Digitale Gewalt gegen Kinder:Sadismus im Internet: Wie können Kinder geschützt werden?
Kriminelle drängen Kinder und Jugendliche im Netz zu sexuellen Handlungen und Selbstverletzungen. Oft stecken Sadisten-Netzwerke dahinter. Was ein Kinderpsychiater Eltern rät.
Im Netz werden Kinder und Jugendliche zu sexuellen Handlungen und Selbstverletzung gedrängt. Dahinter stecken nicht nur Einzeltäter, sondern internationale Netzwerke. ZDFheute live ordnet ein.
16.06.2026 | 24:57 minProzessauftakt in Hamburg gegen Fabian Z.: Der mittlerweile 18-Jährige soll laut Anklage unter anderem sieben Mädchen zwischen zwölf und 15 Jahren im Internet zu sexuellen Handlungen und Selbstverletzungen vor der Kamera genötigt haben. Ihm werden mehr als 50 Straftaten vorgeworfen.
Die Vorwürfe erinnern an den als "White Tiger" bekanntgewordenen Fall eines 21 Jahre alten Deutsch-Iraners, der als Kopf des Sadisten-Netzwerks "764" über Kontinente hinweg im Internet Kinder und Jugendliche missbraucht und in einem Fall bis in den Suizid getrieben haben soll. Seit Januar muss er sich unter anderem wegen Mordes vor Gericht verantworten.
Je grausamer die Tat, desto mehr Anerkennung – so das Prinzip der Com-Szene. Nach dem bekannten "White Tiger"-Fall beginnt in Hamburg der Prozess gegen einen weiteren mutmaßlichen Cyber-Sadisten.
16.06.2026 | 1:47 minHinter derartigen Taten sieht das Bundeskriminalamt sogenannte COM-Netzwerke: International verzweigte Gruppen, die über verschiedene Online-Plattformen agieren und gezielt junge Menschen in einen gefährlichen Kreislauf aus Drohungen, Erpressung und Selbstverletzungen verwickeln.
Wie groß sind die COM-Netzwerke?
"Zur Größe der Netzwerke ist es schwer, etwas zu sagen", erklärt Oberstaatsanwalt Jörg Angerer bei ZDFheute live: "Es sind sicherlich mehrere Tausend Beteiligte." Zudem handle es sich auch nicht um klassische Netzwerke, in denen alle Teilnehmer zusammenhingen. Vielmehr setzten sie sich aus vielen kleinen Gruppen zusammen.
- Cybergrooming: "Das Smartphone ist das ultimative Tatmittel"
Dabei hätten die Täter "keine einheitliche Motivation", so Angerer: "Die Ziele sind höchst unterschiedlich." Während es einigen Tätern um Machtausübung gehe, suchten andere die "sadistische Befriedigung". Auch handle es sich bei den Fotos und Videos, die Opfer selbst von den Taten aufnehmen, um "Trophäen" in diesen Netzwerken.
Es gebe keine direkte Verbindung zwischen dem heutigen Prozess und dem Prozess von White Tiger, so die Staatsanwaltschaft. Aber die Motive und Ausführungen seien ähnlich, so ZDF-Reporter Rieken.
16.06.2026 | 7:50 minKann jedes Kind zum Opfer werden?
"Das kann jedem normalen Kind passieren", warnt Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. "Es ist überhaupt gar kein Wunder, dass das jeden Tag passiert", weil Kinder als beziehungssuchende Individuen "natürlich auch vertrauen".
Cyber-Sadisten verwenden eine Mischung aus Verführung und Erpressung, so Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort. Das Vertrauen sei oft so tief, dass sich Betroffene an niemanden wenden.
16.06.2026 | 3:57 minWoran können Eltern erkennen, dass ihr Kind betroffen ist?
"Das ist gerade das Gemeine", so der Psychiater, "dass das Vertrauen so tief ist und gleichzeitig mit Erpressung verknüpft ist, dass die Kinder sich nicht trauen, (…) sich an jemanden zu wenden." Ob ein Kind Opfer sei, könnten Eltern "allenfalls an einer Wesensveränderung bei ihrem Kind feststellen, dass das Kind verschlossener ist". Doch das könne häufig auch durch die Pubertät begründet sein. Der Rat des Experten:
Eltern sollten aufmerksam sein und sich aktiv mit den Medienaktivitäten ihrer Kinder auseinandersetzen - ohne zu spionieren.
Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater
Es brauche mehr Medienkompetenz in Deutschland. Der Kinder- und Jugendpsychiater wirbt für ein "gesundes Misstrauen". Auch Medien, Konzerne und die Gesellschaft müssten aufmerksamer werden.
In Hamburg entdecken FBI-Ermittler einen Jugendlichen, der gezielt andere Jugendliche manipuliert. Sie informieren deutsche Behörden und stoßen auf ein Sadistennetzwerk.
29.04.2026 | 29:07 minWas können die Plattformen tun, um Kinder zu schützen?
"Verhindern, fürchte ich, wird man das nicht können - wie man Straftaten generell nicht verhindern kann", sagt Oberstaatsanwalt Jörg Angerer. Zwar könnten auch die Plattformen, auf denen sich die Taten abspielen, mehr tun. Allerdings müssten dazu private Unterhaltungen stärker überwacht werden, "um zu sehen, was die Chattenden da so treiben. Ich denke, das wird niemand wollen." Auch er stellt fest:
Das wichtigste Werkzeug ist Aufklärung.
Jörg Angerer, Oberstaatsanwalt
Die Interviews führte ZDFheute live-Moderator Christian Hoch, zusammengefasst hat sie Silas Thelen.
- Telefonhotline für Hilfe bei Suizidgedanken: 0800 111 0 11
- Online-Suizidprävention: https://www.u25-deutschland.de/
- Weisser Ring e.V. Telefonhotline: 116 006 // Online-Hilfe: https://weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer/onlineberatung
- HateAid Betroffenenberatung: Du bist nicht allein!
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