Taktikanalyse nach der Vorrunde:Wo das DFB-Team überzeugt - und wo es wackelt
von Ullrich Kroemer
Taktikforscher Daniel Memmert analysiert die deutsche Mannschaft bei der WM: Er sieht Stärken im Spielaufbau und Pressing. Ballverluste im Zentrum bleiben aber ein Risiko.
Bundestrainer Julian Nagelsmann gibt seiner Mannschaft während des Spiels gegen Ecuador taktische Anweisungen.
Quelle: ddpProfessor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln ist derzeit im Rahmen von Forschungskooperationen bei der WM in den USA unterwegs. Memmert hat auch die deutsche Mannschaft in den Vorrundenspielen live im Stadion analysiert. Da das letzte Gruppenspiel ohne Bedeutung fürs Weiterkommen war, konzentriert sich die Analyse eher auf die ersten beiden Spiele, bei denen jeweils exakt dieselbe Anfangsformation auf dem Feld stand.
Spielaufbau: Dreieraufbau mit Joker Brown
Das DFB-Team spielt bei eigenem Ballbesitz aus einem Dreier-Aufbau heraus. Das heißt, dass die Innenverteidiger Jonathan Tah sowie Nico Schlotterbeck/Antonio Rüdiger und Rechtsverteidiger Joshua Kimmich die Ballbesitzphase einleiten. Linksverteidiger Nathaniel Brown hingegen rückt als zusätzlicher Spieler ins Zentrum und generiert so Überzahlsituationen im Mittelfeld.
Damit bindet er Gegenspieler und schafft Raum für seine Offensivkollegen. Er taucht plötzlich auf, ist ein Überraschungsfaktor.
Daniel Memmert über Nathaniel Brown
Als gegen Ecuador David Raum für den angeschlagenen und geschonten Brown spielte, fehlte dieses Element. Bemerkenswert bei Newcomer Brown sei, dass er auf verschiedenen Positionen agiere: "Er ist auf Sechserebene ebenso anspielbar wie im Achterraum, auf Zehnerebene oder sogar als Joker frei vor dem Tor", sagt der Taktikexperte. So wie bei seinem Treffer zum 5:1 gegen Curacao:
Beispielszene gegen Curacao: Dreieraufbau mit zusätzlichem Zentrums- und Offensivspieler Brown.
27.06.2026 | 0:30 minKreativspiel: Vertikales Spiel, Doppelpässe und Dreiecksspiel
"Insbesondere wenn der Ball in das letzte Drittel getragen wird, setzt das DFB-Team immer wieder verschiedene taktische Prinzipien sehr variabel ein", hat Memmert beobachtet.
Zum einen werden konsequent die Assistzonen zwischen Strafraumkanten und Fünf-Meterraum bespielt, wo die Torgefahr exorbitant steigt. "Oder es werden vertikale Bälle gespielt, mit denen dann je nach Situation entweder zentrale Doppelpässe oder Dreiecksspiele auf dem Flügel initiiert werden", erklärt der Spielsportforscher. Als das Team gegen Ecuador durchwechselte, wurden diese Elemente seltener.
Vertikales Spiel, Doppelpässe und Dreiecksspiel: Insbesondere, wenn der Ball in das letzte Drittel getragen wird, setzt das DFB-Team immer wieder verschiedene taktische Prinzipien variabel ein.
27.06.2026 | 0:10 minGegen den Ball: Dichte Netze
Spätestens seit seiner Zeit bei RB Leipzig ist Bundestrainer Julian Nagelsmann ein Experte des Pressing-Gegenpressing-Fußballs. Auch in der Nationalmannschaft sind die Gegenpressing-Netze sehr deutlich zu erkennen, um verlorengegangene Bälle möglichst schnell wieder zu erobern.
Das Gegenpressing ist bislang in allen Zonen und Ebenen gut ausgeprägt und funktioniert ganz weit vorn ebenso wie etwas tiefer im Mittelfeld.
Taktikexperte Memmert
Kopfballchance nach erfolgreichem Gegenpressing nach Ballverlust im letzten Drittel im WM-Spiel gegen Ecuador.
27.06.2026 | 0:21 minRestverteidigung: Verbesserte Antizipation
Die Restverteidigung gilt als Achillesferse für viele hochpositionierte Teams - Stichwort Kontergefahr. Auch die Nagelsmann-Elf hatte in der Vorbereitung mit der Restverteidigung Probleme und fing sich Konter ein. Bei der WM funktionierte die Absicherung vor allem in den ersten beiden Spielen deutlich besser. "Im Spiel gegen die Elfenbeinküste etwa gab es etliche Ballverluste im Zentrum, die in der Regel durch eine Restverteidigung aufgefangen werden konnten", so Memmert.
"Vor allem Timing, klare Aufgabenverteilungen sowie die Antizipation, dass Ballverluste stattfinden können, und in gefährliche Räume hineinzuschieben, damit genügend Spieler gegen den Ball arbeiten können, sehe ich beim deutschen Team verbessert", sagt Memmert.
Beispielszene gegen Elfenbeinküste: Restverteidigung nach Ballverlust.
27.06.2026 | 0:20 minProblem: Zentrale Ballverluste
Besonders gegen Ecuador, aber auch in den Spielen zuvor brachte sich die deutsche Mannschaft immer wieder selbst in Bedrängnis, "weil die Sechser/Achter Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha zu häufig Bälle im zentralen Mittelfeld verloren haben", schätzt Memmert ein. Auf diesen zentralen Positionen braucht es dringend mehr Ballsicherheit und Resilienz, wenn die Nationalmannschaft im Turnier weit kommen will.
Durch Ballverluste der Sechser und Achter kommt das DFB-Team immer wieder in Bedrängnis.
27.06.2026 | 0:21 minMehr zur DFB-Elf
ZDF-Experten zum 1:2 gegen Ecuador:Kramer genervt: Kritik an "Missgunst" gegenüber DFB-Team
von Jannik Schneidermit Video5:48Titeltraum oder frühes Aus für DFB-Team?:Die Lehren aus der deutschen Gruppenphase für die K.o.-Runde
von Ralf Lorenzenmit Video14:08
Mehr zur WM
Wer wann in der K.-o.-Runde spielt:Spielplan, Ergebnisse und Tabellen
- FAQ
Turnier in USA, Kanada und Mexiko:Tickets, Zeiten, Spielorte: Alles Wichtige
von Ralf Lorenzenmit Video2:13 Von Atlanta bis Vancouver:Die Stadien
Newsletter abonnieren:ZDFsportstudio Update Fußball-WM 2026