"Aus System befreit":Machtmissbrauch: Was hat sich in der Leichtathletik getan?
von Michael Haselrieder und Christina Zühlke
Zum ersten Mal redeten deutsche Leichtathletinnen bei ZDF frontal über Grenzüberschreitungen durch ihre Trainer. Das war vor einem Jahr. Was hat sich seitdem getan?
Vor einem Jahr sorgte die ZDF-frontal-Dokumentation "Gold, Silber, Machtmissbrauch" deutschlandweit für Schlagzeilen. Was hat sich seitdem getan?
11.08.2026 | 3:07 minArme ausgebreitet, Rücken gerade und dann, in kleinen, federnden Schritten über die eng gestellten Hürden. Knie hoch. Knie hoch. Knie hoch. Hier trainieren Deutschlands schnellste 400-Meter-Hürdenläuferinnen: Eileen Demes und Elena Kelety. Die Sonne scheint auf den Sportplatz in der Nähe des Frankfurter Flughafens.
Beim Wettkampf sind die beiden für wenige Sekunden Konkurrentinnen. Dass sie gemeinsam trainieren, lässt jede von ihnen schneller werden. Das Happy End einer Geschichte, die auch ganz anders hätte ausgehen können.
Deutsche Leichtathletinnen: Schwere Vorwürfe gegen Trainer
Vor einem Jahr sorgte die ZDF-frontal-Dokumentation "Gold, Silber, Machtmissbrauch" deutschlandweit für Schlagzeilen. Eileen Demes, dreifache Deutsche Meisterin über 400-Meter-Hürden, erhob darin schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Trainer.
Der hatte sie zum Essen eingeladen: "Da hat er mir halt gesagt, dass er mich liebt und dass er es schön fände, jeden Tag neben mir aufzuwachen. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt." Er habe ihr auch einen Heiratsantrag gemacht.
Eileen Demes ist damals gerade 17, der Trainer Ende vierzig. Die Einladung zum Essen war 2014. Es dauerte Jahre, bis sie die Kraft hatte, den Trainer zu wechseln. Niemand erfuhr warum.
Sehen Sie hier die ZDF-frontal-Dokumentation "Gold, Silber, Machtmissbrauch".
18.09.2025 | 43:59 min2025 entschied sich Demes zu reden. Das Thema "Machtmissbrauch und Übergriffe in der Leichtathletik" sollte endlich an die Öffentlichkeit. Ihr Trainer wurde entlassen. Doch die Aussagen der Top-Hürdenläuferin hatten auch Folgen für ihre Konkurrentin über 400-Meter-Hürden - Elena Kelety. Die trainierte mittlerweile bei Demes altem Trainer.
"Aus System befreit"
Die Entlassung des Trainers mitten in der Saison, vor einem Jahr, ein Schock - aber rückblickend auch befreiend, sagt Elena Kelety: "Das war letztendlich eine Hilfe, dass ich aus einem System befreit wurde, bei dem ich wahrscheinlich nicht die Kraft gehabt hätte, selbst rauszukommen, dadurch, dass sich Eileen nach außen hin ausgesprochen hat."
Kelety erlebte keine übergriffigen Liebesbekundungen, spricht aber von einem System voller Druck und Manipulation. Der ehemalige Trainer reagierte auf eine frontal-Anfrage nicht.
Am Rande des Frankfurter Sportplatzes erzählt Kelety, wie sie jetzt erst erlebt, was gutes Training bedeutet und dass sie sich jetzt erst wohl fühlt als Spitzensportlerin. Eileen Demes hört zu und sagt: "Ich habe auch gar nicht so wirklich gesehen, dass du dich ja eigentlich auch in dieser Situation befandest und eigentlich auch ein Opfer warst."
ZDF frontal deckt Machtmissbrauch in der Leichtathletik auf und blickt hinter die dunkle Seite des Spitzensports: Wie lief die Recherche ab?
12.09.2025 | 2:57 min"Er wollte, dass ich mich ausziehe"
Die ZDF-frontal-Doku deckte auch schwere Vorwürfe gegen einen Trainer am Olympiastützpunkt Hannover auf. Eine ehemalige Athletin berichtete von einem Physiotherapie-Raum. Der Trainer habe sich extra den Schlüssel besorgt.
"Er wollte, dass ich mich ausziehe. Und ich war zu dem Zeitpunkt 16. Und daraufhin hat er sich halt eben auch ausgezogen. Und hat mich dann halt eben auch angefasst." Die Leichtathletin möchte anonym bleiben, der Redaktion ist ihr Name bekannt.
Der Trainer ließ damals alle Vorwürfe als "haltlos und unbewiesen" zurückweisen. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt. Verdacht: Missbrauch von Schutzbefohlenen. Auf erneute Nachfrage reagiert der Trainer nicht.
Athlet: "Ohne die Doku wäre nichts passiert"
Ein weiterer Athlet, der immer noch bei internationalen Wettbewerben startet, ist überzeugt: "Ohne die Doku wäre wirklich gar nichts passiert. Der generelle Aufschrei war bei uns am Trainingsstützpunkt schon ziemlich groß. Nicht nur in der Trainingsgruppe, auch bei den ganzen anderen Athleten."
Eine der anderen Sportlerinnen ergänzt: "Ich hoffe, dass sich Athleten trauen, gegen Missbrauch Anzeige zu erstatten und das nicht so blind hinnehmen und in sich reinfressen und dann lebenslänglich geschädigt sind."
Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte nach den frontal-Recherchen den Trainern aus Frankfurt und Hannover die Lizenz entzogen und weitere Konsequenzen angekündigt. Was hat sich also seit der Ausstrahlung der Doku getan?
Deutsche Leichtathletinnen brechen das Schweigen und reden über Grenzüberschreitungen durch ihre Trainer. Es geht um übergriffige Nachrichten und Vorwürfe sexualisierter Gewalt.
08.09.2025 | 2:41 minNeue Trainerdatenbank als Schutzkonzept
Kristin Behrens aus dem DLV-Vorstand berichtet von einer neuen Trainerdatenbank: "Wir haben eine Liste veröffentlicht mit allen A-Lizenz-Trainerinnen und Trainern, die sich zu unserem Schutzkonzept im Deutschen Leichtathletik-Verband bekennen, die alle Maßnahmen durchlaufen haben, regelmäßig an Präventionsmaßnahmen, aber auch Aus- und Fortbildungsschulungen teilnehmen."
Der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, ist das allerdings zu wenig: "Wir brauchen ein Register, über das nachvollzogen werden kann, welche Trainer und Trainerinnen grenzverletzend oder übergriffig geworden sind. Hier merke ich letztlich noch keine Bewegung." Der Leichtathletik-Verband argumentiert, das sei aus Datenschutzgründen schwierig.
Was dürfen Trainer?
Die Hürdenläuferinnen Demes und Kelety fordern, junge Athletinnen und deren Eltern müssten intensiver als bisher darüber informiert werden, was Trainer dürfen und wo Grenzen überschritten sind. Ihr hätte das geholfen, sagt Elena Kelety.
Und Eileen Demes? Ein Jahr nach ihrem Interview, der Doku und dem Wirbel in der Öffentlichkeit? "Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, dass ich das Richtige tue damit. Von daher finde ich schon, dass es so ein bisschen befreiend war."
Befreit auflaufen - das ist ihr Ziel - auch bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham.
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