Exorzismus heute:Wenn der Teufel wieder ausgetrieben wird
von Kira Stütz
Exorzismus wirkt wie ein Relikt - doch er existiert bis heute: In Kirchen, Freikirchen und auf Social Media. Hinter dem Ritual steht ein umkämpftes Weltbild.
"Verlasse diesen Körper, Dämon!" Auch heute noch kämpfen Exorzisten gegen das Böse, während Betroffene auf Heilung und Befreiung hoffen. Doch warum lässt uns der Teufel nicht los?
21.05.2026 | 44:00 minEs scheint ein Relikt vergangener Zeiten zu sein, das nur noch in Horrorfilmen Verwendung findet: der Exorzismus. Doch der Schein trügt. Dämonenaustreibungen, Exorzismen oder Befreiungsdienste existieren auch heute. Ihnen liegt ein dualistisches Weltbild zu Grunde, das von der Existenz des Teufels ausgeht und dem Dämonischen Macht zuschreibt.
"Exorzismus ist zunächst einmal ein religiöses Heilungsritual, das in vielen Religionen oder in nahezu allen Religionen vorkommt und das darauf abzielt, übernatürliche Wesen aus dem menschlichen Körper, aus Gegenständen oder auch aus Orten auszutreiben", erklärt Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer.
Papst würdigt Exorzisten
Auch der Katholizismus schließt Formen der Besessenheit nicht aus. Im September 2025 würdigte Papst Leo XIV. die Arbeit von Exorzisten in einer Grußbotschaft anlässlich des 15. Kongresses der Internationalen Vereinigung der Exorzisten. Etwa 300 katholische Exorzisten nahmen an dieser Veranstaltung in der Nähe von Rom teil.
Exorzisten sollen die tatsächlich vom Bösen besessenen Gläubigen mit dem Gebet und der Anrufung der wirkmächtigen Gegenwart Christi begleiten, damit ihnen Gott durch das Ritual des Exorzismus den Sieg über Satan schenkt.
Papst Leo XIV.
Unter dem Motto "Habe Mut, steh auf!" kamen zehntausende Gläubige zum 104. Katholikentag in Würzburg zusammen. Die Veranstaltung kam so politisch daher wie noch nie.
14.05.2026 | 2:34 minVorgaben für katholische Exorzisten
Über die Anzahl tatsächlich stattfindender Exorzismen in Deutschland lässt sich nur spekulieren. Während es beispielsweise in Italien über 200 katholische Exorzisten gibt, gibt die deutsche Bischofskonferenz auf Nachfrage zwei Exorzisten an.
Seit 1999 gelten Richtlinien, die katholische Exorzisten dazu verpflichten, sorgfältig zu überprüfen, ob tatsächlich eine Besessenheit vorliege. Zudem wird angeraten, sich mit Medizinern und Psychiatern zu beraten.
Die katholische Kirche unterscheidet zwischen einem kleinen und einem großen Exorzismus. Beide beschreiben bestimmte Abfolgen von Gebeten. Wie viele große Exorzismen in Deutschland stattfinden, lässt sich nicht sagen. Es wird von einer niedrigen ein- bis zweistelligen Zahl ausgegangen.
Das Bistum Erfurt schließt Ende des Jahres vier von sieben Kirchen, weil es immer weniger Katholiken gibt. Die Crucis-Kirche ist eine davon und wird sogar über ein Portal zum Kauf angeboten.
16.05.2026 | 3:50 minExorzismus mit Todesfolge verändert Blick
Dass die katholische Kirche besonders in Deutschland zurückhaltend mit diesem Thema umgeht, liegt unter anderem an dem Fall Anneliese Michel: Die 23-jährige Studentin aus dem fränkischen Klingenberg verstarb in Folge mehrerer Exorzismen durch einen katholischen Ordenspriester am 1. Juli 1976 aufgrund von Unterernährung. Ihr Fall sorgte für Schlagzeilen.
"Es ist der Fall Anneliese Michel, der hier Nachwirkungen hat bis in die Gegenwartsgesellschaft", erläutert Religionswissenschaftlerin Bauer.
In der deutschen Bischofskonferenz wollte man Exorzismus nicht mehr aufgrund dieses wirklich grausamen Falles.
Nicole Bauer, Religionswissenschaftlerin
Tonaufnahmen der angeblichen Besessenheit von Anneliese Michel und der Exorzismen lassen sich noch heute im Internet finden. Auch Horrorfilme wie "Der Exorzismus von Emily Rose" aus dem Jahr 2005 sind durch die Geschehnisse in Klingenberg inspiriert.
Aschaffenburg 1976: Bei der Staatsanwaltschaft meldet sich ein katholischer Priester aus Klingenberg. Die 23 Jahre alte Studentin Anneliese M. sei bei einem Exorzismus verstorben.
03.07.2025 | 16:30 min"Geistliche Kampfführung" in Pfingstgemeinden
Auch in evangelikalen Pfingstgemeinden gehören Befreiungsdienste zur gängigen Praxis. Einzelne oder kleine sogenannte Gebetsteams beten dort für die Befreiung der vermeintlich vom Teufel besessenen Gläubigen.
Unter dem Schlagwort "geistliche Kampfführung" verstehen dabei viele Gläubige den Befreiungsdienst als eine Waffe gegen die unsichtbaren Mächte des Teufels. Anders als in der katholischen Kirche ist diese Praxis aber nicht konkret festgelegt und findet in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen statt.
Zwischen Essensausgabe und queeren Rechten: junge Ordensschwestern und ihr Mut, sich für ihre katholische Kirche einzusetzen. Wie wollen sie Veränderung bewirken?
17.05.2026 | 27:05 minVideos von Exorzismen auf Social Media
Auf Social Media scheint es ebenfalls einen boomenden Markt für Dämonenaustreibungen zu geben. Auf Instagram, YouTube und TikTok kursieren zahlreiche Videos von Befreiungsdiensten und Exorzismen. Einige dieser selbsternannten Exorzisten gehören dem Umfeld evangelikaler Pfingstgemeinden an, andere agieren gänzlich losgelöst von einem institutionellen Rahmen.
Es finden sich einige Videos, die fixierte Personen zeigen, an denen mehrstündige Exorzismen vollzogen werden. Kritiker wie die Sekten-Info NRW äußern die Sorge, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen durch diese Praktiken schwer geschädigt werden können.
Kira Stütz ist stellvertretende Redaktionsleiterin der ZDF-Redaktion "Religion und Leben".
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zur Katholischen Kirche
- Interview
Vorsitzender der Bischofskonferenz:"Kirche kann gar nicht anders, als politisch zu sein"
mit Video4:52 Hoffnung auf Rückenwind aus Rom:Papst Leo beim Katholikentag präsent, aber nicht dabei
von Jürgen Erbachermit Video2:34- Analyse
Pontifex schärft sein Profil:Trump-Streit und Co.: So lief das erste Jahr von Papst Leo
von Jürgen Erbachermit Video43:35