Para-Schwimm-EM:Josia Topf will mehr als Medaillen
von Johannes Fischer
Im türkischen Kocaeli beginnt heute die Para-Schwimm-EM. Josia Topf will mehr als Medaillen: Er kämpft für einen Para-Sport, der noch besser und gerechter wird.
Para-Schwimmer Josia Topf in Aktion. (Archivbild)
Quelle: imago images | IMAGO/Ralf KuckuckJosia Topf ist ein Mann der Zahlen. Seine Schwimmzeiten kennt er ohnehin, dazu führt er Tabellen über Supplemente, Proteinpulver und vieles mehr.
Ich liebe Daten, ich bin ein totaler Daten-Junkie.
Para-Schwimmer Josia Topf
Der 23-Jährige wurde mit dem TAR-Syndrom geboren und hat an beiden Armen Fehlbildungen. Weil er sie beim Anschlag nicht einsetzen kann, muss er beim Wenden und am Ziel mit dem Kopf anschlagen. Auch mit diesem umstrittenen Thema geht er möglichst nüchtern um: Er lässt sich regelmäßig untersuchen und beobachtet genau, wie sein Körper auf die Belastung reagiert.
Para-Schwimmer Josia Topf leidet seit seiner Geburt am TAR-Syndrom, einer seltenen Erbkrankheit.
03.09.2026 | 72:49 minDenn Topf weiß, dass das Risiko real ist. Die derzeitige Regel im Para-Schwimmen beschäftigt ihn seit Jahren. "Wenn es einen Punkt gibt, an dem sich der Kopf nicht mehr vollständig erholen kann, werde ich handeln müssen", sagt er. Bis dahin will er weiterkämpfen - im Becken und für eine Veränderung der Regeln. Sein Gesprächsangebot an World Para Swimming steht nach wie vor.
Topfs Geschichte hinter den Medaillen
Dabei könnte sich Topf längst einfach auf seine Erfolge konzentrieren. Paralympics-Sieger, Weltmeister und Weltrekordhalter ist er mit gerade einmal 23 Jahren. Vor zehn Jahren hätte er selbst kaum geglaubt, dass er einmal solche Momente erleben würde. Vor allem Paris ist ihm in Erinnerung geblieben. Tokio sei wegen der Corona-Pandemie schwierig gewesen, Paris dagegen "noch mal ein ganz anderes Level" - und dann gewann er auch noch Gold.
Paralympics-Sieger Josia Topf hat bei der Schwimm-WM in Singapur die zweite Medaille gewonnen. Über 50 Meter Rücken verzichtete er auf einen Endspurt - aus nachvollziehbarem Grund.
24.09.2025 | 0:39 minDoch hinter den Medaillen steckt eine andere Geschichte. Topfs Freunde aus dem Kindergarten kennen ihn seit einer Zeit, in der sein Leben noch von Operationen und Krankenhausaufenthalten geprägt war. Sie haben ihn in einer "sehr zerbrechlichen Form" erlebt. Für sie ist der heutige Erfolg nur ein Teil seiner Geschichte.
Viele Menschen sehen beim Para-Schwimmen nur die Erfolge, aber nicht, was dahintersteckt.
Josia Topf
"Der tägliche Kampf mit der Behinderung, das harte Training und die Umstellungen, die der Profisport für ein normales Leben mit sich bringt." All das bliebe der Öffentlichkeit verborgen, so Topf.
Topf engagiert sich für mehr Gleichberechtigung
Der Erlanger Schwimmer will deshalb nicht nur über sich selbst sprechen. Er studiert Jura und engagiert sich für mehr Gleichberechtigung - seit 2026 auch als Mitglied des Erlanger Stadtrats für die CSU. Sein Antrieb: "Dass das Leben der nächsten Generation von Menschen mit Behinderung einfacher wird." Jeder solle auf etwas aufbauen können, statt immer wieder bei null anzufangen.
Paralympicssiegerin Tanja Scholz hat bei der Schwimm-WM in Singapur das erste Gold für den Deutschen Behindertensportverband (DBS) geholt. Die 41-Jährige siegte in Weltrekordzeit.
21.09.2025 | 0:41 minMit Begriffen allein ist es für ihn nicht getan. "Wenn man aus 'Menschen mit Behinderung' 'Menschen mit besonderen Bedürfnissen' macht, hat man noch niemanden inkludiert." Es brauche mehr als Sprache: "Wir brauchen Taten für ein besseres Leben, für echte Inklusion und Teilhabe."
Name / Jahrgang / Startklasse / Verein
Elena Semechin / 1993 / S12 / Berliner Schwimmteam
Mira Jeanne Maack /2004 / S8, SB7, SM8 / Berliner Schwimmteam
Johanna Döhler / 2010/ S13/ Berliner Schwimmteam
Florian Reiter / 2008 / S14 / Berliner Schwimmteam
Tabea Teschauer / 2006 / S7, SB7, SM7 / Berliner Schwimmteam
Charlotte Leonora Kast / 2008 / S7, SB7, SM7 / Berliner Schwimmteam
Janis McDavid / 1991 / S1, SB1, SM1 / Berliner Schwimmteam
Tanja Scholz / 1984 / S4, SB2, SM3 / PSV Union Neumünster
Gina Böttcher / 2001 / S4, SB3, SM4 / SV Motor Babelsberg
Nisanur Kocabas / 2012 / S6, SB5, SM6 / SV Motor Babelsberg
Verena Schott / 1989 / S6, SB5, SM6 / BPRSV
Josia Topf / 2003 / S3, SB3, SM3 / SV Motor Babelsberg
Linus Harms / 2004 / S10, SB9, SM10 / SV Motor Babelsberg
Taliso Engel / 2002 / S13 / SG Bayer
Maurice Wetekam / 2006 / S9, SB9, SM9 / SG Bayer
Philip Hebmüller / 2007 / S13 / SG Neuss
Mieke Sophie Leiße / 2011 / S13 / PSV Essen 1922
Julian Jeremy Füllgraf / 2005 / S14 / VfL Osnabrück
Alessia Tina Kollmar /2011 / S7, SB6, SM7 / SC Regensburg
Marlon Jung / 2009 / SB9 / SSV Leutzsch
Balint Köszegvary / 2008 / S10, SB9, SM10 / SC Delphin Lübeck
Judith Pein / 2008 / S14 / SG PSV-MFZK Schwerin
Auch im Para-Schwimmen sieht Topf noch viel Veränderungsbedarf. "Wir haben in vielen Bereichen dieses Sports noch eine Wildwest-Handhabung und das tut uns allen nicht gut", sagt er.
Volle Konzentration erst mal auf die Schwimm-EM
Nun richtet sich sein Blick erst einmal auf Kocaeli. Die Para Schwimm-EM, die am Montag in der türkischen Stadt beginnt, soll den Schlusspunkt unter eine turbulente Saison setzen, die wegen mehrerer Verschiebungen sogar zwischenzeitlich vor dem Aus stand. Topfs sportliches Ziel ist dabei denkbar einfach:
Meine Hoffnung ist, bei jedem Wettkampf eine neue Bestzeit zu schwimmen.
Josia Topf
Was danach kommt, ist offen. 2028 ist ein mögliches Ziel, aber keine Garantie. Sein Vermächtnis beschäftigt ihn ohnehin weniger als die Frage, was er für die Zukunft verändern kann. Sein Opa habe ihm dazu einen Satz mitgegeben: "Wer nur lebt, um erinnert zu werden, lebt falsch."
Topf hat daraus seine eigene Konsequenz gezogen: Wenn er irgendwann nicht mehr schwimmt, soll es für die nächste Generation etwas einfacher und gerechter sein. Ob man sich dann noch an seinen Namen erinnert, ist ihm ziemlich egal.