Berlin streitet über Enteignungen - das steckt dahinter

FAQ

Wahlkampf:Berlin streitet über Enteignungen - wie realistisch ist das?

|

Wird Berlin als erstes Bundesland Immobilienkonzerne enteignen? Über diese Frage wird vor der Wahl besonders viel gestritten. Die Positionen und Hintergründe im Überblick.

Ein hohes Wohnhaus mit vielen Mietwohnungen.

Am 20. September wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Ein knappes Rennen zeichnet sich ab. Umfragen zufolge dürfte es wohl auf eine Dreierkoalition hinauslaufen.

08.08.2026 | 2:32 min

Kaum ein anderes Thema polarisiert im Wahlkampf in Berlin so stark wie die mögliche Enteignung von Immobilienkonzernen. Denn chronischer Wohnungsmangel und über die Jahre immer weiter gestiegene Mieten sind in der Hauptstadt ein ungelöstes Problem. Bei einem Regierungswechsel nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September könnte die Frage ausgiebig diskutiert werden.

Was wollen die Befürworter?

Die Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" hat das Thema in die breite Öffentlichkeit gebracht und einen bundesweit einzigartigen Volksentscheid durchgesetzt. Dabei gab es im September 2021 gut 56 Prozent Zustimmung für das Anliegen, gewinnorientierte Immobilienunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin zu enteignen. Gegen eine Entschädigung sollen sie vergesellschaftet, also in Gemeineigentum überführt werden.

Die Initiative beruft sich dabei auf das Grundgesetz:

Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.

Artikel 15, Grundgesetz

Aus Sicht der Initiative reicht der Neubau von Wohnungen nicht aus, um den Anstieg der Mieten zu verhindern. Sie macht vor allem die Gewinninteressen börsennotierter Immobilienunternehmen für diese Entwicklung verantwortlich.

wahlkampf-berlin-rotes-rathaus-

Noch sieben Wochen bis zur Wahl: In Berlin startet der Endspurt. Für das Rote Rathaus deutet alles auf Dreierbündnisse hin. In Frage kommen ein Linksbündnis oder eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen.

04.08.2026 | 2:38 min

Was sagen die Gegner von Enteignungen?

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hat sich immer wieder klar gegen Enteignungspläne ausgesprochen:

Enteignungen kosten Milliarden, die wir nicht haben. Sie verhindern Wohnungen, die wir dringend brauchen.

Kai Wegner, Regierender Bürgermeister

Auch der neue CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers ist strikt dagegen: "Der populistische Ruf nach Massenenteignungen führt nur dazu, dass das Problem immer größer wird."

Was ist nach fünf Jahren aus dem Volksentscheid geworden?

Fast nichts. Der Volksentscheid war für die Landesregierung rechtlich nicht bindend. Denn die Initiative hatte nicht über einen konkreten Gesetzentwurf abstimmen lassen. Wäre das der Fall gewesen, hätte er umgesetzt werden müssen. Der damalige rot-grün-rote Senat setzte zu dem Thema lediglich eine Expertenkommission ein, die in ihrem Abschlussbericht schrieb, dass die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen in Berlin juristisch möglich sei.

Der seit 2023 regierende schwarz-rote Senat hat inzwischen ein "Vergesellschaftungsrahmengesetz" beschlossen, das aber keine Folgen hatte. Kritiker werfen ihm vor, er habe das Thema von vornherein auf die lange Bank schieben wollen.

Wie steht die Wirtschaft zu den Enteignungen?

Die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e.V. (UVB) ist skeptisch:

Durch Enteignung entsteht kein einziger Quadratmeter neuer Wohnraum.

Alexander Schirp, Hauptgeschäftsführer UVB

Trotzdem würden auf den Berliner Landeshaushalt Belastungen in deutlich zweistelliger Milliardenhöhe zukommen, so UVB-Geschäftsführer Alexander Schirp. "Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Soziales würden darunter massiv leiden - und zwar auf Jahre."

Die Finanzwirtschaft warne längst vor unabsehbaren Belastungen und möglicherweise steigenden Kreditzinsen als Folge von Enteignungen. Außerdem drohten "jahrelange juristische Auseinandersetzungen auf allen möglichen Ebenen".

Was ändert sich nach der Wahl im September?

Das ist schwer abzuschätzen. Die Linke in Berlin hat die Enteignungs-Initiative von Anfang an unterstützt. Spitzenkandidatin Elif Eralp will sich auch mit den Immobilienkonzernen anlegen. "Und wir werden den Volksentscheid für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen umsetzen."

Die Linken-Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner machte das zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung. Laut Umfragen kann sich die Partei Hoffnung machen, am 20. September stärkste Kraft zu werden.

Das Wahlplakat mit dem Spitzenkandidaten der CDU, Evers, hängt hinter der Glasfassade des Konrad-Adenauer-Hauses.

Bei der bevorstehenden Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses zeichnet sich ein knappes Rennen ab. Laut Umfragen liegt derzeit die Linke vorn.

08.08.2026 | 2:19 min

Wie sehen das die anderen Parteien?

Die AfD lehnt Enteignungen ebenso ab wie die CDU.

Im Wahlprogramm der SPD heißt es, die Zustimmung zur Initiative des Volksentscheids zeige deutlich, dass eine Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner die zügellose Abzocke großer Wohnungsunternehmen ablehne. Allerdings fordert zumindest die Parteispitze vor allem Maßnahmen zur Mietenregulierung. Enteignungen werde es mit der SPD nicht geben, sagt ihr Landesvorsitzender und Spitzenkandidat Steffen Krach.

Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf betont, seine Partei fühle sich der Umsetzung des Volksentscheids verpflichtet. Im Grünen-Wahlprogramm geht es bei der Mietenpolitik aber vorwiegend ebenfalls um andere Schwerpunkte.

Wie ist die Position der Bundesregierung?

Die Koalition aus Union und SPD im Bund hat sich darauf verständigt, Überlegungen zur Enteignung von Konzernen mit großen Mietwohnungsbeständen einen Riegel vorzuschieben. "Um den privaten Wohnungsbau nicht zu gefährden, wird durch Bundesgesetz geregelt, dass die Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich ist", heißt es in den Beschlüssen des Koalitionsausschusses von Anfang Juli.

Mietrecht

Vor 5 Jahren stimmte Berlin für die Enteignung großer Wohnungskonzerne, jetzt will die Bundesregierung solche Pläne verbieten. Berliner kämpfen derweil mit steigenden Mieten und fehlenden Alternativen.

09.07.2026 | 2:38 min

Ist das Thema damit beerdigt?

Das ist offen. An den Ankündigungen der Regierungskoalition gab es sofort viel Kritik. Und die Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" will an ihren Plänen festhalten: Schon im vergangenen September legte sie einen Gesetzentwurf zur Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne vor und bereitet ein neues Volksbegehren vor. Gibt es für den Entwurf eine Mehrheit, könnte eine neue Landesregierung das nicht ignorieren.

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete das heute journal am 08.08.2026 ab 23:15 Uhr.

Mehr zur Wahl in Berlin

  1. Berliner Stadtansicht in Dämmerung

    Abgeordnetenhaus-Wahl am 20. September:Berlin-Wahl: Wohin steuert die Hauptstadt?

    von Stephan Merseburger
    mit Video4:02

  2. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) spricht am 10.07.2026 bei einem Pressetermin der CDU-Berlin, bei dem er bekannt gibt, nicht mehr als CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl im September anzutreten.

    Stefan Evers soll für CDU antreten:Berlin: Wegner zieht Spitzenkandidatur für Wahl zurück

    mit Video1:37

  3. Das Wahlplakat mit dem Spitzenkandidaten der CDU, Evers, hängt hinter der Glasfassade des Konrad-Adenauer-Hauses.

    Nachrichten | heute 19:00 Uhr:Knappes Rennen in Berlin

    von Stephan Merseburger
    Video2:19

  4. Mehrfamilienhäuser in Berlin-Mitte am 19.09.2018

    Diese Städte sind Spitzenreiter:Großstadt-Mieten in zehn Jahren um 44 Prozent gestiegen

    mit Video1:35