedsrichter-Experte Thorsten Kinhöfer erklärt uns einige der wichtigsten Neuerungen bei dem Turnier.
21.06.2026 | 4:38 minKopfverletzungen: UEFA und DFB sind Tick strenger
ZDFheute: Der Weltverband FIFA hat neben den verbindlichen Regeln auch solche entwickelt, die die jeweiligen Kontinental- und Landesverbände optional übernehmen können. Wie ist die Haltung des DFB?
Wagner: Bei den Verletzungen machen wir nicht alle Ausnahmen mit, die die Regeln einschränken. Wie zum Beispiel bei Kopfverletzungen. Wir sagen: Das ist so gravierend, da muss der Spieler vom Feld. Wir haben nämlich gesehen, dass sich jetzt viele Spieler nach Fouls an den Kopf fassen und eine Verletzung vortäuschen, um später nicht eine Minute warten zu müssen, ehe sie wieder aufs Feld dürfen. Da sind UEFA und DFB also einen Tick strenger.
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ZDFheute: Wie schauen Sie auf das Thema "mistaken identity", wenn ein Spieler beim Verwarnen oder beim Platzverweis verwechselt wird?
Wagner: An dieser Stelle agieren wir nur auf die Person bezogen. Bei der WM wurde auch die Verwechslung von Foul und Schwalbe geahndet. Der DFB reagiert somit nur, wenn die Spieler verwechselt worden sind, sprich die Identität verwechselt wurde. Das Vergehen selbst wird nicht korrigierend bewertet. Das ist einfach und nachvollziehbar.
Das vermeintliche Tor von Jonathan Tah zur 2:1-Führung für die DFB-Elf wurde nach einem VAR-Einsatz aberkannt. ZDF-Schiedsrichterexperte Torsten Kinhöfer ordnet die Szene ein.
30.06.2026 | 0:12 min"In unteren Ligen pfeift der Schiedsrichter ganz allein"
ZDFheute: Welche Probleme sehen Sie mit den neuen Regeln auf die Schiedsrichter vor allem im Amateurbereich zukommen?
Wagner: Einige. Bei der WM hatten wir drei Schiedsrichter, einen vierten Offiziellen, einen Ersatz-Vierten, einen VAR und einen Ersatz-VAR in jeweils einem Spiel im Einsatz. Der Hauptschiedsrichter kann Aufgaben also auch delegieren.
Wenn ich in Deutschland in die 3. oder 4. Liga gehe, habe ich keinen VAR mehr oder keinen vierten Offiziellen. Und in den unteren Ligen pfeift der Schiedsrichter ganz allein. Jetzt hat der Schiedsrichter aber immer mehr administrative Aufgaben. Das geht zu Lasten seiner Hauptaufgaben und seiner Konzentration.
ZDFheute: Was meinen Sie konkret?
Wagner: Stellen wir uns ein Kreisligaspiel vor. In einem Moment ist ein Spieler auf Zeit draußen, einer ist verletzt, einer will ausgewechselt werden, und dann wirft einer ein, der angezählt werden muss. Mal ganz ehrlich: Erstmal braucht der Schiedsrichter mehrere Uhren. Und er verliert vielleicht auch den Überblick.
ZDFheute: Was schlagen Sie vor?
Wagner: In erster Linie soll der Schiedsrichter ein Spiel leiten. Fouls erkennen, Strafstöße erkennen, aufs Abseits schauen, die richtigen Tore anerkennen, die richtigen Karten verteilen. Wir sollten deshalb die Schiedsrichter in den Amateurklassen unterstützen, ihren Job einfach zu halten. Es sollte heißen:
Beachtet die neuen Regeln, aber setzt die richtigen Prioritäten.
Lutz Wagner zu den Schiedsrichtern in den Amateur-Klassen
Strafstoßausführung sollte einfach gehalten werden
ZDFheute: Welche weiteren Regeln würden Sie sich wünschen?
Wagner: Ich bin in einem Expertengremium und wir haben der FIFA den Vorschlag gemacht, die Strafstoßausführung einfacher zu halten. Wenn einer verschießt, hat er verschossen. Sprich, es gibt nicht die Möglichkeit des Nachschusses.
Das hätte zur Folge, dass die Schiedsrichter nur noch überwachen, was der Schütze macht und der Torhüter, aber nicht mehr die Spieler, die beim Schuss in den Strafraum rennen. Generell wäre ich dafür, bei allen Regeln die Devise anzusetzen: Keep ist simpel - haltet es einfach.
Das Interview führte Martin Henkel.
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