Vor Topspiel gegen Magdeburg:Die brüchige Renaissance des Rekordmeisters aus Kiel
von Erik Eggers
Nach dürren Jahren ist der THW Kiel aufgrund zweier Toptransfers im Aufwärtstrend. Und ist auch im Auswärtsspiel bei Meister Magdeburg keineswegs chancenlos.
Zum Siegen verdammt: Kiels Julian Köster (l.) und Domagoj Duvniak
Quelle: dpa | Frank MolterDie Szene endete für den THW Kiel in tiefem Frust. Denn das vermeintliche Siegtor Julian Kösters in den Schlusssekunden des Nordderbys gegen Flensburg erkannten die Schiedsrichter am Samstagabend wegen eines vorangegangenen Schrittfehlers des Spielmachers Domen Makuc nicht an. Und dennoch: Der spektakuläre Bodenpass von Makuc zeugte von der zurückgewonnenen Spielkultur beim Rekordmeister.
Drei Jahre lang hatte der 23malige Meister seine Fans mit statischem und wenig kreativem Angriffshandball gequält. Mit dem neuen Trainer Börge Lund und den beiden Toptransfers Makuc und Köster hat die Offensive jetzt deutlich höheres Tempo gewonnen. Auch davon abgesehen reist der THW optimistisch zum Auswärtsspiel am Mittwoch nach Magdeburg.
Mehr Tempo im THW-Angriff
Zwar wird der SCM überall als Topfavorit für die Meisterschaft gehandelt. Doch das Team von Erfolgstrainer Bennet Wiegert hat sich bereits eine Auswärtspleite bei der MT Melsungen eingehandelt und weist daher schon einen Minuspunkt mehr auf dem Konto als Flensburg und Kiel (je 11:1 Punkte) auf.
Im Topspiel der Handball Bundesliga feiert der SC Magdeburg einen 36:32 Erfolg gegen die Füchse Berlin. Für den Deutschen Meister ist es der 25. Bundesliga-Heimsieg nacheinander.
04.09.2026 | 0:22 minVor allem aber stieß das Angriffskonzept des SC Magdeburg, das auf Durchbrüche und Würfe aus der Nahwurfzone ausgelegt ist, gegen die abwehrstarken Kieler zuletzt an Grenzen: In der letzten Saison kassierte der SCM drei seiner insgesamt vier Minuspunkte gegen den THW Kiel.
Und in der Serie 2024/25 unterlag das Team von Trainer Bennet Wiegert gar zweimal. Dabei tat sich die SCM-Abwehr oft sehr schwer mit der großen Rückraum-Wucht des THW Kiel, die in erster Linie der Schwede Eric Johansson verkörpert.
Makuc will "viele Titel"
Der neue THW-Spielmacher Makuc, 26, jedenfalls hat sich hohe Ziele gesetzt. Er wolle "möglichst viele Titel" mit seinem neuen Verein gewinnen, erklärte der Slowene nach dem Auftaktsieg gegen Lemgo.
Den Heber des Berliners hat er kommen sehen. Die Art und Weise, wie Magdeburgs Keeper Dominik Kuzmanovic den Ball aber abwehrt, sieht man nicht alle Tage.
04.09.2026 | 0:18 minDass die Kieler erstmals seit 33 Jahren nicht in einem europäischen Wettbewerb antreten, betrachtet Makuc nicht nur für seinen Eingewöhnungsprozess als Vorteil. "Mit weniger Reisen wird es einfacher sein, sich an die neue Liga zu gewöhnen und zu regenerieren. In meinem Fall ist es gut."
Während die anderen Meisterschaftsfavoriten, zu denen außerdem die SG Flensburg und die Füchse Berlin zählen, aufgrund der Doppelbelastung kaum Zeit für echte Trainingseinheiten haben, kann der neue Trainer Lund in der Tat sein Team viel gezielter für die Ligaspiele präparieren und neue Spielsysteme einstudieren.
Trainingsvorteile für Kiel
Eine neue THW-Variante ist das Angriffskonzept mit vier Rückraumspielern, das also ohne den eigentlich obligatorischen Kreisläufer aufgezogen wird. Diese Taktik hatte der Schweizer Coach Misha Kaufmann, der heute in Stuttgart arbeitet, vor drei Jahren mit dem ThSV Eisenach in der Bundesliga etabliert.
Der Trainer des SC Magdeburg Bennet Wiegert im Interview, einen Tag nach dem vorzeitigen Gewinn der deutschen Handball-Meisterschaft.
22.05.2026 | 3:00 minZugleich steht der THW Kiel schwer unter Druck, wie die drastischen Vorwürfe von Andreas Wolff nach dem Flensburg-Spiel klarmachten: Der Nationalkeeper erklärte, die Schiedsrichter hätten seinem Team schon beim Auswärtssieg in Göppingen bewusst Punkte wegnehmen wollen. Auch der Vorgänger des Cheftrainers Lund, Filip Jicha, hatte in der Vorsaison gern die Referees für Niederlagen verantwortlich gemacht.
Fragile Renaissance
So oder so ist der Rekordmeister dazu verdammt, nach drei Jahren Pause wieder die Champions League zu erreichen, wozu voraussichtlich Platz drei nötig ist.
Der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel trennt sich von seinem langjährigen Cheftrainer Filip Jicha.
22.06.2026 | 0:27 minAndernfalls dürfte der THW Kiel seinen teuren Personal-Kader, der in der vergangenen Serie für einen Verlust in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro sorgte, kaum aufrechterhalten können. Die Renaissance des Rekordmeisters ist vor diesem Hintergrund sehr fragil.