Erstes Lehrschreiben des Pontifex:Papst Leo: KI muss allen dienen, nicht nur den Tech-Giganten
von Jürgen Erbacher
Leo XIV. nimmt Politik und Tech-Unternehmen in die Pflicht. Moderne Technologien seien gut, müssten aber dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Er sieht Gefahr moderner Sklaverei.
Papst Leo XIV. hat sein erstes wichtiges Lehrschreiben zum Thema Künstliche Intelligenz veröffentlicht. (Archivbild)
Quelle: ddp"Magnifica Humanitas oder Großartige Menschheit - über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" ist der Titel der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. Auf 120 Seiten macht das katholische Kirchenoberhaupt deutlich, dass der Mensch im Mittelpunkt allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns stehen muss. In jeder Zeit habe sich die Ambiguität des technischen Fortschritts gezeigt, so Leo.
Mit Blick auf die Künstliche Intelligenz sieht er die Gefahr, dass die Menschenwürde "aufgrund neuer Formen der Entmenschlichung" in den Hintergrund zu geraten droht. Deshalb bedürfe es "angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, unabhängiger Aufsicht, Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht."
Papst Leo für Altersbegrenzung bei Nutzung von Plattformen
Leo sieht ein Problem in der Machtkonzentration bei einigen wenigen nichtstaatlichen Tech-Giganten. "Wenn sich Macht dieser Größenordnung in wenigen Händen konzentriert, neigt sie dazu, undurchsichtig zu werden und sich der öffentlichen Kontrolle zu entziehen."
Es steigt das Risiko einer verzerrten Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungleichheiten hervorbringt.
Papst Leo XIV. in seinem Lehrschreiben
In seiner Pfingstmesse hat Papst Leo XIV. angesichts zahlreicher Kriege zu Frieden und Versöhnung aufgerufen. Pfingsten gilt im Christentum als das dritte große Fest nach Ostern und Weihnachten.
24.05.2026 | 0:17 minDer Papst zeigt auf, welche Gefahren davon etwa für den politischen Diskurs und die Demokratie ausgehen. Er betont, nur der Mensch sei kreativ, könne zwischen Gut und Böse unterscheiden. KI sei bequem, dürfe aber nicht dazu führen, dass der Mensch verlerne, selbst zu denken und in reale Interaktion zu treten.
Der Papst fordert Transparenz bei Algorithmen und dem Umgang mit Daten, Teilhabe aller etwa bei der Festlegung von Regeln und eine Ausrichtung der Technologien am Prinzip des Gemeinwohls. Auch müsse es eine klare Verantwortlichkeit geben, etwa beim Einsatz von KI in bewaffneten Konflikten. Leo spricht sich für eine Altersbegrenzung bei der Nutzung von Plattformen aus, "um Dienstleister in die Verantwortung zu nehmen, statt die gesamte Last der Kontrolle auf die Familien abzuwälzen, und um speziell Schutz vor allen Formen sexueller Ausbeutung und Gewalt im Internet zu bieten".
Seit Mai 2025 führt Papst Leo XIV. die katholische Kirche. Wohin geht die Reise? Kann er die Polarisierung in der Kirche beenden? Kommen notwendige Reformen? Eine erste Bilanz.
02.04.2026 | 43:35 minSoziale Frage in Zeiten von KI
In seinem ersten großen Lehrschreiben beschäftigt sich Leo XIV. nicht nur mit Künstlicher Intelligenz. Er zieht die großen Linien der katholischen Soziallehre seit der ersten Sozialenzyklika von Papst Leo XIII. vor 135 Jahren. Damals ging es um die Soziale Frage angesichts der Industrialisierung. Heute geht es um die soziale Frage angesichts der modernen Technologien, allen voran Künstliche Intelligenz.
Diese führten zu einem "rasanten Epochenwandel", der eine Weiterentwicklung der kirchlichen Soziallehre erfordere, die immer dynamisch gewesen sei. Leo XIV. nennt das Beispiel der Sklaverei. "Dennoch können wir die Verzögerung nicht leugnen oder herunterspielen, mit der die Kirche und die Gesellschaft die Geißel der Sklaverei verurteilt haben." Dafür bitte er im Namen der Kirche um Vergebung.
Papst fordert "Zivilisation der Liebe"
Leo geht auch auf andere aktuelle Herausforderungen ein. Er kritisiert eine Kultur der Macht, in der Krieg als Lösung von Konflikten normal zu werden scheine, und beklagt die "irrige Annahme, dass nukleare Abschreckung eine unverzichtbare Voraussetzung für Sicherheit sei, was ein neues und weitgehend unkontrollierbares Wettrüsten zur Folge hat, begleitet von der schrittweisen Demontage der Abkommen zur nuklearen Abrüstung".
Statt des wichtigen Multilateralismus angesichts weltweiter Herausforderungen sieht Leo einen "ungeordneten und konfliktreichen Multipolarismus". Eine Lösung sieht der Papst im Aufbau einer "Zivilisation der Liebe". Diese sei keine naive Utopie, sondern ein anspruchsvolles Projekt.
Papst Leo XIV. hat als Oberhaupt der katholischen Kirche dieses Jahr seine erste Ostermesse gefeiert. Vor Tausenden Gläubigen spendete er auf dem Petersplatz den Segen „Urbi et Orbi“.
05.04.2026 | 2:30 minJeder könne dazu beitragen, etwa durch eine Entwaffnung der Worte, den Einsatz für Gerechtigkeit als Voraussetzung für Frieden, das Anstoßen neuer Dialoge sowie ein Vertrauen in Diplomatie und den Multilateralismus. "Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Taten der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen."
In seinem ersten großen Lehrschreiben greift Leo XIV. viele der aktuell brennenden Fragen auf. Dabei richtet er den Fokus auf die zentrale Frage, an der sich alles politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Handeln orientieren muss: Dient es dem Menschen und dem Gemeinwohl aller oder schadet es diesen?
Jürgen Erbacher ist Leiter ZDF-Redaktion Religion und Leben.
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