EM-Halbfinale:Warum das DFB-Team gegen Spanien leiden wird
von Frank Hellmann, Zürich
Christian Wück fühlt sich geehrt, wenn sein Team von Top-Prominenz gelobt wird. Er weiß aber auch: Im EM-Halbfinale gegen Spanien kann man sich davon wenig kaufen.
Es ist längst Ritual, dass sich deutsche Fußballerinnen mit reichlich Schlagermusik in Stimmung bringen. Meist dringt nicht viel nach draußen, doch vor dem Training am Dienstagabend dröhnte ein kleiner Auszug aus der Kabine im Stadion Letzigrund.
Zwischenzeitlich lief sogar ein Lied von Michael Reiner, genannt "Killermichel" ("Auswärts sind wir asozial"), was natürlich niemand falsch verstehen sollte: Nur weil die DFB-Frauen Ballermann-Hits des früheren Torhüters vom VfB Grötzingen gut finden, verhalten sie sich als EM-Gäste in der Schweiz nicht unanständig. Das Gegenteil ist der Fall.
Bundespräsident kommt nach Zürich
Beim Viertelfinal-Thriller gegen Frankreich (6:5 im Elfmeterschießen) sind so viele Tugenden zum Vorschein getreten, dass sich Prominenz, die sonst nur zum Männerfußball spricht, verneigte. Lothar Matthäus hielt fest, dass es schön zu sehen sei, wie die DFB-Spielerinnen "diesen Sport angehen und mit Leben füllen".
Oliver Kahn erklärte, warum die Rettungstat von Ann-Katrin Berger wohl auch ihm nur in seinen besten Zeiten geglückt wäre.
Auch hochrangige Politiker sind verzückt. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, bei deutscher Beteiligung zum Endspiel nach Basel (Sonntag, 18 Uhr/live im ZDF) zu kommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückt schon im Halbfinale gegen Spanien (Mittwoch, 21 Uhr/ARD) in Zürich die Daumen.
Christian Wück freut das Lob
Er kenne das von der WM mit der U17, erinnert sich Bundestrainer Christian Wück. "Auch da war es im Halbfinale so, dass wir ganz viele Stimmen aus Deutschland bekommen haben".
Es ehre ihn und seine Spielerinnen, dass "sich diese Größen aus dem Fußball melden; dass die Politik zu uns kommen will". Ihm zeige das Feedback aus allen Bereichen, dass "wir auf dem richtigen Weg sind".
Seine offensiv ausgelegte Philosophie habe er keineswegs verworfen. Wenn man allerdings sage, "dass wir defensiver spielen, kann ich damit leben, ohne mich zu verbiegen". In schwarz-rot-goldener Not hat der Zweck schon immer die Mittel geheiligt.
Vier Ausfälle drücken auf die Stimmung
Anders als bei der EM 2022, als es bis zum Finale fünf Siege mit nur einem Gegentor (beim 2:1 im Halbfinale gegen Frankreich) gab, sind die Widerstände jetzt viel größer. Immerhin ist das Team rechtzeitig wieder zu Kräften gekommen.
Die Akkus sind wieder aufgeladen. Wir haben einige Zeit in der Eistonne verbracht und viel Zeit bei den Physios. Wir sind mehr als bereit für das Spiel.
Rebecca Knaak, Abwehrspielerin
Mit Giulia Gwinn und Sarai Linder (beide verletzt), Sjoeke Nüsken und Kathrin Hendrich (beide gesperrt) fallen vier Stützen aus. Dass einmal in einem Halbfinale Carlotta Wamser, Sophia Kleinherne und Franziska Kett in der Viererkette gebraucht werden könnten, schien vor Turnierstart nicht vorstellbar.
Wichtige Rolle für Janina Minge
Wer gibt die Vertreterin der Strategin Nüsken, die das große Ganze zusammenhielt? Sara Däbritz oder Sydney Lohmann bieten sich dafür an. Janina Minge könnte zwischen Abwehr und Mittelfeld pendeln.
Wück macht klar: "Wir kennen die Spanier und ihr Kurzpassspiel: Ich glaube, wir werden viel hinterherlaufen. Wir werden viel leiden müssen, weil wir keinen Ball haben."
Nur Verteidigen wird diesmal wohl nicht reichen
Aus wenig Ballbesitz hat das DFB-Team gegen Spanien allerdings sowohl bei Olympia 2024 im Spiel um Bronze (1:0), als auch im zweiten EM-Gruppenspiel 2022 (2:0) viel gemacht. Auch Wück sieht es als elementar an, "die richtigen Momente zu ergreifen, um unser Spiel durchzusetzen".
Nur Verteidigen wird gegen die Spanierinnen kaum reichen, um nach dem Halbfinale im Letzigrund mit riesigen Musikboxen richtig zu feiern.
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