Streit um Rüstungsmilliarden:"Altmetall"-Vorwurf: Kauft Deutschland die richtigen Waffen?
von Ines Trams
IfW-Ökonom Moritz Schularick warnt vor vergeudeten Milliarden für Waffentechnik von gestern. Doch Militärfachleute widersprechen: Die Bundeswehr brauche alte wie neue Systeme.
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft wirft Verteidigungsminister Pistorius falsche Investitionen vor. Sein Ministerium investiere zu sehr in alte Kriegstechnik und zu wenig in neue.
10.08.2026 | 1:46 minDrohnen, autonom gesteuert, mit Künstlicher Intelligenz vernetzt: So könnte ein Teil der Kriegsführung von morgen aussehen. Rüstungsunternehmen entwickeln solche Systeme derzeit in rasantem Tempo. Gleichzeitig könnten in Deutschland bis 2030 rund 700 Milliarden Euro in Verteidigung fließen - aus dem regulären Verteidigungshaushalt und zusätzlichen Mitteln.
Der Ökonom Moritz Schularick vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) warnt nun: Ein zu großer Teil des Geldes fließe weiter in klassische Großwaffensysteme - Panzer, Fregatten oder Kampfjets. Provokant spricht er von "Altmetall". Stattdessen müsse Deutschland stärker in Drohnen, Künstliche Intelligenz, Robotik und Weltraumtechnik investieren.
Die Bundesregierung investiere in "eine Zukunft, die letztlich die Vergangenheit ist", so IfW-Präsident Schularick. Die Ausgaben für die Bundeswehr gehörten anders priorisiert.
10.08.2026 | 6:56 minRüstung: Schularick warnt vor "gefährlichem Irrweg"
Im ZDF-heute journal kritisiert Schularick, Deutschland bestelle bis Ende des Jahrzehnts vor allem das, "was wir schon kennen, also das Alte". Um moderne Technologien wolle man sich erst danach kümmern. Das hält er für einen "teuren" und möglicherweise "gefährlichen Irrweg", weil heute beschaffte Systeme schon bald überholt sein könnten.
Sein grundsätzlicher Vorwurf: Die Milliarden würden nicht konsequent genutzt, um "die Streitkräfte der Zukunft zu bauen". Stattdessen würden zunächst die Bestände aufgefüllt mit "Sachen der Vergangenheit".
Schularick wirft Verteidigungsminister Pistorius vor, in veraltete Waffentechnologien zu investieren.
10.08.2026 | 2:53 minVerteidigungsministerium: "Das ist kein altes Zeug"
Tatsächlich fließen Milliarden in Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, Fregatten, Kampfflugzeuge, Luftverteidigung und Munition. Doch damit werden auch Lücken geschlossen, die nach Jahrzehnten des Sparens entstanden sind. Zudem muss Deutschland militärische Fähigkeiten bereitstellen, die es seinen Nato-Partnern zugesagt hat.
Das Verteidigungsministerium weist deshalb den Eindruck zurück, Verteidigungsminister Boris Pistorius kaufe eine Armee von gestern.
Das ist kein altes Zeug.
Mitko Müller, Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums
Die Systeme seien digital vernetzt, verfügten über sicheren Funk, moderne Bewaffnung und KI-gestützte Lageauswertung, betont Ministeriumssprecher Mitko Müller. Als Beispiele nennt er den Leopard 2 A8 und den Kampfjet F-35:
Das ist Hightech-Kriegsführung im digitalen Zeitalter.
Mitko Müller, Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums
Russland und Ukraine greifen gegenseitig die Infrastruktur an. In Odessa hat Russland die Stromversorgung, die Abwasserversorgung und die Häfen getroffen. Der Ukraine gehen die Abwehrkräfte aus.
10.08.2026 | 2:22 minDer Ukraine-Krieg zeigt: Es braucht beides
Auch militärisch greift ein schlichtes "Drohnen statt Panzer" zu kurz. Der Ukraine-Krieg zeigt zwar, wie sehr Drohnen, Sensorik und elektronische Kampfführung das Gefechtsfeld verändert haben. Er zeigt aber ebenso, dass Panzer, Artillerie, Flugabwehr und weitreichende Raketen keineswegs verschwunden sind.
"Ich halte es für einen Irrglauben, dass die Kriege der Zukunft ausschließlich mit Drohnen und KI geführt werden", sagt die SPD-Verteidigungspolitikerin Siemtje Möller. Konventionelle Systeme spielten in der Ukraine weiterhin "eine große Rolle".
Ähnlich argumentiert Militärexperte Christian Mölling von der Bertelsmann Stiftung. Gerade vermeintliches "Altmetall" könne strategisch entscheidend sein: etwa Patriot-Flugabwehrsysteme oder weitreichende Lenkwaffen. Eine ballistische Rakete richte weiterhin erheblich mehr Schaden an als eine einzelne ukrainische Drohne.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger: Panzer oder Drohnen? Sondern: Wie können klassische Waffensysteme mit Drohnen, Sensoren, KI, Satelliten und elektronischer Kampfführung verbunden werden?
Trumps Kritik an den Partnern sehe er "weniger dramatisch". Nach dem Gipfel könne niemand bezweifeln, dass "die Nato genau weiß, was sie will", so Verteidigungsminister Pistorius.
08.07.2026 | 6:20 minSchularicks Forderung hat noch eine andere Dimension
Bei Schularicks Forderung spielt noch eine zweite Perspektive eine Rolle: Der Ökonom ist Mitinitiator der 2025 gegründeten Strategic Protection and Advanced Resilience Technology Alliance, kurz SPARTA. Das Netzwerk bringt nach eigener Darstellung Expertise aus Militär, Industrie, Technologie und Wissenschaft zusammen und fordert eine technologisch getriebene europäische Verteidigungspolitik. Zu seinen Schwerpunkten gehören autonome Systeme, Satellitenaufklärung und andere Hightech-Fähigkeiten.
Zu den Mitinitiatoren gehören führende Köpfe aus Industrie und Investmentwelt. Der frühere Airbus-Chef Tom Enders etwa ist Co-Vorsitzender des Verwaltungsrats des deutschen Defence-Tech-Unternehmens Helsing, das auf KI und autonome Systeme setzt. René Obermann wiederum ist derzeit noch Aufsichtsratschef von Airbus, dessen Defence-and-Space-Sparte unter anderem in Satelliten- und Raumfahrttechnologie aktiv ist. Ökonom Schularick hatte die beiden Top-Manager im Interview mit der Süddeutschen Zeitung für eine Koordinatoren-Rolle im Kanzleramt empfohlen.
Ein persönliches finanzielles Interesse Schularicks an Defence-Unternehmen ist nicht belegt. Seine Position ist allerdings auch nicht nur die Analyse eines außenstehenden Ökonomen: Gemeinsam mit Industrievertretern und Investoren wirbt er für eine Agenda, die Verteidigungsausgaben zugleich als Motor für Innovation und eine stärkere europäische Hightech-Industrie versteht.
Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat in Aschau eine der modernsten Pulverfabriken Europas eröffnet. Als einstige Schattenbranche gewinnt die Rüstungsindustrie weiter an Bedeutung.
23.07.2026 | 2:17 minHightech allein reicht nicht
Mölling warnt dabei vor einer "Technologiefalle": Die Vorstellung, mit neuer Technologie automatisch militärisch überlegen zu sein, greife zu kurz. Auch SPD-Politikerin Siemtje Möller hält eine rein ökonomische Betrachtung für unzureichend: Militärische Beschaffung richte sich nicht allein nach Innovations- und Wachstumspotenzial, sondern nach militärischen Erfordernissen und gemeinsamen Nato-Planungen.
So berechtigt die Forderung nach mehr Tempo bei Drohnen, KI und Weltraumtechnik ist: Panzer gegen Drohnen - dieser Gegensatz greift zu kurz. Die Herausforderung für Pistorius besteht darin, mit den Milliarden zu beschaffen, was der Bundeswehr heute fehlt - ohne dabei die Technologien zu verpassen, die sie morgen braucht.
Ines Trams ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.
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