Wenn Muskeln unter großen Druck geraten:Akutes Kompartmentsyndrom: Warum nur eine Operation hilft
von Anja Braunwarth
Beim Kompartmentsyndrom steigt der Druck in einem Muskelbereich in Folge einer Verletzung gefährlich an. Wird nicht schnell gehandelt, droht der Verlust der betroffenen Extremität.
Ein einfacher Zusammenprall am Unterschenkel und plötzlich gerät das Bein in ernste Gefahr: Typisch für ein Kompartmentsyndrom. Das erlebte auch Outi Mutlak.
06.02.2026 | 5:12 minEtwa 70 Prozent aller Kompartmentsyndrome entstehen im Zusammenhang mit einem Knochenbruch. Dabei ist egal, ob es sich um Verletzungen mit geschlossener oder offener Haut handelt. Zwei Drittel der Fälle betreffen Unterschenkel, Unterarm und Fuß.
Männer erkranken etwa zehnmal häufiger als Frauen. Das Alter spiele ebenfalls eine Rolle, erklärt Richard Sellei, Unfallchirurg am Sana Klinikum Offenbach.
Vor allem jüngere Patienten um die 30 Jahre haben nach einem Unfall ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines akuten Kompartmentsyndroms.
Prof. Dr. Richard Sellei, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Auch Kinder und Jugendliche sind häufig betroffen: Nach einem Schienbeinbruch entwickeln etwa zehn Prozent ein Kompartmentsyndrom.
Regelmäßiges Faszientraining soll das muskuläre Bindegewebe mobilisieren und stärken. Es lindert Schmerzen, löst Verspannungen und fördert die Regeneration. Sportphysiotherapeut Dominic Glabisch zeigt, wie es geht.
08.07.2025 | 8:20 minWie ein Kompartmentsyndrom entsteht
Die Muskeln im Körper liegen in Gruppen beieinander, die Kompartimente oder Logen genannt werden. Jedes dieser Kompartimente hat eine Hülle aus Bindegewebe, die Faszie.
Bei einem Kompartmentsyndrom sammelt sich Flüssigkeit - Blut oder Gewebswasser - in der entsprechenden Muskelgruppe an. Dadurch steigt der Druck im Gewebe und der betroffene Bereich schwillt innerhalb der Faszie schnell an.
Das Lymphödem ist eine Flüssigkeitsansammlung in den Extremitäten, die zu Schwellungen führt. Welche Behandlung hilft.
06.03.2025 | 5:11 minNeben Frakturen zählen enganliegende Gipsverbände, Schwellungen nach Operationen, fehlgelaufene Infusionen oder Sportverletzungen zu möglichen Auslösern eines Kompartmentsyndroms.
Ein Kompartmentsyndrom kann auch in der Bauchmuskulatur entstehen. Mögliche Ursachen sind ausgedehnte operative Eingriffe in diesem Bereich oder schwere Verletzungen im Bauch- oder Beckenbereich.
Klassisches Zeichen ist eine prall gespannte Bauchdecke. Bauchschmerzen und Übelkeit können dazu kommen. Die Patienten leiden in der Regel unter Kurzatmigkeit und Herzrasen, weil Atmung und Kreislauf durch den Druckanstieg im Bauch und die dadurch gestörte Durchblutung innerer Organe schwer beeinträchtigt werden. Es besteht akute Lebensgefahr.
In der Regel hilft nur eine schnelle operative Öffnung des Bauches zur Druckentlastung. In leichteren Fällen können konservative Maßnahmen wie eine Magensonde, bestimmte entlastende Körperlagerungen oder eine entwässernde Therapie ausreichen.
Kompartmentsyndrom: Symptome richtig deuten
Ein rasches Anschwellen des betroffenen Kompartiments und eine prall gespannte Muskulatur, die sich nicht mehr eindrücken lässt, sind typische Anzeichen für ein Kompartmentsyndrom. Hinzu kommen sehr starke Schmerzen, die sich durch Schmerzmittel kaum lindern lassen, eventuell auch Gefühlsstörungen.
Ein Bandscheibenvorfall führt zu starken Schmerzen. Wann reichen konservative Therapien aus und in welchen Fällen ist eine Operation wirklich sinnvoll?
19.01.2026 | 4:57 minDie Symptome reichen meist schon für die Diagnose. Im Zweifelsfall kann eine Messung des Gewebedrucks weiterhelfen. Sie erfolgt in der Regel über eine Messsonde, die mit einer Nadel in die Muskulatur eingeführt wird. Es gibt auch neuere Ansätze mit Messungen über Ultraschallverfahren, die für die Betroffenen weniger belastend sind.
Kompartmentsyndrom ist ein chirurgischer Notfall
Durch den schnell ansteigenden Druck in der betroffenen Muskulatur kann es rasch zu schweren Durchblutungsstörungen und/oder Nervenschäden kommen. Im schlimmsten Fall droht ein Absterben und die Amputation der Extremität, erklärt Sellei.
Vor allem bei älteren Menschen ist ein Oberschenkelhalsbruch gefürchtet. Tatsächlich ist die Fraktur gefährlich und schnelles Handeln wichtig.
19.12.2024 | 5:20 minEin akutes Kompartmentsyndrom ist daher ein Notfall und muss umgehend behandelt werden. Die Therapie der Wahl sei die sofortige Operation, konservative Maßnahmen bleiben wirkungslos, erklärt der Unfallchirurg. Bei schnellem Handeln sei die Prognose aber gut.
Durch die rechtzeitige Operation lässt sich die Funktionsfähigkeit des Beins oder des Arms in der Regel wieder herstellen.
Prof. Dr. Richard Sellei, Sana Klinikum Offenbach
Je nachdem wie schwer die Muskulatur geschädigt ist, kann sich daran noch eine unterschiedlich lange Rehabilitationsphase anschließen.
Ist bei einem Kompartmentsyndrom die Durchblutung gestört, kann die Muskulatur absterben und regelrecht zerfallen. Mediziner sprechen von Rhabdomyolyse. Die Bestandteile gelangen in die Nieren und können sie verstopfen. Dadurch wird ihre Funktion beeinträchtigt, die mögliche Folge ist ein akutes Nierenversagen. Bei einem Kompartmentsyndrom werden daher regelmäßig die Nierenwerte kontrolliert.
Die Niere ist für die Entgiftung des Organismus zuständig. Sie filtert schädliche Substanzen aus dem Blut und hält den Körper gesund.
13.03.2025 | 4:52 minWie Operation und weitere Therapie ablaufen
Der betroffene Muskelbereich wird großflächig chirurgisch eröffnet und die betroffene Faszie durchtrennt. Nur so kann der Druck überall abfallen. Bereits abgestorbenes Muskelgewebe wird entfernt.
Die Wunde bleibt offen, bis der Druck gesunken und die Schwellung vollständig zurückgegangen ist. Manchmal reicht die erste Öffnung der Faszie dafür nicht aus und sie muss in einer erneuten Operation noch weiter gespalten werden.
Wenn die Muskulatur sich erholt hat, verschließen wir die Haut in Etappen.
Prof. Dr. Richard Sellei, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Würde man die Wunde sofort wieder komplett zunähen, bestünde die Gefahr, dass der Druck erneut steigt und Durchblutungsstörungen auslöst, so der Unfallchirurg.
War die Schwellung ursprünglich sehr groß, kann die Wunde nach der Operation weit auseinanderklaffen und nicht mehr direkt verschlossen werden. Dann muss Haut auf die betroffene Region transplantiert werden, die meist vom eigenen Oberschenkel entnommen wird.
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