Krieg verschiebt Machtverhältnisse:Experte: Krieg hat Iran "diplomatisch aufgewertet"
Der Krieg in Iran hat laut dem Sicherheitsexperten Christian Mölling ausgerechnet dem iranischen Regime genutzt. Teheran wisse, die Verhandlungen zu seinen Gunsten zu drehen.
Man beginne schon vor den Verhandlungen „den Preis in die Höhe zu treiben“, so Politikwissenschaftler Christian Mölling zu den Forderungen von Iran vor den Verhandlungen.
10.04.2026 | 4:50 minDer von US-Präsident Donald Trump erhoffte schnelle Sieg in Iran bleibt aus, doch wie verändert der Konflikt die Region?
Sicherheitsexperte Christian Mölling erwartet eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Nahen und Mittleren Osten. Darüber spricht er im Interview mit heute journal-Moderatorin Dunja Hayali.
In Pakistan sind die Vorbereitungen für die US-Iran-Gespräche in vollem Gange. Das Land steht selbst unter wirtschaftlichem Druck und will zugleich als Vermittler Profil gewinnen.
10.04.2026 | 2:27 minZDFheute: Iran hat am Freitag mitteilen lassen, dass Friedensverhandlungen ohne einen Waffenstillstand nicht in Frage kämen. Glauben Sie, dass die Verhandlungen überhaupt starten werden?
Mölling: Ja, man beginnt schon bevor die Verhandlungen möglicherweise stattfinden, noch mal den Preis in die Höhe zu treiben. Die Frage ist, ob die Amerikaner einknicken und es schaffen, den Israelis jetzt noch abzuringen, dass sie die Kämpfe im Libanon einstellen.
...gilt als führender Experte für europäische Verteidigung und transatlantische Sicherheit. Seit November 2025 ist er Direktor der europäischen Denkfabrik Edina, zuvor war er stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der DGAP und Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement.
Oder aber ob die Iraner sagen, sie würden trotzdem verhandeln. Einer müsste sozusagen ein Zeichen der Schwäche auf sich nehmen. Es ist also kein guter Beginn der Verhandlungen. Wenn sie überhaupt beginnen.
Morgen wollen die USA und Iran in Pakistan über ein Ende des Irankriegs verhandeln. ZDF-Korrespondent David Sauer ordnet die Erfolgschancen ein.
10.04.2026 | 1:22 minZDFheute: Und sollten sie dann verhandeln - wie bringt sich Iran strategisch in Stellung?
Mölling: Mein Eindruck ist, dass Iran bislang sehr professionell agiert hat. Das Regime zeigt Gesprächsbereitschaft, reist an. Das heißt aber nicht, dass es zu Verhandlungen und zu Zugeständnissen bereit ist. Also ich glaube, dass man hier ein sehr gutes professionelles Spiel spielt.
Man weiß aber auch in Teheran, dass man am längeren Hebel sitzt.
Dr. Christian Mölling, Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte
Das, was Donald Trump haben will, ist die Befreiung der Straße von Hormus, dass es wieder freien Schiffsverkehr geben kann. Und das wird Iran wahrscheinlich als letztes abgeben.
ZDFheute: Die USA haben Tausende Einsätze geflogen. Haben die USA Iran unterschätzt?
Mölling: Also die USA vielleicht nicht, aber der amerikanische Präsident und sein Team haben ganz offensichtlich entweder falsche Informationen oder gar keine gehabt. Vor allen Dingen haben sie keine Strategie gehabt, was sie denn tatsächlich erreichen wollen in dem Zusammenhang.
Wir hören von 13.000 Einsätzen oder Bombardierungen. Ohne Strategie ist das eine Zahl, die erstmal nur zeigt, dass man im Grunde genommen im Nebel stochert.
Seit fast sechs Wochen greifen die USA und Israel Ziele in Iran an. Dennoch bleibt ein Sieg bisher aus und die USA kämpfen zunehmend mit steigenden Kriegskosten.
10.04.2026 | 2:33 minZDFheute: Was bedeutet das über diesen Krieg hinaus für die USA und die Region?
Mölling: Das bedeutet, dass wir mindestens im Nahen und Mittleren Osten sehen, dass sich die Kräfte wahrscheinlich verschieben werden. Das Vertrauen in die USA wird wahrscheinlich weiter abnehmen. Iran bleibt möglicherweise mit seiner Führung erst mal an der Macht. Teheran wird wahrscheinlich das Narrativ nach innen und außen spielen, dass sie den Amerikanern die Stirn geboten haben und damit zeigen, dass die Amerikaner nicht unbesiegbar oder zumindest nicht unstoppbar sind.
Für die Amerikaner ist das ein massiver Bedeutungsverlust.
Dr. Christian Mölling, Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte
Oder ein Schaden, den sie damit hinnehmen.
Washington erklärt sich zum Sieger in einem abgebrochenen Krieg. Und Präsident Trump hadert weiter mit den Nato-Verbündeten. Das Bündnis steht unter massivem Druck.
09.04.2026 | 2:33 minZDFheute: Und innenpolitisch für Trump?
Mölling: Ja, er muss den Krieg zuhause verkaufen. Ob ihm seine Bevölkerung wichtig ist, weiß ich nicht. Aber die Klientel, die ihn an der Macht hält, hat natürlich ein Interesse an einem Ende des Kriegs. Weil zurzeit die Auswirkungen auch auf die USA direkt keine positiven sind und man diesen Krieg nicht weiter verkaufen kann.
Aus einem kurzfristigen Einsatz sind jetzt schon sechs Wochen geworden. Wie gesagt, wir sind erst am Anfang möglicher Verhandlungen. Das bedeutet ja nicht, dass das in einer Woche vorbei sein muss.
ZDFheute: Was ist durch diese fast sechs Wochen Krieg besser geworden?
Mölling: Nichts. Ich glaube, das kann man so klar sagen. Zumindest aus unserer Sicht hier in Deutschland, in Europa, ist dadurch nichts besser geworden.
Iran ist im Grunde genommen diplomatisch aufgewertet worden.
Dr. Christian Mölling, Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte
Iran ist jetzt sozusagen zurück. Er ist von USA zu Verhandlungen eingeladen worden. Der Bundeskanzler sieht sich offensichtlich auch gezwungen, mit Iran zu telefonieren und verändert damit die politische Linie dem Regime gegenüber.
Also für Iran ist es positiv, für Pakistan ist es positiv, für die USA sicherlich nicht. Wir werden, glaube ich, das Ganze als eine deutliche Veränderung des Machtverhältnisses, des Kräfteverhältnisses im Nahen und Mittleren Osten und wahrscheinlich auch darüber hinaus sehen.