Milizen überqueren Grenze:Wie Iran den Irak in den Krieg zerrt
von Golineh Atai
Geschätzt Tausende pro-iranische Milizen aus dem Irak - formell irakische Regierungssoldaten - sind in Iran aufgetaucht. Damit gilt der Irak als nicht mehr neutral im Konflikt.
Irakische Demonstranten bekundeten schon vor dem Krieg ihre Solidarität mit Iran gegen US-Drohungen. Nun überqueren pro-iranische Milizen aus dem Irak die Grenze zu Iran. (Archivbild)
Quelle: dpaSeit dem Wochenende kursieren die Bilder in den arabischen Nachrichtensendern: Ein ungewöhnlich langer Konvoi von weißen Pick-ups mit irakischen Flaggen und triumphierenden Kämpfern, die vom irakischen Basra in den Süden Irans fahren. Ein Video zeigt sie beim Kochen in einem Zelt: Angeblich seien sie dort, um den Iranern Spenden und Lebensmittel zu überbringen. Auf einem ihrer Lkw steht "Unterstützung und Sieg".
Werden hier irakische Kämpfer nach Iran eingeschleust - zu einem Zeitpunkt, an dem US-Präsident Donald Trump einen Bodenkrieg erwägt?
Während Israel und die USA Iran angreifen, feuert Iran Raketen und Drohnen auf Nachbarstaaten. Auch dort gibt es Verletzte, sind die Menschen in Angst oder auf der Flucht.
11.03.2026 | 14:39 minMilizen gehören zu "Achse des Widerstands" in Iran
Die irakischen Volksmobilisierungskräfte, zu denen diese Männer gehören, sind Überbleibsel des irakischen Kampfes gegen den IS. Es sind mehrheitlich schiitische Milizen, die in Irans "Achse des Widerstands" operieren - aber formell dem Kommando des irakischen Verteidigungsministeriums unterstehen.
Seit Kriegsbeginn flankieren sie Teheran: mit Angriffen von irakischem Boden aus auf arabische Nachbarländer, auf Ölanlagen und US-Basen oder westliche diplomatische Vertretungen im Irak - oder auf die kurdische Autonomieregion im Nord-Irak. Von der Regierung in Bagdad haben sie dafür keinerlei Konsequenzen erfahren. Dass sie die eigene Lebensader des Irak - den Ölexport - gefährden, zeigt: Auch wenn der Irak für Teheran wichtig ist, um die US-Sanktionen zu umgehen, Geldwäsche zu betreiben und an dringend benötigte US-Dollar zu kommen, sind seine Milizen bereit, im Irak Chaos zu verursachen - und an dem Tisch zu sägen, an dem sie selbst sitzen.
"Bagdad hat die intensivsten Angriffe pro-iranischer Milizen seit zwei Wochen erlebt", so Golineh Atai, ZDF-Nahost-Korrespondentin, in Erbil/Irak. Ziel sei, den Irak "in den Krieg mit hereinzuziehen".
17.03.2026 | 4:02 minGrenzübertritt von irakischen Kämpfern nach Iran
Und nun auch noch der Grenzübertritt. Der irakische Journalist Lawk Ghafuri schreibt auf X: "Eine hochrangige Sicherheitsquelle in Bagdad bestätigte mir, dass der Konvoi auch dem Einschleusen von vermutlich über tausend irakischen Kämpfern nach Iran gedient habe."
Es ist alarmierend: Irakische Staatsstreitkräfte dringen in Iran ein, um für Teheran zu kämpfen.
Lawk Ghafuri, irakischer Journalist
"Irans Versuch, über verbündete Milizen den Irak in den Krieg zu zerren, ist hochgefährlich", sagt der irakische Demokratie-Aktivist Ahmad Al-Washah gegenüber ZDFheute. Al-Washah nennt Ross und Reiter beim Namen, wenn es um Irans Einfluss im Irak geht.
Viele iranische Kurden sind vor dem Mullah‑Regime in den Nordirak geflohen. Seit Berichten über mögliche kurdische Bodentruppen kursieren, greift Iran die Region immer wieder an.
27.03.2026 | 2:38 minSolche Deutlichkeit hatte Todesdrohungen zur Folge: Al-Washah musste von Bagdad in den kurdischen Nord-Irak fliehen. "Die Entwicklung fing 2003 an, mit der US-Invasion des Irak. Damals schlich sich Iran unter dem Vorwand der Religion, zum angeblichen Schutz seiner schiitischen Glaubensbrüder, in den Irak hinein, gab viel Geld aus und gründete Parteien. Als die Amerikaner sich aus dem Irak zurückzogen, händigten sie den Iranern das Land auf dem Silbertablett aus", erklärt Al-Washah.
Jeder, der sich für freie Rede einsetzt und die Dominanz dieser Gruppen über den Staat und ihr kriminelles Verhalten ablehnt, muss mit Tod oder Vertreibung rechnen.
Ahmad Al-Washah, irakischer Aktivist
Neue Spekulationen um einen möglichen Einsatz amerikanischer Bodentruppen im Iran-Krieg wurden von Trump bisher nicht bestätigt. Pakistan agiert als Vermittler und will ein Treffen ausrichten.
30.03.2026 | 2:02 minEnde des Mullah-Regimes wäre Chance für Irak
Würde der Iran-Krieg zu einem Ende des Regimes in Teheran führen, wäre das auch eine große Chance für einen freien, von Iran unabhängigen, endlich souveränen Irak. "Es ist an der Zeit, diese Gruppen zu entfernen. Das bedeutet aber auch Eskalation: Wenn sich Irans Milizen ihrem Ende nahe fühlen, dann werden sie im Irak eine Strategie der verbrannten Erde verfolgen", warnt der Aktivist.
Sie könnten Chaos schaffen durch gezielte Tötungen einflussreicher öffentlicher Personen im Irak.
Ahmad Al-Washah, irakischer Aktivist
Al-Washah ist gut vernetzt. Er hat gegenüber ZDFheute bestätigt, dass irakische Milizengruppen auch für die Niederschlagung der iranischen Protestbewegung im Januar im Einsatz waren. Es seien die gleichen Milizen, die nominell Teil der Regierung in Bagdad sind.
Eine Kapitulation sei für das Mullah-Regime keine Option, sagt Cornelius Adebahr von der DGAP. Jede Führungsperson in Teheran wisse, dass das auch härteste persönliche Konsequenzen hätte.
19.03.2026 | 19:28 minRegierung in Bagdad hat keine Kontrolle über pro-iranische Milizen
Iraks Regierung hat im aktuellen Iran-Krieg lange versucht, das Gleichgewicht zu wahren im Tauziehen zwischen Washington und Teheran auf Iraks Boden. Der irakische Außenminister Fuad Hussein gibt im Interview mit dem kurdischen Mediennetzwerk Rudaw aber auch zu, dass die Regierung in Bagdad militärisch und ideologisch nicht in der Lage sei, die Milizen zu kontrollieren.
Die USA haben die pro-iranischen Milizen-Stellungen im Irak aus der Luft angegriffen - mehr als hundert Milizen wurden dabei bereits getötet. Trumps 15-Punkte-Plan fordert von Irans Regime, dass es die Unterstützung für diese Milizen endlich einstellen solle.
Erst jüngst wurde Bagdad von seinen arabischen Nachbarn deutlich zur Verantwortung gezogen, weil es die Drohnen- und Raketenangriffe der Milizen von seinem Boden aus auf Jordanien und die Golfländer nicht unterbunden hat. Die Konvoi-Bilder aber verstärken den Eindruck, dass Bagdad ein bloßes Instrument Teherans geworden ist. Und der Irak endgültig in einen größeren Krieg mit hineingezogen wird.
Golineh Atai ist Leiterin des ZDF-Studios in Kairo.