Biathlon-Sportdirektor Bitterling:"Uns fehlen ein, zwei Athleten-Generationen"
Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling über die Form des deutschen Olympia-Teams, Nachwuchsdefizite und die Chancen von Franziska Preuß.
Im Gespräch mit Florian Zschiedrich spricht Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling über die Rennen bei Olympia, über Franziska Preuß und darüber, wo das deutsche Biathlon-Team aktuell steht.
04.02.2026 | 3:06 minZDFheute: Herr Bitterling, wie würden Sie vor dem ersten Rennen (Mixed-Staffel am Sonntag/ZDF live) bei den Olympischen Winterspielen den Ist-Zustand des deutschen Biathlon-Teams beschreiben?
Felix Bitterling: Grundsätzlich sind wir gar nicht so verkehrt unterwegs. Wir haben bei Frauen und Männern durchaus Anschluss an die Spitze gefunden. Es gab auch schon Podiumsplatzierungen durch Philipp Horn, der Dritter im Sprint von Hochfilzen wurde, und durch Rang zwei im Sprint von Oberhof durch Philipp Nawrath.
Das erste Rennen nach Sivert Bakkens Tod steht im Zeichen der Trauer. Den Biathlon-Sprint in Oberhof gewinnt Tommaso Giacomel, der ein besonders freundschaftliches Verhältnis zu Bakken hatte.
08.01.2026 | 2:17 minDie Laufzeiten sind in Ordnung, und sie verbessern sich stetig. Allerdings sind wir natürlich nicht zu 100 Prozent glücklich mit der Situation. Es ist bisher noch nicht richtig gelaufen, es fühlt sich etwas schwer an, der im Sport vielbesprochene Flow hat sich bisher noch nicht eingestellt. Meist liegt es am letzten oder vorletzten Schuss, der leider nicht die Scheibe trifft.
ZDFheute: Mit Blick auf die Altersstruktur Ihres Männer-Teams lässt sich ein Gefälle erkennen. Philipp Horn, Philipp Nawrath und Lucas Fratzscher sind über 30, Justus Strelow und David Zobel werden in diesem Jahr 30. Das sind Ihre fünf Olympia-Fahrer. Dahinter kommt erst mal nichts. Wie konnte das passieren?
Felix Bitterling (44) ist seit vier Jahren Biathlon-Sportdirektor des DSV. Zuvor war er bei der Internationalen Biathlon Union (IBU) beschäftigt, zuletzt als Sport- und Eventdirektor. Nach dieser Saison geht er zurück zur IBU und ist dort für Marketingmaßnahmen zuständig.
Bitterling: Die erwähnten Jungs und einige andere waren in den letzten Jahren oft gesetzt, es gab einfach keinen Druck oder wenig Druck von unten, von jüngeren Athleten. Das ist auch der Grund für die aktuelle norwegische und französische Dominanz: Dort gibt es sogar massiven Druck von jungen Kerlen.
Wenn die Etablierten nicht performen, werden sie vom Weltcup zum IBU-Cup delegiert und ersetzt. So etwas ändert dein Mindset als Athlet völlig, denn du weißt, dass du in jedem Rennen liefern musst, um dabei zu bleiben.
ZDFheute: Aber woran liegt es, dass dieser Druck im DSV, dem Deutschen Ski-Verband, nicht aufgebaut werden kann?
Bitterling: Uns fehlen ein, zwei Athleten-Generationen, die wir - warum auch immer - nicht hatten. Die waren einfach nicht da. Wir haben zuletzt intensiv daran gearbeitet, dieses Loch zu stopfen.
Aber so langsam sieht man positive Ansätze. Es sind im vergangenen Sommer einige Nachrücker sehr nahe an das A-Team herangekommen, hier seien Leonhard Pfund, Elias Seidl und Franz Schaser genannt.
Olympische Spiele:Olympische Winterspiele 2026
ZDFheute: Dieses von Ihnen erwähnte "Warum auch immer" - können Sie das erläutern?
Bitterling: Es gab diese jungen Athleten nicht, als ich beim DSV anfing. Das hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass es eine Zeit gab, in der wir sechs deutsche Weltklasse-Biathletinnen und sechs deutsche Weltklasse-Biathleten hatten, die immer aufs Podest kamen und um den Sieg mitlaufen konnten.
Eine und einer ist immer durchgekommen. Biathlon war in Deutschland jahrelang goldumrandet. In so einer Situation besteht die Gefahr, dass junge Athletinnen und Athleten keine Chance erhalten, sich im A-Team zu zeigen und dort zu bleiben. Dann lässt irgendwann die Motivation nach und diese jungen Athleten hören auf.
Für das Biathlon-Mekka in Südtirol bedeutet Olympia auch: Sperrzonen, Touristen, Sicherheitsbestimmungen. Dafür steht der Ort zwei Wochen lang ganz im Zeichen der Ringe.
05.02.2026 | 3:28 minZDFheute: Bei den Olympischen Spielen, bei denen die Biathletinnen und Biathleten in Antholz starten werden, dürfte aus Ihrem Team Franziska Preuß die größten Medaillenchancen besitzen. Was ist dort für sie möglich?
Bitterling: Für das Frauen-Team ist Franzi in Bezug auf die Erwartungshaltung natürlich der größte Trumpf. Aber wir verfügen über junge Athletinnen wie Julia Tannheimer oder Selina Grotian, die bei tadellosem Schießen auch mal schnell in Podiumsnähe gelangen können.
Viel Talent, einen eigenen Kopf und klare Ziele: Julia Tannheimer, die jüngste im deutschen Biathlon-Team, hat keine Angst vor großen Aufgaben.
01.12.2025 | 5:23 minZDFheute: Haben Sie eine Medaillenvorgabe für Antholz für das Männer- und Frauen-Team?
Bitterling: Ich werde jetzt keine Zahl raushauen. Festzustellen ist eine extreme Leistungsdichte bei den Frauenrennen in diesem Jahr. Dennoch möchten wir es offensiv angehen.
Ohne Risiko wirst du nichts gewinnen bei den Olympischen Spielen. Ich würde aber sagen, dass auch bei den Männern nicht unbedingt weniger drin ist als bei den Frauen.
Das Interview führte Stephan Klemm.
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