Wenn das Gesäß ständig schmerzt:Piriformis-Syndrom: Ursachen, Symptome und Therapie
von Julia Zipfel
Sitzen wird zur Qual, Schmerzen ziehen bis in die Wade: Beim Piriformis-Syndrom liegt die Ursache in der tiefen Gesäßmuskulatur. Wie Betroffene die Beschwerden wieder loswerden.
Piriformis-Syndrom statt Bandscheibenvorfall: Die Diagnose erklärte die jahrelangen Schmerzen, unter denen Luma litt. Was ihr schließlich geholfen hat.
07.08.2026 | 4:53 minDer Piriformis ist ein kaum handgroßer Muskel, der große Schmerzen verursachen kann. Diese Schmerzen lassen sich aber meist gut behandeln. Sieben Fakten, die man zum Piriformis-Syndrom wissen sollte.
Was ist das Piriformis-Syndrom?
Birnenförmig und flach zieht der Musculus piriformis vom Kreuzbein zum Oberschenkelknochen und stabilisiert dabei die Hüfte. Bei den meisten Menschen verlaufe der Ischiasnerv direkt unter ihm hindurch, sodass ein verkürzter oder verhärteter Muskel den Nerv einengen kann, erklärt Jan Lemke, Facharzt für Orthopädie.
Wird der Piriformis gereizt, kann das starke Schmerzen im tiefen Gesäß verursachen, die bis ins Bein ausstrahlen.
Dr. Jan Lemke, Orthopäde
Sowohl der Druck auf den Ischiasnerv als auch die typischen Symptome hängen von der individuellen anatomischen Situation ab.
Lokal begrenzte Muskelverhärtungen und ausstrahlende Schmerzen können auf ein myofasziales Schmerzsyndrom hinweisen. Warum es oft unerkannt bleibt.
02.06.2026 | 5:18 minWie man das Piriformis-Syndrom erkennen kann
Der Schmerz sitzt tief im Gesäß, ist meist einseitig und fühlt sich ziehend oder brennend an. Vom Gesäß wandert er häufig die Rückseite des Oberschenkels hinab. Kribbeln und Taubheit können dazu kommen. Die Schmerzen verschlimmern sich oft beim Sitzen oder Laufen.
Wer vom Piriformis-Syndrom betroffen ist
Genaue Zahlen zur Häufigkeit fehlen, weil das Syndrom oft unerkannt bleibt. Schätzungen zufolge haben rund sechs bis acht Prozent der Betroffenen mit Rücken- oder Hüftschmerzen, die ins Bein ausstrahlen, einen gereizten Piriformis. Treffen kann es jeden, häufig aber Menschen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren. Bei Älteren zieht eher ein Verschleiß an Wirbelsäule und Hüftgelenk den Piriformis in Mitleidenschaft.
Ursachen der Muskelreizung
Häufigster Auslöser ist langes Sitzen, etwa im Büro oder Auto. Der Muskel verkürzt, verspannt sich dadurch und schmerzt. Oft kommen einseitige Belastungen beim Sport, Dysbalancen im Becken oder ein Sturz auf das Gesäß hinzu.
Betreiben Vielsitzer plötzlich Laufsport, können sie den ohnehin verkürzten Muskel zusätzlich reizen. Bei einem Teil der Betroffenen verläuft der Ischiasnerv mitten durch den Piriformis, sodass er besonders schnell gereizt wird.
Plötzlich ziehende Schmerzen im unteren Rücken bis ins Bein: Fast jeden setzt mindestens einmal im Leben ein Hexenschuss schlagartig außer Gefecht. Was dann zu tun ist.
14.01.2025 | 5:04 minVerwechslung mit Bandscheibenvorfall
Halten die Schmerzen wochenlang an oder kommen Taubheit und Kraftverlust dazu, ist eine ärztliche Abklärung nötig.
Eine Ischialgie ausgelöst durch einen Bandscheibenvorfall fühlt sich ähnlich an. Deshalb ist das Piriformis-Syndrom eine Ausschlussdiagnose. Der Arzt tastet den Muskel ab und prüft mit Dehn- und Krafttests, ob sich der Schmerz gezielt provozieren lässt.
Hebe ich das gestreckte Bein an, schmerzt das beim Bandscheibenvorfall, beim Piriformis-Syndrom nicht.
Dr. Jan Lemke, Orthopäde
Mit Röntgenaufnahmen oder einer Magnetresonanztomografie könnten eine Hüftarthrose oder Bandscheibenschäden ausgeschlossen werden, so Lemke.
Ein Bandscheibenvorfall führt bei den Betroffenen zu starken Schmerzen im Rücken. Wann reichen konservative Therapien aus? In welchen Fällen ist eine Operation sinnvoll?
19.01.2026 | 4:57 minWas gegen die Muskelverspannung hilft
Operiert wird praktisch nie. Im Mittelpunkt der konservativen Behandlung steht Physiotherapie mit Übungen zur Dehnung und Druckpunkttechniken über sogenannte Triggerpunkte, um Verhärtungen zu lösen.
Nach etwa vier bis sechs Wochen sehen wir in der Regel gute Behandlungserfolge.
Dr. Jan Lemke, Orthopäde
Ergänzend kann eine Stoßwellen- oder Lasertherapie infrage kommen. Die Verfahren sind meist individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten in der Regel nicht.
Ergänzende Therapieverfahren
Bei der Stoßwellentherapie regen fokussierte Druckimpulse die Durchblutung an. Das soll Verhärtungen im Muskel lösen. Üblich sind drei bis fünf Sitzungen. Die Kosten liegen meist bei 80 bis 150 Euro pro Sitzung.
Untersucht ist das Verfahren beim Piriformis-Syndrom bislang nur in kleinen Studien und rückblickenden Auswertungen. Große Vergleichsstudien gegen eine Scheinbehandlung fehlen.
Gebündeltes Licht dringt in die Tiefe des Gewebes ein und soll Durchblutung und Stoffwechsel anregen. Auch hier sind meist drei bis fünf Sitzungen üblich. Die Kosten liegen häufig bei 60 bis 100 Euro pro Sitzung.
Eigenständige Studien speziell zum Piriformis-Syndrom gibt es kaum. Praxisberichte sprechen von hohen Ansprechraten, unabhängig bestätigt ist das bislang aber nicht.
Regelmäßiges Faszientraining kann helfen, Verspannungen zu lösen, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Sportphysiotherapeut Dominic Glabisch zeigt entsprechende Übungen.
08.07.2025 | 8:20 minWas Betroffene selbst tun können
Ohne eigenes Zutun geht es nicht, sagt Physiotherapeut Tobias Hüttenberger. Dreimal pro Woche sollte man den Piriformis mit Übungen dehnen und kräftigen und die Belastung dabei langsam steigern.
Viele Patienten träumen davon, einmal Physiotherapie zu machen und dann ist der Schmerz weg. Das ist unrealistisch.
Tobias Hüttenberger, Physiotherapeut
Hilfreich sind Übungen auch zu Hause. Bei akuten Beschwerden sollte vorher jedoch ärztlich abgeklärt werden, ob sie durchgeführt werden dürfen.
Drei Übungen für zu Hause
Den Knöchel des schmerzenden Beins auf das gegenüberliegende Knie legen, das Knie nach unten drücken und den Oberkörper so weit nach vorne beugen, bis es im Gesäß zieht. Position kurz halten, ruhig atmen. 20 bis 30 Sekunden dehnen, zwei- bis dreimal pro Seite.
Auf die gesunde Seite legen, beide Beine strecken und das obere Bein langsam anheben und senken, 10- bis 15-mal pro Seite, zwei Durchgänge. Wichtig ist, dass das Becken dabei stabil bleibt und nicht nach hinten kippt.
Einen Tennisball unter das Gesäß legen, die schmerzhafte Stelle suchen und mit dem Körpergewicht ein bis zwei Minuten lang vorsichtig belasten, bis die Verhärtung im Muskel nachlässt. Ein bis zwei schmerzhafte Punkte nacheinander behandeln, alle zwei bis drei Tage genügt.
Vorbeugend hilft Bewegung, etwa regelmäßiges Spazierengehen, am besten auch bergauf. Wer die Treppe statt den Aufzug nimmt, trainiert den Muskel zusätzlich. Und: Das Portemonnaie gehört nicht in die Gesäßtasche. Der Druck beim Sitzen kann den Piriformis reizen.
Dehnen für das Wohlbefinden:Was Assisted Stretching bewirken kann
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