Trotz Todes- und Vergifungsfällen:Illegale Pestizide in Istanbuler Hotels weiter im Einsatz
von Julia Lösch und Rebecca Klose
Eine vierköpfige Familie stirbt im Türkeiurlaub. Verantwortliche von Hotel und Schädlingsbekämpfungsfirma wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Doch es gibt weitere Fälle.
Das Istanbul-Semester sollte ihre beste Zeit werden. Doch Marlene P. leidet plötzlich unter Übelkeit und verstirbt. 15 Monate später wird der Grund bekannt: ein hochgiftiges Pestizid.
08.07.2026 | 29:12 minAls die 21-jährige Psychologiestudentin Marlene im Herbst 2024 für ein Auslandssemester nach Istanbul aufbricht, ahnt niemand, dass sie wenige Wochen später sterben wird. Sie und ihre Mitbewohner leiden plötzlich unter Übelkeit, Erbrechen und Schwäche. Marlene verliert das Bewusstsein und stirbt wenig später im Krankenhaus an den Folgen einer Vergiftung.
Verdacht auf Lebensmittelvergiftung
Ein Jahr später erschüttert ein weiterer Fall die Öffentlichkeit: Eine vierköpfige Hamburger Familie erkrankt während eines Urlaubs in Istanbul. Ärzte vermuten zunächst eine Lebensmittelvergiftung und entlassen die Familie. Sie kehren in ihr Hotel zurück. Später sterben erst die beiden Kinder, dann die Eltern.
In beiden Fällen kommen die Ermittler später zu demselben Ergebnis: Schädlingsbekämpfungsfirmen hatten verbotenerweise das hochgiftige Aluminiumphosphid zur Bekämpfung von Bettwanzen eingesetzt. Der Wirkstoff darf in der Türkei nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und ausschließlich von lizenzierten Firmen etwa in Silos oder Lagerstätten verwendet werden - jedoch niemals in Hotels oder Wohnhäusern.
Fünf Monate nach dem Tod einer vierköpfigen Familie aus Hamburg hat der Prozess begonnen. Todesursache: Insektengift. Die mutmaßlichen Verantwortlichen stehen jetzt vor Gericht in Istanbul.
21.04.2026 | 2:42 minMehr als 30 Vergiftungsfälle
Recherchen von "Die Spur" zeigen: Die beiden Schicksale sind keine Einzelfälle. Gemeinsam mit türkischen Kollegen hat das ZDF mehr als 30 mutmaßliche Vergiftungsfälle in den vergangenen vier Jahren gefunden. Die meisten davon wurden bisher juristisch nicht aufgearbeitet.
Der Anwalt der Familie, Yaşar Balci, sieht ein grundlegendes Problem: Betroffene halten ihre Beschwerden häufig selbst für eine Lebensmittelvergiftung. Verlassen sie die belastete Umgebung, besserten sich die Symptome zunächst oft. Ärzte hätten deshalb Patienten und Patientinnen in einigen Fällen ohne gesicherte Diagnose entlassen. Die betroffenen Menschen kehrten anschließend in die Gefahrenzone zurück.
Nach meiner Auffassung sollten Ärzte bei Vergiftungsverdacht bestimmte zusätzliche Untersuchungen durchführen.
Yaşar Balci, Anwalt
Sie müssten unter anderem fragen, ob im Gebäude kurz zuvor eine Schädlingsbekämpfung stattgefunden habe.
Nach den drei Todesfällen in Istanbul sind die Hamburger Mutter und ihre zwei Kinder in der Türkei beigesetzt worden. Die genaue Todesursache ist weiterhin unklar.
17.11.2025 | 2:38 minHinweise von Patienten nicht beachtet
Wie entscheidend dieser Hinweis sein kann, zeigt Max, ein ehemaliger Mitbewohner Marlenes. Er überlebt die Vergiftung nur knapp. Im Krankenhaus seien Ärzte zunächst von Drogen oder einer Lebensmittelvergiftung ausgegangen. Erst später erinnere sich Max daran, dass wenige Tage zuvor die Wohnung unter ihrer WG abgeklebt worden war - vermutlich für eine Schädlingsbekämpfung.
Max schildert diesen Verdacht den Ärzten im Krankenhaus - er sei dort aber nicht beachtet worden. "Es war einfach frustrierend, denen nicht klar machen zu können, dass die woanders gucken müssen", berichtet der junge Mann. Später habe er Ärzte während einer Visite über Aluminiumphosphid sprechen hören.
In türkischen Lebensmitteln sind laut Greenpeace häufig Pestizidrückstände. Die EU weist Importe dieser Lebensmittel immer wieder zurück.
09.07.2025 | 2:17 minUnvollständige Ermittlungsakten - ein Zufall?
In den Ermittlungsakten findet sich dazu jedoch kein Hinweis. Zufall, Schlamperei oder wurde diese Information vielleicht sogar bewusst weggelassen? Antworten von den Gesundheitsbehörden bekommen die Reporterinnen von "Die Spur" nicht - genauso wenig wie das für die Dreharbeiten in der Türkei notwendige Pressevisum. Recherchen mit Hilfe türkischer Kollegen vor Ort decken immer neue Fälle mutmaßlicher Aluminiumphosphid-Vergiftungen auf.
Illegal arbeitende Firmen schrecken nicht davor zurück, Aluminiumphosphid weiter für die Schädlingsbekämpfung in Wohnungen oder Hotels anzubieten. Das zeigt die verdeckte Recherche von "Die Spur": Ein Anbieter will das hochgiftige Aluminiumphosphid noch am selben Tag in einer Wohnung einsetzen.
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