Erfurter Crucis-Kirche:Warum diese Kirche auf Kleinanzeigen landete
von Daniela Sonntag
Gebaut für die Ewigkeit - doch immer weniger Menschen gehen in die Kirche. Der Mitgliederschwund in beiden großen Kirchen zwingt viele Gemeinden zum Umdenken.
Das Bistum Erfurt schließt Ende des Jahres vier von sieben Kirchen, weil es immer weniger Katholiken gibt. Die Crucis-Kirche ist eine davon und wird sogar über ein Portal zum Kauf angeboten.
16.05.2026 | 3:50 minWer in die Erfurter Crucis-Kirche kommt, erlebt einen Wow-Effekt: barocker Prunk an Decken und Wänden und eine ebenfalls barocke und durchaus berühmte Orgel. Eine Prachtkirche, die die katholische St. Laurentius-Gemeinde für knapp 100.000 Euro auf Kleinanzeigen angeboten hatte. Die Idee dahinter ist nicht unbedingt ein Verkauf, sondern Aufmerksamkeit. Sie wollen Ideen finden, neue Konzepte. Und jemanden, der die Kirche gebrauchen kann.
Wir wollen eine gute und würdige Nachnutzung für die Kirche haben.
Sebastian Ulbrich, Kirchenvorstand St. Laurentius Gemeinde Erfurt
Erfurter Pfarrei: Instandhaltung von Liegenschaften frisst 56 Prozent des Budgets
Denn nicht nur stammt die Elektrik von 1984, auch sonst hat Crucis deutlichen Sanierungsbedarf, den die Gemeinde sich nicht leisten kann und will. 56 Prozent des Budgets in der Erfurter Innenstadtpfarrei geht derzeit in "Dach und Fach", also die Erhaltung von Liegenschaften.
Die beiden großen Kirchen in Deutschland besitzen ein Milliardenvermögen, das niemand so genau zu kennen scheint. Wofür brauchen sie dann noch die Kirchensteuer? DEALS folgt der Spur des Geldes.
19.12.2025 | 22:05 minAuf Dauer zu viel, sind sich alle einig. Man müsse sich von Gebäuden lösen, damit das Geld in die Gemeindearbeit fließen kann, sagt Ulbrich: "Wir wollen Kinderfreizeit finanzieren, wir wollen Seniorenarbeit finanzieren."
Deswegen hat sich St. Laurentius einen schmerzhaften Schrumpfungsprozess verordnet. Von insgesamt sieben Kirchen sollen vier Ende des Jahres außer Dienst gestellt werden.
Wir machen jetzt einen großen Schritt, um einfach in die nächsten 25 Jahre gehen zu können.
Rudolf Pöcking, Kirchenvorstand St. Laurentius Gemeinde Erfurt
Katholische Gemeinden: Immer weniger Mitglieder
Denn die katholische Gemeinde verliert jedes Jahr rund zwei Prozent ihrer Mitglieder - und liegt damit im Trend. Mehr als 650.000 Menschen sind im letzten Jahr aus den beiden großen Kirchen ausgetreten. Außerdem spüren auch die Kirchen den demographischen Wandel. Hunderttausende Mitglieder versterben jährlich, Geburten und Neueintritte können das nicht aufwiegen.
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Probleme auch bei der evangelischen Kirche
Für die evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist die Situation gravierend. Im Stammland der Reformation gibt es historisch bedingt besonders viele, besonders alte Kirchenbauten. 98 Prozent sind denkmalgeschützt. Doch gleichzeitig sind hier im Osten auch die Mitgliederzahlen besonders niedrig.
Wir haben 20 Prozent der evangelischen Kirchen in Deutschland, aber nur drei Prozent der Mitglieder.
Barbara Füten, Leiterin Finanzdezernat EKM
So ist auch die EKM froh, wenn ihre Gebäude neue Nutzer finden. Im thüringischen Apolda wird gerade die Martinskirche umgebaut. Das Kirchenschiff stand über Jahrzehnte leer, jetzt wird der Raum komplett entkernt. Unter dem Kirchendach soll ein sozio-kulturelles Zentrum entstehen, architektonisch anspruchsvoll als hölzerner Raum im Raum. Nutzbar zum Beispiel für die Tagespflege oder als abendlicher Veranstaltungsort. 2028 soll alles fertig sein.
Für Pastorin Susanne Böhm ist das auch ein Anknüpfungspunkt - an eine Gesellschaft, die sonst mehrheitlich wenig mit Kirche am Hut hat. "Wenn wir wahrgenommen werden als Partner, dann sind wir sehr zufrieden."
Ob Klettersport oder Kampfkunst: Viele Kirchengebäude in Deutschland werden wegen sinkender Mitgliederzahlen neu genutzt.
08.01.2026 | 1:58 minWas wird aus der Crucis-Kirche?
Was mit der Crucis-Kirche und ihrem barocken Interieur in Erfurt passieren wird, steht noch nicht fest. Rund 60 Anfragen hat der Gemeindevorstand auf seine Anzeige bekommen. Die müssen gesichtet und gewichtet werden. Dass bei vielen der Konzepte die historisch wichtige Orgel bleiben soll, findet Zuspruch. Für die anderen bald geschlossenen Kirchen gibt es auch schon Ideen. So soll unter anderem ein Kolumbarium und ein Jugendkirchen-Projekt entstehen.
Stolz sind sie hier vor allem, dass der ganze Prozess von unten, aus der Gemeinde entstand. Denn so können sie immerhin selbst mitentscheiden, was mit ihren überzähligen Gotteshäusern geschehen soll. Und mittlerweile erkundigen sich auch andere katholische Gemeinden nach den Erfurter Erfahrungen.
Daniela Sonntag berichtet aus dem ZDF-Studio in Thüringen.
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