Felix Banaszak im ZDF-Sommerinterview:Die Aussagen des Grünen-Chefs unter der Lupe
von Jan Schneider und Birgit Franke
Felix Banaszak äußert sich im ZDF-Sommerinterview unter anderem zum Wohnungsbau, den Wahlen im Osten und den Kosten der Energiewende. Die Aussagen im Faktencheck.
Grünen-Parteichef Felix Banaszak spricht im ZDF-Sommerinterview über die Ausgangslage seiner Partei bei den Landtagswahlen im Osten, neue Bündnisse und das Klima.
16.08.2026 | 20:19 minDer Bundesvorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, hat sich in Brandenburg den Fragen im ZDF-Sommerinterview gestellt. Es ging um die anstehenden Landtagswahlen im Osten, die Auswirkungen der Energiewende auf die Strompreise und einer möglichen Lösung der Berliner Wohnungsnot. Waren seine Aussagen dabei korrekt? Ein Überblick.
Können leerstehende Büros die Berliner Wohnungsnot lösen?
Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin könnte es für Rot-Rot-Grün reichen. Doch die Linke fordert als Bedingung für eine Koalition die Enteignung von großen Wohnungskonzernen. Der Spitzenkandidat der Grünen in Berlin, Werner Graf, ist grundsätzlich ähnlicher Meinung wie die Linken. Im ZDF-Sommerinterview stellt sich Felix Banazsak hinter seinen Spitzenkandidaten, hält aber auch andere Maßnahmen für wichtig. Vor allem der Umbau von Büroräumen sei sinnvoll und effektiv.
Überall in Berlin steht Büroraum leer, überall in Berlin stehen Hochhäuser, von denen man nicht weiß, womit die eigentlich gefüllt werden sollen. (...) Das Umwandeln, Büroräume umwandeln in Wohnungen, das wird das Problem sehr viel schneller lösen und sehr viel schneller zumindest reduzieren.
Felix Banaszak, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen
Das Umwandeln von Büroraum in Wohnungen wird gerade für die Metropole immer häufiger gefordert. Doch die Kosten sind häufig hoch, das Verfahren oft kompliziert.
Insgesamt stehen in Deutschland rund elf Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Jedoch können laut einer Studie des ifo-Instituts nur rund ein Drittel der leerstehenden Gewerbefläche umgebaut werden. Der Grund: technische und baurechtliche Vorgaben.
Laut der Studie würde die Umwandlung für die sieben größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf ein Plus von 60.000 neuen Wohnungen bedeuten. Wirtschaftlich realisierbar sei aber nur ein Teil davon.
- Wohnungsmarkt: Wie Bürogebäude die Situation entspannen könnten
Auch die Bundesregierung sieht das Thema und hat reagiert: Seit dem 1. Juli 2026 unterstützt der Bund solche Umbaumaßnahmen mit bis zu 30.000 Euro pro neu entstehender Wohnung.
Wie die Umwidmung von Büroräumen in der Praxis aussieht, sehen Sie in unserer "plan b"-Doku:
Wie schaffen wir neuen Wohnraum? Und wie viel Platz brauchen wir zum Leben wirklich? Wie kann man aus Altem schnell was Neues bauen? Mit neuen Ideen zur eigenen Wohnung!
03.05.2026 | 43:32 minIn den "Berlin direkt - Sommerinterviews" kommen neben dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler die Vorsitzenden der im Bundestag in Fraktionsstärke vertretenen Parteien zu Wort. Die Aussagen der Befragten werden von einem ZDF-Team überprüft und Zusammenhänge nachrecherchiert. Zu jedem Sommerinterview veröffentlichen wir im Anschluss auch einen Faktencheck-Artikel, unabhängig davon, ob in dem Gespräch Falschaussagen oder unzutreffende Tatsachenbehauptungen geäußert wurden.
Könnten die Grünen eine AfD-Alleinregierung im Osten verhindern?
Mit Blick auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sagt Banaszak:
Wenn Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern über die fünf Prozent Hürde kommen (…), dann bedeutet das nicht nur, dass eine Alleinregierung von Verfassungsfeinden verhindert wird, denn das droht ansonsten.
Felix Banaszak, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen
Banaszak hat die AfD im gesamten Sommerinterview nicht namentlich erwähnt. Es liegt allerdings nahe, dass er mit dem Begriff "Verfassungsfeinde" die in den Umfragen führende Partei meint. Aktuelle Sitzprojektionen für Sachsen-Anhalt sehen die AfD bei rund 41 Prozent. Das würde ihr etwa 47 der 97 Sitze im Magdeburger Landtag bringen und läge damit nur zwei Mandate unter der absoluten Mehrheit von 49 Sitzen.
Dass die AfD trotz "nur" 41 Prozent der Stimmen so nah an eine absolute Mehrheit heranrückt, liegt an einem Verzerrungseffekt, der durch die Fünf-Prozent-Hürde entsteht: Stimmen für Parteien, die daran scheitern, spielen bei der Sitzverteilung keine Rolle. Da die absolute Zahl der Sitze gleich bleibt, erhöht sich damit der Sitzanteil der im Landtag vertretenen Parteien, auch der der AfD. Aktuell sehen die meisten Umfragen die FPD etwas deutlicher unter dieser Hürde. Bei Grünen und BSW könnte es knapp werden.
Steigende Kosten, weniger Förderung, große Unsicherheit: Bürger und Bürgerinnen schildern ihre Lage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
05.08.2026 | 2:40 minSchafft es eine kleine Partei, wie die Grünen, über die Hürde, wird der Verzerrungseffekt kleiner. Die Sitzzahl der anderen Parteien wird bei gleichbleibendem Stimmenanteil kleiner. Banaszaks Aussage fußt demnach auf einem mathematischen Fundament. Ob der Einzug der Grünen am Ende tatsächlich über eine absolute Mehrheit der AfD entscheidet, hängt aber von den genauen Ergebnissen aller Parteien am Wahltag ab und lässt sich im Vorfeld nicht sicher vorhersagen.
In Mecklenburg-Vorpommern ist der Vorsprung der AfD geringer, hier hat nach aktuellen Umfragewerten keine Partei alleine eine Chance auf die absolute Mehrheit, unabhängig davon, ob die Grünen es in den Landtag schaffen oder nicht.
Sind die Grünen seit März in allen Umfragen auf Platz drei?
Zur Stimmung im Bund sagt Banaszak:
Wir sind jetzt seit März in allen Umfrageinstituten an dritter Stelle vor SPD und Linken. Haben uns auf einem Niveau von 14 bis 16 Prozent stabilisiert.
Felix Banaszak, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen
Aktuelle Sonntagsfragen mehrerer Institute sehen die Grünen tatsächlich auf dem dritten Platz. Im Aktuellen Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF kämen die Grünen auf 13 Prozent der Stimmen, vor SPD und Linken mit jeweils zwölf Prozent. Andere Umfrageinstitute sehen die Partei bei 14 bis 16 Prozent. Allerdings ist das Rennen äußerst eng. Beim Institut für Demoskopie Allensbach teilen sich Gründe und SPD Platz drei mit 13 Prozent, der Vorsprung ist also knapper, als Banaszaks Formulierung nahelegt.
Landtagswahl am 22. September: Es könnte ein Kopf an Kopf Rennen zwischen AfD und SPD werden. Verliert die SPD erstmals seit 1990 ihre führende Position in Brandenburg?
20.09.2024 | 2:17 minWelche Rolle spielt die Energiewende für den Strompreis?
Im Verlauf des Gesprächs wurde Banaszak mit einer Aussage des Evonik-Chefs Christian Kullmann konfrontiert, wonach die Energiewende bislang 1.000 Milliarden Euro gekostet, aber nichts gebracht habe. Banaszak widerspricht dieser These deutlich mit den Worten: "Das ist Unsinn." Ihm zufolge sei der Strom nicht wegen der Energiewende teuer:
Das Verrückte ist doch, dass die günstigen Erzeugungskosten von Sonne und Wind gerade bei den Verbrauchern nicht ankommen, weil die Netze nicht vernünftig ausgebaut sind. (...). Die Strompreise sind nicht wegen der Energiewende so teuer, sondern weil Deutschland eine insgesamt schwierige energiewirtschaftliche Lage hat.
Felix Banaszak, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen
Hier wird es wirklich komplex und bedarf einer Einordnung: Von den 1.000 Milliarden hat Christian Kullmann in einem Interview mit der Rheinischen Post im Juli 2026 gesprochen. Ein genauer Zeitraum für die Kosten wurde dabei nicht geannnt, oft wird jedoch der Zeitraum seit dem Jahr 2000 genutzt, damals wurde das erste Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verabschiedet. Bis heute entspräche das also etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr für die Energiewende.
Der Strompreis in Deutschland ist hoch. Wer wirklich damit Kasse macht und was wir tun können, um endlich günstiger zu werden: WISO - Wirtschaft erklärt mit Hanna Zimmermann.
15.08.2026 | 9:58 minFossile Energiequellen sind dagegen keineswegs günstiger: Im Jahr 2025 hat Deutschland Rohöl im Wert von rund 35,8 Milliarden Euro importiert. Der Importwert von Erdgas belief sich auf 24,8 Milliarden Euro. Im Krisenjahr 2022 waren es 60 Milliarden Euro für Öl und 67,8 Milliarden für Erdgas, zusätzlich musste der Staat damals mindestens 11 Milliarden für den sogenannten Gaspreisschutzschirm aufbringen, der an die Energieversorger ausgezahlt wurde.
- Wirtschaft erklärt: Warum Strom bei uns so teuer ist und wer daran was verdient
Banaszaks Aussage zum Strompreis ist differenzierter zu betrachten. Auf der Erzeugungsseite hat er recht: Der Strompreis an der Börse richtet sich nach dem Merit-Order-Prinzip, das bedeutet, das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis, obwohl Wind- und Solarstrom deutlich günstiger sind als Kohle und Gas. Von den rund 39 Cent, die eine Kilowattstunde im zweiten Halbjahr 2025 im Schnitt kostete, entfielen laut ZDF-Recherchen rund 16 Cent auf Beschaffung und Vertrieb. Die frühere EEG-Umlage, die den Ausbau direkt auf der Stromrechnung sichtbar machte, wurde 2023 abgeschafft.
Bezogen auf die Stromnetze ist der Zusammenhang mit der Energiewende aber direkter, als Banaszaks Aussage suggeriert: Die Netzentgelte machen aktuell rund ein Viertel des Strompreises aus - und ein wesentlicher Teil dieser Kosten entsteht gerade durch den Ausbau der Netze, die nötig sind, um Windstrom aus dem Norden in die Verbrauchszentren im Süden zu transportieren. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verweist zudem darauf, dass spürbare Entlastungen bei den Strompreisen frühestens in den 2030er-Jahren zu erwarten seien.
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