Mutter und Top-Para-Athletin:Elena Semechin: Zwischen Baby, Business und Becken
von Johannes Fischer
Bei der Para-Schwimm-EM 2026 hat Elena Semechin schon Gold über 100 Meter Brust geholt. Für sie ist es der nächste Schritt auf einem außergewöhnlichen Weg zurück an die Weltspitze.
Top-Sportlerin, Mutter und Unternehmerin: Para-Schwimmerin Elena Semechin.
Quelle: Imago / Funke Foto Services / Maurizio GambariniElena Semechin kennt extreme Herausforderungen. Nach ihrer Hirntumorerkrankung im Oktober 2021 kämpfte sie sich zurück in den Leistungssport, wurde Paralympics-Siegerin. Doch ihr bislang schwierigstes Comeback begann nicht auf der Krankenstation, sondern im Kreißsaal.
Seit der Geburt ihres Kindes vor knapp einem Jahr muss Semechin drei Leben miteinander verbinden: Mutter, Leistungsschwimmerin und Unternehmerin. "Die Balance zwischen Belastung und Erholung zu finden, war extrem schwer", sagt die 32-Jährige: "Das Kind hat mich 24/7 gebraucht - bis heute."
Elena Semechin kämpft sich zurück ins Becken
Nach der Geburt wurde aus dem durchgetakteten Sportleralltag ein permanenter Spagat. Auch ihr Körper ließ sich nicht einfach zurück in den alten Zustand bringen.
Semechin musste "quasi ganz von vorne beginnen", die Bauchmuskulatur und Stabilität wiederherstellen. Stillen und hormonelle Veränderungen machten ihren Körper lange instabil. Als 100-Meter-Brustsprinterin musste sie ihr Training entsprechend anpassen.
Was Semechin allerdings nie abhandengekommen ist, ist der sportliche Ehrgeiz:
Ich habe die Lust nie verloren am schnellen Schwimmen, daran, mich zu messen und Bestleistungen zu erzielen.
Schwimmerin Elena Semechin
Doch Wille allein reicht nicht. "Ich brauche natürlich mein Team und dessen Unterstützung, damit ich meine Wünsche und Ziele weiterhin erreichen kann. Ohne funktioniert es nicht."
Tanja Scholz hat bei der Para-Schwimm-EM Gold geholt. Über 50 Meter Brust schlug die 42-Jährige in der Klasse SB 2 als erste an und unterbot dabei ihren eigenen Weltrekord.
07.09.2026 | 0:46 minUnd genau an diesem Punkt beginnt ihre Kritik am deutschen Sportsystem. Semechin wünscht sich "generell im Sportsystem bessere Regelungen für Mütter im Leistungssport". Es könne nicht sein, dass sie vor jedem Trainingslager darum kämpfen müsse, dass die Betreuung ihres Babys finanziert wird: "Damit ich mich auch auf mein Training fokussieren kann."
Mütter im Leistungssport: Semechin fordert mehr Unterstützung
Noch grundsätzlicher war die Unsicherheit während der Schwangerschaft: Bleibt sie im System? Fällt sie aus dem Kader? Was passiert mit ihrer Förderung, wenn diese an den Kaderstatus gebunden ist? Fragen, auf die sie damals keine ausreichenden Antworten bekam.
"Man fühlt sich schon in gewisser Weise alleine gelassen", beklagt Semechin:
Zu sagen: 'Ja, es ist total in Ordnung, in der Karriere Mama zu werden, da gibt es Unterstützung' - das fehlt.
Schwimmerin Elena Semechin
Semechin verweist auf andere europäische Länder, in denen es festere Strukturen und Ressourcen für Mütter im Spitzensport gebe. Gerade bei Trainingslagern und Wettkämpfen brauche es verlässliche Lösungen für die Kinderbetreuung, statt dass Sportlerinnen jedes Mal aufs Neue um Unterstützung kämpfen müssen.
Semechin, deren Sehfähigkeit seit dem Ausbruch der Erbkrankheit Morbus Stargardt im Alter von sieben Jahren stark eingeschränkt ist, will bei der Para-Schwimm-EM zeigen, wie weit sie auf ihrem Weg bereits gekommen ist. Ihren ersten Start in Kocaeli krönte sie mit Gold über 100 Meter Brust, am Mittwoch stehen noch die 50 Meter Freistil an.
Semechin blickt schon Richtung Los Angeles 2028
"Bei mir geht es jetzt erst einmal darum, dass ich wieder in Form komme, dass ich schnell schwimme und abliefere." Das tat die Berlinerin, die am Dienstagabend ihren insgesamt achten EM-Titel gewann - ihren ersten nach der Babypause.
Für Semechin geht der Blick aber schon jetzt weiter: Los Angeles 2028. Dort will sie sportlich "ganz oben" stehen und ihre Paralympics-Goldmedaille von Paris verteidigen.
Die Paralympics 2028 sind Elena Semechins großes Ziel. Dort würde sie als Mutter starten. Eine komplizierte Sache. Daher wünscht sie sich mehr Förderung für Top-Sportlerinnen, die Mütter sind.
20.04.2025 | 14:35 minGleichzeitig möchte sie sich als Unternehmerin weiterentwickeln und als Familie einen Alltag organisieren, der von Reisen, Wettkämpfen und ständig wechselnden Orten geprägt ist.
Elena Semechin: Eine Athletin, drei Rollen
Drei Rollen, ein Leben - und eine Frage, die Semechin antreibt: "Es reizt mich einfach zu wissen, was nach einer Schwangerschaft als Mutter, als Unternehmerin und als Leistungssportlerin noch möglich ist."
Ihr Comeback ist damit mehr als die Rückkehr ins Becken: Es ist der Versuch, herauszufinden, wie weit sich die Grenzen zwischen ihren drei Rollen verschieben lassen.