Applaus reicht nicht:Warum die Paralympics mehr Bühne brauchen
von Johannes Fischer
Eine Woche nach dem Ende der Olympischen Spiele rücken die Paralympics in den Fokus - doch die Frage bleibt, wie groß ihre tatsächliche Strahlkraft in Deutschland ist.
Die Ankunft der paralympischen Fackel und Entzündung des Feuerbeckens in Mailand.
Quelle: APDie Olympischen Spiele sind vorbei, die Medaillentabellen ausgewertet, die Emotionen verarbeitet. In einer Woche beginnen die Paralympics (6. bis 15. März), doch die Aufmerksamkeit ist spürbar leiser.
Zwei Veranstaltungen, ein gemeinsames Fundament - aber auch die gleiche Strahlkraft? Sind die Paralympics in Deutschland noch immer ein Anhängsel von Olympia? Offiziell lautet die Antwort: nein. In der Realität sieht es differenzierter aus.
Olympische und Paralympische Spiele gehören zusammen.
Friedhelm Julius Beucher, Ehrenpräsident des Deutschen Behindertensportverbandes
In der aktuellen Bewerbungsphase für Spiele in Deutschland werde das klar kommuniziert: "Sie sind kein Zusatz, sondern ein originärer Bestandteil", so Beucher. Dennoch folge auf die große Aufmerksamkeit für Olympia häufig eine "Wahrnehmungsdelle", bevor die Paralympics ins Zentrum rückten.
Zwischen Respekt und Realität
Zwar habe sich viel verändert. "Vor 30 oder 40 Jahren war der Leistungssport im Behindertensport faktisch nicht wahrnehmbar", sagt Beucher. Heute könnten viele Menschen einzelne Athletinnen und Athleten namentlich nennen - ein "Quantensprung". Von echter Gleichberechtigung sei man allerdings noch entfernt.
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14.03.2026 | 15:02 minDie Paralympics genießen gesellschaftlichen Respekt, doch Inklusion ist mehr als Applaus. "Über 90 Prozent der deutschen Sportstätten sind nicht barrierefrei. Mehr als 55 Prozent der Menschen mit Behinderung treiben keinen Sport", sagt Beucher.
Das zeige, wie groß die strukturelle Aufgabe weiterhin sei. Inklusion bedeute mehr als gute Worte: Sie müsse sich in barrierefreien Strukturen zeigen - und in einer veränderten gesellschaftlichen Haltung.
Gleiche Prämien für Olympioniken und Paraolympioniken
Wird im Spitzensport mit zweierlei Maß gemessen? Beucher widerspricht, zumindest was die Medaillenprämien angeht. Seit 2012 erhalten olympische und paralympische Athletinnen und Athleten die gleichen Gelder für gewonnenes Edelmetall - beispielsweise 30.000 Euro für eine Goldmedaille.
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21.02.2026 | 15:04 minAndrea Eskau, die bei den Paralympics viermal Gold im Sommer und viermal Gold im Winter gewonnen hat, sieht allerdings bei den Kaderstrukturen Handlungsbedarf: "Im paralympischen Bereich gibt es weniger Kaderplätze als potenzielle Paralympics-Teilnehmer. Im olympischen Sport ist es umgekehrt."
Wer gleiche Effekte erzielen wolle, müsse auch strukturell gleich investieren.
Aufmerksamkeit nur im Vierjahresrhythmus?
Ein entscheidender Unterschied liegt zudem in der öffentlichen Wahrnehmung. Weltcups, Weltmeisterschaften oder Rekorde fänden jenseits der Paralympics selten den Weg in die Schlagzeilen.
"Selbst Weltbestleistungen finden in vielen Mainstream-Medien nicht statt", sagt Beucher. Während der Spiele gebe es Aufmerksamkeit - "danach wird es still".
Zählt schon lange zu den Großen im paralympischen Sport: Andrea Eskau
Quelle: action pressAuch Eskau bestätigt diesen Eindruck. "In der öffentlichen Wahrnehmung teilweise schon", sagt sie auf die Frage, ob sich die Paralympics wie ein Anhängsel anfühlen. Während der Spiele sei das Interesse groß, danach werde es schnell ruhiger - trotz kontinuierlicher Leistungen auf höchstem Niveau.
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28.02.2026 | 15:04 minSocial Media als Chance
Immer mehr Para-Athletinnen und -Athleten setzen deshalb auf Social Media. Plattformen wie Instagram eröffnen neue Reichweiten. Beucher sieht darin Potenzial. Eskau beobachtet jedoch auch eine Verschiebung:
Manchmal bekommt ein vierter Platz auf Weltniveau weniger Aufmerksamkeit als ein emotionaler Post.
Andrea Eskau, mehrfache Goldmedaillengewinnerin bei Paralympischen Spielen
Sportliche Höchstleistung allein garantiere keine Sichtbarkeit mehr.
Strukturell hat sich viel getan: angeglichene Prämien, bessere Förderung, Training an Olympiastützpunkten. Doch Wahrnehmung entsteht nicht allein durch formale Gleichstellung, sondern durch kontinuierliche Präsenz.
Die Paralympics sind organisatorisch längst kein Anhängsel mehr. In den Köpfen vieler Menschen aber besteht die Wahrnehmungslücke fort. Oder anders gesagt: Anerkennung gibt es reichlich, dauerhafte Präsenz kaum.