Nach Waffenstillstand: Hamas herrscht weiter im Gazastreifen

Nach Waffenstillstand :Hamas herrscht weiterhin im Gazastreifen

|

Israel wollte die islamistische Hamas zerschlagen. Doch nach dem Waffenstillstand zeigt sich: Sie herrscht noch immer im Gazastreifen.

Kämpfer der Hamas kontrollieren die Menschenmenge, während Fahrzeuge des Roten Kreuzes manövrieren, um israelische Geiseln einzusammeln, die im Rahmen eines Waffenstillstandsabkommens zwischen Israel und der Hamas in Gaza-Stadt freigelassen werden sollen

Schon bei der ersten Geiselübergabe am Sonntag zeigten sich im Gazastreifen Hamas-Kämpfer wieder in der Öffentlichkeit.

Quelle: AP

Kaum war im Gazastreifen der Waffenstillstand in Kraft getreten, war die Hamas zur Stelle. Regierungsvertreter kamen aus ihren Verstecken hervor und versprachen eine koordinierte Verteilung der eintreffenden Hilfslieferungen an die vom Krieg gezeichnete Bevölkerung. Schnell wurde deutlich, dass es Israel mit all seiner militärischen Stärke nicht gelungen war, die Hamas zu zerschlagen.

Hamas-Kämpfer wieder in der Öffentlichkeit

Dies zeigte sich bereits bei der Freilassung der ersten drei israelischen Geiseln am vergangenen Sonntag. Dutzende Hamas-Kämpfer präsentierten sich in militärischer Kleidung vor den Kameras der internationalen Journalisten. Und an vielen anderen Orten im Gazastreifen waren plötzlich wieder Tausende Polizisten der Hamas in Uniform zugegen.

Mohammed Abed, ein dreifacher Vater, der nach sieben Monaten auf der Flucht zu seinem Haus in der Stadt Gaza zurückgekehrt ist, sagt:

Die Polizisten waren eigentlich immer hier, aber sie haben keine Uniform getragen.

Mohammed Abed, Bewohner von Gaza-Stadt

Ihre Anwesenheit unter den Flüchtlingen in den Zeltlagern bewertet er positiv: "Sie haben Diebstähle verhindert." Andere Palästinenser schildern, wie Hamas-Polizisten während des gesamten Krieges in Krankenhäusern und anderen Gebäuden Büros unterhalten hätten. Die Bevölkerung habe dort Straftaten melden können.

Hamas kontrolliert seit Jahren den Gazastreifen

Israel hat wiederholt die Hamas für die hohe Zahl der zivilen Opfer im Gaza-Krieg verantwortlich gemacht, weil sich ihre Kämpfer unter der Zivilbevölkerung sowie in Schulen und Krankenhäusern versteckt hätten. Diese seien dann das Ziel israelischer Angriffe geworden.

Nach palästinensischen Angaben wurden dabei mehr als 47.000 Menschen getötet. Rund 90 Prozent der Bewohner des Küstenstreifens mussten aus ihren Häusern fliehen, häufig mehrmals.

Nach Meinungsumfragen unterstützt nur eine Minderheit der Palästinenser die Hamas. Gleichwohl ist die militant-islamistische Organisation nach wie vor sehr tief in der palästinensischen Gesellschaft verwurzelt - und das seit ihrer Gründung in den späten 1980er Jahren.

Bei der Parlamentswahl im Jahr 2006 errang die Hamas im Gazastreifen einen Erdrutschsieg und sicherte sich im Jahr darauf die Kontrolle über das Küstengebiet im Kampf gegen die vom Westen unterstützte Palästinensische Autonomiebehörde. Seitdem hat die Hamas auch in vier Kriegen mit Israel ihre Machtposition nicht verloren.

Hamas stellt sich wieder neu auf

Selbst im jüngsten und schwersten Krieg nach dem Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 konnte die Hamas vorerst nicht ausgelöscht werden, obwohl nach israelischen Angaben mehr als 17.000 ihrer Kämpfer getötet wurden, darunter viele Top-Kommandeure.

Erst Anfang Januar erklärte der damalige US-Außenminister Antony Blinken, die Hamas habe fast genauso viele Kämpfer neu rekrutiert, wie sie im Krieg verloren habe.

Viele Unterstützer findet sie Beobachtern zufolge unter den in Zeltlagern zusammengepferchten Überlebenden israelischer Luftangriffe. Michael Milschtein, ein früherer Mitarbeiter des israelischen Militärgeheimdienstes, sagt:

Die Hamas ist ein Chamäleon. Sie wechselt ihre Farben nach den gegebenen Umständen.

Michael Milschtein, Ex-Mitarbeiter von Israels Militärgeheimdienst

Zwar werde die Organisation vorerst nicht mehr in der Lage sein, einen Großangriff wie am 7. Oktober zu verüben, sagt Milschtein. Aber sie sei zu ihren aufständischen Wurzeln zurückgekehrt. Sie nutze auch kreative Taktiken wie das Einsammeln israelischer Blindgänger, um Sprengsätze zu bauen.

Der Krieg endet mit der starken Wahrnehmung, dass die Hamas erfolgreich war. Das Rekrutierungspotenzial wird verrückt sein. Sie werden nicht in der Lage sein, das zu bewältigen.

Michael Milschtein, Ex-Mitarbeiter von Israels Militärgeheimdienst

Palästinensische Kritiker der Hamas sagen schon lange, dass eine militärische Lösung des Nahostkonflikts schlicht unmöglich sei. Demnach wären die Palästinenser eher geneigt, mit der Hamas zu brechen, wenn es eine Alternative zum jahrzehntelangen Zustand der israelischen Besatzung gäbe.

sich umarmende Menschen auf einer Gedenkstätte

Seit den traumatischen Terrorangriffen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 haben wir den Krieg beobachtet, Menschen in Israel und Gaza getroffen und ihre Schicksale begleitet.

26.09.2024 | 29:57 min

Kritiker: Netanjahu nicht auf die Zeit nach dem Krieg vorbereitet

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lehnt die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates aber weiterhin vehement ab. Er will auch nicht, dass die Palästinensische Autonomiebehörde die Regierung im Gazastreifen übernimmt, wie das unter anderem die USA vorgeschlagen hatten.

Der israelische Journalist Awi Issacharoff sieht das größte Versäumnis im jüngsten Gaza-Krieg darin, dass Netanjahu keinen Plan für die Zeit danach entwickelt habe. Deshalb schlittere Israel im Nahost-Konflikt von einem Albtraum in den nächsten, schrieb er in der Zeitung "Jediot Achronot".

Die Hamas wird an der Macht bleiben und wird neue Tunnel bauen und neue Kämpfer rekrutieren, ohne dass sich vor Ort irgendeine Alternative ergeben wird.

Awi Issacharoff, israelischer Journalist

Icon von whatsapp
Quelle: dpa

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.


Quelle: AP

Mehr Nachrichten zum Nahost-Konflikt

  1. Apache AH-64 Kampfhubschrauber, Symbolbild

    Nach Absturz von US-Militärhubschrauber:USA und Iran liefern sich neue Gefechte in der Golfregion

    mit Video1:27

  2. Israel and Iran exchange strikes after Beirut attack, in photos

    Nachrichten | heute journal update:Die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt

    von Christian Kirsch
    Video2:29

  3. Israelische Sicherheitskräfte und Freiwillige des ZAKA-Rettungsdienstes reagieren am Tatort nach einer Serie von Schusswaffenangriffen am 07.06.2026 in Tzur Yitzhak, Israel.

    Gewalt auch in Gaza und im Westjordanland:Mindestens ein Toter bei Anschlag in Israel

    mit Video25:05

  4. Rauch steigt auf nach einem Angriff Israels im Südlibanon.

    Nach Israel-Libanon-Gesprächen:Weitere Kämpfe: Hisbollah lehnt Bedingungen zu Waffenruhe ab

    mit Video0:24

  5. Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Israel, Mike Huckabee (l) wird begleitet vom zweiten von links: Der Stabschef des Außenministeriums, Dan Holler senior, der Berater des Außenministeriums und Direktor des Büros für Politikplanung, Michael A. Needham, und der Botschafter der Vereinigten Staaten im Libanon, Michel Issa, bei einem Treffen mit dem israelischen Botschafter in den Vereinigten Staaten, Yechiel Leiter, und der libanesischen Botschafterin in den Vereinigten Staaten, Nada Hamadeh, im Außenministerium.

  6. Reem Alabali Radovan (SPD), Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

    Netanjahu ordnet Angriffe auf Beirut an:Entwicklungsministerin Alabali Radovan bricht Libanon-Reise ab

    mit Video4:48

  7. ZDF-Korrespondent Thomas Reichart in Tel Aviv und ZDF-Reporter Alexander Poel in Beirut.

    Deeskalation im Libanon?:USA: "Massiven Druck auf Netanjahu ausgeübt"

    Video11:28

  8. Nahost-Experte Daniel Gerlach

    Angriffe zunächst vom Tisch:Libanon: "Ungewissheit Teil der Strategie"

    Video15:38

  9. Nahostkonflikt - Libanon

  10. US-Präsident Donald Trump nimmt an einer Kabinettssitzung im Cabinet Room des Weißen Hauses in Washington, DC teil, 27. Mai 2026.

  11. "Prime Games" in Ramallah

    "Prime Games" in Ramallah:Mit Sport die Hoffnung nicht verlieren

    Carsten Thurau, Ramallah
    mit Video1:45

  12. Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, im israelischen Parlament während einer Sitzung zur Beratung eines Gesetzentwurfs zur Auflösung der Regierung am 20.05.2026 in Jerusalem.

    Israelischer Polizeiminister:Frankreich verhängt Einreiseverbot für Ben-Gvir

    mit Video1:06

  13. Israelische Flaggen flattern auf einem Hügel, der an palästinensische Grundstücke angrenzt am 23.05.2025 in Bruqin.

    Gemeinsame Erklärung mit Partnern:"Illegal" - Deutschland kritisiert Israels Siedlungspolitik

    mit Video2:59

  14. Itamar Ben-Gvir, Minister für nationale Sicherheit von Israel, nimmt an der wöchentlichen Kabinettssitzung teil.

    Gefesselte Gaza-Aktivisten zu sehen:Israelischer Minister löst mit Videoposting Empörung aus

    mit Video1:06

  15. Bundeskanzler Friedrich Merz

    Drohnenangriff auf Atomkraftwerk Baraka:Nach Kritik an Luftangriff: Iran wirft Merz "Heuchelei" vor

    mit Video0:19

  16. Palästinenser legen ihre Hände auf den mit einer Hamas-Flagge bedeckten Leichnam von Ezzedine Al-Haddad, dem Anführer der Qassam-Brigaden der Hamas, während seiner Beerdigung in Gaza-Stadt am Samstag, dem 16. Mai 2026.

  17. Am 9. Mai 2026 steigt Rauch von der Stelle eines israelischen Luftangriffs in der südlichen Stadt Nabatieh auf.

    Sprecher des US-Außenministeriums:USA: Libanon und Israel verlängern Waffenruhe um 45 Tage

    mit Video1:27

  18. Knesset, israelisches Parlament

  19. Israel, Jerusalem, Knesset

    Überfall vom 7. Oktober 2023:Israel beschließt Militärtribunal für Hamas-Terroristen

    mit Video0:31

  20. Belgien, Brüssel: Gunther Krichbaum, Staatsminister im Auswärtigen Amt, spricht zur Journalisten im Gebäude des European Council (Europäischer Rat).

    Gewalt im Westjordanland:EU will Sanktionen gegen radikale israelische Siedler

    mit Video2:59

  21. Am 9. Mai 2026 steigt Rauch von der Stelle eines israelischen Luftangriffs in der südlichen Stadt Nabatieh auf.

  22. Israel greift Ziele im Libanon an: Rauchwolken im Süden des Landes

    Weitere Verhandlungen wohl ab 14. Mai:Israel und Libanon wollen offenbar weitere Gespräche führen

    mit Video2:01

  23. Iran, Bandar Abbas: Ein Patrouillenboot fährt durch das Wasser, während Frachtschiffe in der Straße von Hormuz vor Bandar Abbas, Iran, vor Anker liegen.

    Teheran meldet Angriff auf US-Schiff:Straße von Hormus: Experten sehen Iran auf Eskalationskurs

    mit Video5:54

  24. President Trump Visits The Villages Charter School In Florida