Branche unter Druck:Wenn sich Festivals nicht mehr rechnen
von Anja Klingen
Rund 1.800 Musikfestivals gibt es in Deutschland. Doch nur 15 Prozent machen Gewinn. Für kleine Veranstalter wird die Lage zunehmend existenziell.
Kleine Musik-Festivals wie das "Jetzt & Immer" haben es schwer. Förderung bekommen nur wenige. Sie machen viel Arbeit, sind oft finanziell ruinös - und doch sehr wichtig kulturell.
10.09.2026 | 2:44 minDie Bühne steht, die Kabel liegen, die ersten Bands sind gebucht. Zum siebten Mal heißt es in Ratingen: "Jetzt & Immer". Was nach Festival-Routine klingt, ist für die fünf Macher längst ein Kraftakt geworden. Denn wirtschaftlich ist das kleine zweitägige Musikfestival ein Risiko.
Im Jahr 2025 verursachte das Festival rund 44.000 Euro Schulden. Ein Minus, das sich nicht einfach auffangen lässt. Für die Veranstalter war deshalb klar: 2026 wird entscheidend. Wenn das Festival nicht die Kurve bekommt, könnte nach sieben Ausgaben Schluss sein.
Wenn man sich dann überlegt, dass es eigentlich ein Hobby ist, was wir machen neben unserer Arbeit - dann sind das Summen, die rechtfertigt kein Hobby mehr.
Simon Klein, "Jetzt & Immer"-Veranstalter
Das Problem ist kein Einzelfall. Kleine und mittlere Musikfestivals geraten bundesweit zunehmend unter Druck. Während große Veranstaltungen wie "Wacken" oder "Rock am Ring" Rekordzahlen verzeichnen, wird es für die kleineren Veranstalter ohne finanziellen Puffer immer schwieriger. Künstlergagen steigen, ebenso die Kosten für Technik, Bühnen, Security, Strom, Müllentsorgung, Versicherungen und zahlreiche weitere Dienstleistungen.
Beim Schleswig-Holstein Musik Festival finden acht Wochen lang Konzerte verschiedener Genres wie Klassik, Jazz und Pop statt. Im Fokus dieses Jahr: die Musikmetropole Stockholm.
09.08.2026 | 2:59 minNur jedes sechste Festival macht Gewinn
Wie angespannt die Situation ist, zeigt die Festivalstudie "Musikfestivals in Deutschland", aus dem Jahr 2025. Rund 1.800 Musikfestivals gibt es demnach bundesweit. Nur 15 Prozent erzielten mit ihrer letzten Ausgabe einen Gewinn, 30 Prozent schlossen mit einem Verlust ab.
Nelly Welskop vom Interessenverband Livekomm und der Bundesstiftung LiveKultur, war an der Festivalstudie beteiligt. Für sie ist ein Festival mehr als nur Musik.
Festivals sind nicht nur Kulturangebote. Sie sind lokale Netzwerke, wirtschaftliche Faktoren und soziale Orte. Gerade außerhalb der großen Städte schaffen sie Räume für Begegnung und kulturelle Teilhabe.
Nelly Welskop, Livekomm und LiveKultur
Die Kosten steigen, das Publikum spart
Das Problem: Die gestiegenen Kosten können Veranstalter nur bedingt an ihr Publikum weitergeben. Ein Festivalbesuch ist längst mehr als der Ticketpreis: Anreise, Essen, Getränke und gegebenenfalls Übernachtung. Und: Viele Besucher ziehen große Festivals mit Top-Acts den kleinen Veranstaltungen mit weniger bekannten Künstlern vor.
Das Reeperbahnfestival ist eines der bekanntesten Sprungbretter für Newcomer. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will die Förderung jetzt um gut die Hälfte kürzen.
06.08.2026 | 2:34 minVier Millionen Euro reichen nicht für alle
Unterstützung kommt vom Staat. Der Festivalförderfonds der Bundesregierung für Kultur und Medien wurde für 2026 von zwei auf vier Millionen Euro aufgestockt. Doch selbst diese Summe reicht nicht für alle. Bei 463 Anträgen konnten gerade mal 134 bewilligt werden, das sind rund 29 Prozent.
Die Förderung kann helfen, ein Festival zu stabilisieren. Sie kann aber nicht alle Kostensteigerungen auffangen - und schon gar nicht jedes Festival retten.
Kleinere, mittlere Festivals bieten Auftrittsmöglichkeiten für Nachwuchsbands. Dort werden Kontakte geknüpft mit Management, mit anderen Künstlerinnen, mit Agenturen. Und dort entstehen tatsächlich auch irgendwann Karrieren.
Nelly Welskop, Livekomm und LiveKultur
Nelly Welskop weist daher darauf hin, dass "die ganze Festivalbranche als ein System zusammenhängt". Sie müsse sich unterstützen.
Beim Rheingau Musik Festival wird nicht nur klassisch musiziert: Zwischen Weinbergen gibt es auch Chanson, Soul und Jazz – ein Sommer voller Klang, Genuss und Lebensfreude.
02.08.2026 | 3:04 minIn Ratingen geht es weiter
Trotzdem soll es weitergehen. Das "Jetzt & Immer" war ein Teilerfolg. Mehr Ticketverkäufe denn je - so konnten sie, dank der Unterstützung von 20.000 Euro durch die Stadt Ratingen, die schwarze Null erreichen. Die Schulden aus dem letzten Jahr bleiben stehen. Trotzdem soll es das Festival nächstes Jahr wieder geben. Und zwar größer denn je. Warum? Aus Leidenschaft.
Felix Große, einer der Macher: "Wenn Tausende von Leuten auf dem Platz sind und man es wirklich geschafft hat, eine Band in dieses kleine Ratingen zu holen, die in ganz Deutschland bekannt ist, dann fließen die Emotionen über. Und das ist jedes Mal der Nährboden fürs ganze Jahr, dass man es wieder durchzieht."
Am Ende weiß ich manchmal selber nicht mehr, warum ich es mache. Aber diese Passion und dieses Feuer ist so groß, dass man einfach nicht aufhören kann. Es ist wie eine Sucht.
Felix Große, Veranstalter Festival "Jetzt & Immer"
Doch wie lange kann Leidenschaft wirtschaftliche Verluste auffangen? Die Antwort darauf wird nicht nur in Ratingen gesucht. Sie entscheidet sich auf vielen kleinen Bühnen in Deutschland. Dort, wo Festivals oft von wenigen Menschen und viel Ehrenamt getragen werden. Und dort, wo am Ende die Rechnung stimmen muss - obwohl es längst nicht mehr nur ums Geld geht.
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