"White Tiger" steht vor Gericht:Kinder in den Suizid getrieben? Prozess in Hamburg
von Sven Rieken
Der 21-jährige Shahriar J. soll sich online das Vertrauen von Kindern erschlichen haben, um sie in den Suizid zu treiben. Ab heute steht er in Hamburg vor Gericht.
Seit heute steht der 21-jährige Shahriar J. in Hamburg vor Gericht. Unter dem Namen "White Tiger" soll er im Internet psychisch labile Kinder und Jugendliche in den Suizid getrieben haben.
09.01.2026 | 1:41 minShahriar J. nennt sich im Internet "White Tiger". Schon früh bekommt der Deutsch-Iraner mit, dass sich vor allem psychisch labile Jugendliche und Kinder übers Internet manipulieren lassen. Er sucht in Chats und Foren gezielt nach denen, die es ohnehin schwer haben: depressiv, einsam, unsicher.
Erst gibt er sich als Freund aus, hört zu, macht Komplimente. Mit der Zeit baut er immer mehr Druck auf, fordert Nacktbilder, Selbstverletzungen. Sogar seinen Nickname sollten die Opfer mit blutigen Fingernägeln in und auf ihre Haut kratzen. Er hatte damit Erfolg, wie die Anklageschrift zusammenfasst.
Ein 20-Jähriger in Hamburg soll als Kopf einer Onlinegruppe psychisch kranke Kinder missbraucht und in einem Fall möglicherweise auch zum Suizid gezwungen haben.
18.06.2025 | 1:33 minChatgruppe 764 stiftete zu Suiziden an
204 Taten listet die Anklage auf: In verschlossenen Chatgruppen der Szene "764" - wie sich die rund 30 Peiniger nennen - sollen sich Kinder vor der Kamera geschnitten, missbraucht und erniedrigt haben, während andere im Chat anfeuerten.
Das schlimmste Verbrechen: Ein 13-jähriger Junge aus den USA erhängte sich im Livestream, nachdem J. ihn über eine Freundin aus der Gruppe gezielt gesteuert haben soll. Fünf weitere Suizidversuche scheiterten knapp.
In Hamburg hat die Polizei einen mutmaßlichen Pädophilen festgenommen – er soll unter anderem über das Internet ein Kind in den Suizid getrieben haben. Steffen Wachs berichtet.
18.06.2025 | 1:47 minWarum Kinder so leicht zu beeinflussen sind
Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort erläutert im ZDFheute-Interview, dass solche Fälle kein Randphänomen seien. Viele Kinder erlebten zumindest Versuche, dass Fremde im Netz Kontakt aufnehmen. Die Dunkelziffer sei hoch.
Er erklärt, warum das so gut funktioniert:
Am Bildschirm fühlt man sich, als sei man mit der anderen Person allein. Dann vertraut man ihr - wie im echten Leben.
Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater
Freundliche Nachrichten, Verständnis, scheinbare Nähe: Daraus werde eine Abhängigkeit, die sich anfühlen könne wie Verliebtheit. "Dann machen Kinder Dinge, von denen sie vorher selbst nie gedacht hätten, dass sie dazu fähig sind."
Die neusten Zahlen der Kriminalstatistik zu Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen seien erschütternd hoch, so Innenminister Dobrindt. Dazu kommt noch eine hohe Dunkelziffer
21.08.2025 | 1:31 minEltern rät er, ständig im Gespräch zu bleiben: Was passiert im Chat bei Fortnite? Wer schreibt da? Stimmt es wirklich, dass die andere Person auch minderjährig ist?
Man muss Kinder an manchen Stellen misstrauischer machen - das ist unangenehm, aber nötig.
Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater
Gewalt, Grooming, Extremismus: Jugendliche sind auf Social Media vielen Gefahren ausgesetzt. Viele fordern deshalb ein Mindestalter. Die Meinungen gehen allerdings auseinander.
01.07.2025 | 1:34 minWas juristisch auf dem Spiel steht
ZDF-Rechtsexperte Daniel Heymann erklärt, warum der Fall juristisch so besonders ist. J. hat die Kinder nicht selbst angefasst, er war teilweise Tausende Kilometer entfernt vor seinem Rechner in Hamburg.
Er soll sie so gelenkt haben, dass sie sich selbst verletzen - oder sogar töten.
Daniel Heymann, ZDF-Rechtsexperte
Die Anklage spricht von "Mord in mittelbarer Täterschaft": Der Angeklagte gebe die Richtung vor, das Opfer führe aus - die Kontrolle liege aber bei ihm.
Es klingt nahezu unglaublich, aber der junge Mann am Computer nutzt seine Opfer als Tatwaffe. Auch das kann als Mord ausgelegt werden. In seinem Fall greift noch das Jugendstrafrecht. J.s erste belegbare Taten soll er mit 17 begangen haben.
Nach weltweiten Ermittlungen hat die Polizei im Jahr 2025 eine Plattform für Missbrauchs-Videos abgeschaltet. In 31 Ländern gab es Durchsuchungen, rund 1.400 Verdächtige wurden identifiziert.
02.04.2025 | 1:34 minSchuldfähig trotz psychischer Erkrankung?
Natürlich stellte sich im Vorfeld des Prozesses die Frage, wie zurechnungsfähig jemand ist, der zu solchen Taten fähig sein soll. Auch das ist besonders: ein Gutachter hält den jungen Mann für psychisch krank, trotzdem kann ihn das Gericht als voll schuldfähig einstufen.
Entscheidend ist, ob er erkennen konnte, dass er etwas Verbotenes tut - und ob er noch die Kontrolle über sich selbst hatte.
Daniel Heymann, ZDF-Rechtsexperte
Die Ermittler vom Landeskriminalamt und die beteiligten Staatsanwälte berichten, dass sie nach der Sichtung von vielen Stunden aufgezeichneter Videochats selbst psychologische Hilfe brauchten.
Im Gerichtssaal wird also auch eine wichtige Frage verhandelt: Wie kann es sein, dass das Netz, dass Chats, dass scheinbar harmlose Online-Gespräche Kinder so schutzlos machen können. So beeinflussen, dass sie sich am Ende selbst das Leben nehmen.
Sven Rieken ist Korrespondent im ZDF-Studio in Hamburg.
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