Geräte-Explosionen:Experte: Wenig Optionen für Hisbollah-Rache
Im Libanon explodieren Hunderte Funkempfänger, dann Walkie-Talkies. Alles deutet auf die Urheberschaft Israels hin, so Experte Hinz. Und auf geplante "größere Militäraktionen".
ZDFheute: Wer könnte hinter diesen Anschlägen stecken?
Fabian Hinz: Also wenn man sich die Komplexität dieses Angriffes ansieht, dann gibt es nur zwei mögliche Verdächtige, die das ausgeführt haben könnten. Das wären die USA oder Israel.
Wenn man sich die aktuelle geopolitische Lage anschaut und auch die Zurückhaltung der USA in vielen Bereichen, dann ist es relativ klar, dass das eine israelische Aktion war.
Die Israelis haben aber auch immer wieder Lieferketten infiltriert, um Equipment, das teilweise Fehler hatte, aber auch mit Sprengstoff präpariert war, in das Nuklearprogramm des Iran einzuschleusen. Gerade beim iranischen Raketenprogramm hatten sie vor einiger Zeit einen Vorfall, wo Kabelverbinder explodiert sind. Die Iraner haben das öffentlich gemacht. Das heißt, sie haben da einen wirklich etablierten israelischen "Modus Operandi", der jetzt auf noch größere Weise und noch überraschendere Weise eingesetzt wurde.
ZDFheute: Sind das bedeutende Schläge im militärischen Sinne? Welche Bedeutung haben diese Pager-Angriffe für Israel?
Hinz: Also ich glaube, den Effekt dieser Pager-Angriffe auf die militärische Macht der Hisbollah darf man wirklich nicht unterschätzen.
Zum einen ist die Hisbollah natürlich eine sehr starke Miliz, aber sie ist trotzdem zahlenmäßig nicht mit Armeen zu vergleichen. Man spricht von so ungefähr 50.000 Kämpfern der Hisbollah - viele davon in Teilzeit. Der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, sagt 100.000. Man weiß nicht, wie groß die Zahl wirklich ist. Aber wenn Sie in einer solchen Armee einer solchen Größenordnung mehrere Tausend Verletzte haben, die erstmal nicht kampffähig sind und in einigen Fällen vielleicht auch nie wieder kampffähig sein werden - wenn Sie sich anschauen, dass Leute erblindet sind nach diesen Angriffen - dann schwächt das natürlich die Kampfkraft ganz deutlich.
Zum anderen haben sie das Kommunikationssystem dieser Miliz stark gestört. Und die Hisbollah muss jetzt annehmen, dass jedes einzelne ihrer Kommunikationsmittel kompromittiert sein könnte.(...) Das heißt, man muss eigentlich jedes Kommunikationsmittel, das man hat, auf Herz und Nieren überprüfen und austauschen. Das wird lange Zeit dauern.
Und auch intern muss untersucht werden: Wer war dafür verantwortlich, diese Pager zu kaufen, wie wurde das organisiert, war das Inkompetenz, war das eventuell Korruption, dass da Dinge nicht beachtet worden sind? Das wird in einer autoritär geführten Organisation wie der Hisbollah auch ordentlich Paranoia auslösen. Von daher haben sie schon wirklich die Kampfkraft der Hisbollah geschwächt.
ZDFheute: Warum passiert dieser Angriff ausgerechnet jetzt?
Hinz: Da gibt es zwei Optionen: Erstens, dass sich Israel auf einen größeren Angriff auf die Hisbollah vorbereitet. Im Norden Israels geht die Angst um, dass die Terrormiliz da auch einen Angriff wie am 7. Oktober 2023 startet. Das ist die große israelische Angst.(...) Da gibt es Stimmen, die sagen, wir müssen da jetzt für Sicherheit sorgen, indem wir gegen die Hisbollah noch massiver vorgehen.
... ist Militär- und Waffenexperte und forscht momentan im Berliner Büro des Thinktanks International Institute for Strategic Studies (IISS) zu den Themen Verteidigung, Militäranalyse und Nahost.
Zweitens, dass man diese Aktion geplant und gestartet hat - und dann mitbekommen hat, dass die Hisbollah Wind bekommen hat von diesen Plänen und irgendetwas gerochen hat. Und dann muss man sich entscheiden: Wartet man weiter und riskiert, dass die Hisbollah alle Pager zurückruft - oder startet man diese Aktion jetzt? Wie man auf Englisch so schön sagt: 'Use it or lose it.'
ZDFheute: War das nicht alles nur reiner Zufall, könnte da nicht eine größere Operation dahinter stecken?
Hinz: Das ist durchaus möglich. Wie gesagt, es besteht die Möglichkeit, dass man jetzt noch größere Militärschläge gegen die Hisbollah plant. Das heißt, auch größere Militäraktionen so zu starten, ohne jetzt beispielsweise eine Invasion des Südlibanons zu planen, wäre durchaus denkbar.
ZDFheute: US-Außenminister Blinken hat gesagt, wichtig sei, dass alle Beteiligten eine Eskalation des Konflikts vermeiden. Ist das nicht eigentlich eine Botschaft an Israel, solche Dinge, wie wir sie gestern und heute erleben, zu unterlassen?
Hinz: Also es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass die USA vielleicht teilweise frustriert sein könnten von den israelischen Aktionen. Die Frage bei solchen Aktionen stellt sich auch immer, hat man die Amerikaner vorher gewarnt, dass das kommen wird oder nicht?
Was die weitere Eskalationsmöglichkeit angeht, könnte man das unterschiedlich sehen. Man könnte sagen, man ist einem Waffenstillstand in Gaza näher gekommen, deswegen sollten alle weniger eskalieren. Aus israelischer Perspektive könnte man sagen, wenn wir einen Waffenstillstand in Gaza haben, dann können wir tatsächlich Truppen von dort abziehen, um die Bedrohung im Norden zu bekämpfen, in dem Fall Hisbollah.
ZDFheute: Wird das nicht eskalieren?
Hinz: Ich glaube, von der Seite der Hisbollah aus steht man vor einem großen Dilemma. Denn das war wirklich ein substanzieller Angriff. Man möchte zurückschlagen, man möchte die eigene Abschreckungsfähigkeit wiederherstellen, hat dort aber auch nicht wirklich gute Optionen.
Der letzte große Vergeltungsschlag der Hisbollah auf Israel, nach der Tötung des Hisbollah-Kommandeurs Fuad Schukr, ist eigentlich verpufft (...), der hatte keinen großen Effekt. Startet man einen Angriff, der einen größeren Effekt hat, könnte man einen großen Krieg auslösen, das möchte die Hisbollah nicht und vor allem ihr iranischer Sponsor auch nicht. Von daher stellen sich da auch keine wirklich guten Optionen dar.
Das Interview führte ZDFheute live-Moderator Carsten Rüger, zusammengefasst hat es ZDFheute-Redakteurin Elisabeth Jändl.
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von Katharina Schuster