Spannungen zwischen den USA und Europa:Ist es das Ende der Nato, wenn Trump Grönland übernimmt?
von Andreas Stamm, Brüssel
Seit seiner Amtseinführung bekräftigt US-Präsident Trump immer wieder seinen Anspruch auf Grönland. Was als bizarre Randnotiz begann, ist zum Stresstest für die Nato geworden.
Grönland rückt ins geopolitische Zentrum: Trump droht Europa mit Zöllen und einem Militäreinsatz, falls die USA Grönland nicht kaufen können. Wie reagiert die EU im Streit um Grönland?
19.01.2026 | 2:03 minGrönland im Zentrum des Weltgeschehens: Der Versuch der USA, die Arktis-Insel unter Kontrolle zu bringen, stellt die Nato vor große Herausforderungen. Das einst enge Verhältnis mit Europa wird durch den Zoll-Streit und einen Vertrauensverlust in die USA überschattet. Wie können die anderen Nato-Staaten mit dieser Situation am besten umgehen? Die wichtigsten Fragen und Antworten:
Ist das Ende der Nato gekommen, wenn Trump Grönland gegen den Willen der Europäer übernimmt?
Die dänische Ministerpräsidentin ist die erste hochrangige Vertreterin Europas, die es offen ausspricht: Wenn Trump Grönland mit Gewalt an sich reiße, wäre es das Ende der Nato. Was kaum zu bezweifeln ist: Es würde den Kern des Militärbündnisses zerstören, also das Prinzip "einer für alle, alle für einen".
Doch eine komplette Übernahme Grönlands gegen den Willen Dänemarks hält Stefanie Babst, von 2012 bis 2020 Leiterin des strategischen Planungsstabs der Nato, für unrealistisch. Der Schaden sei allerdings schon angerichtet:
Die politische Geschlossenheit und die Glaubwürdigkeit der Nato haben stark gelitten. Und die müssen die Verbündeten in irgendeiner Form retten.
Stefanie Babst, Ex-Nato-Strategin
Zumindest für die kommenden Jahre, bis Europa im besten Fall seine kollektive Verteidigung selbst organisieren könne.
Dänemark und Grönland haben eine Nato-Mission auf Grönland vorgeschlagen. Generalsekretär Rutte habe sich dazu zurückhaltend geäußert, so ZDF-Korrespondentin Isabelle Schaefers.
19.01.2026 | 1:28 minHinter Trumps Forderungen stehen laut Babst zwei Motive: Zum einen Trumps persönliches Ego und seine Vorliebe für "Besitznahmen und Unterwerfungsgesten". Zum anderen die strategischen Überlegungen von Hardlinern in Washington, die eine imperiale US-Außenpolitik verfolgen und Europa gezielt schwächen wollen.
Die nationale Sicherheitsstrategie der USA zeigt schwarz auf weiß: Trump sieht die Welt aufgeteilt zwischen drei großen Mächten - den USA, Russland und China. "Die USA wollen ihr Territorium und ihre Einflusssphäre wirklich vergrößern. Sie haben sich aus der regelbasierten Ordnung komplett zurückgezogen", erklärt Babst. Europa spielt in diesem Kalkül nur eine untergeordnete Rolle. Die USA unter Trump setzen auf punktuelle Deals und Partnerschaften statt auf feste Allianzen wie die Nato.
Die Mehrheit der Deutschen sieht in Trumps Politik eine Gefahr für den Fortbestand der Nato. Anhänger aller Parteien sehen das Militärbündnis bedroht.
16.01.2026 | 0:22 minIst eine Nato ohne die USA Wunschdenken?
"Das ist kein Wunschdenken", erklärt Stefanie Babst entschieden. Die Europäer und Kanadier hätten bereits vor einem Jahr einen gedanklichen Prozess beginnen müssen. Babst schlägt vor, dass Europäer und Kanada sich einen eigenen Raum außerhalb der Nato suchen - nicht nur Deutschland, Frankreich und Großbritannien, sondern alle interessierten europäischen Partner.
Zweitens müssten militärische Fähigkeiten und Führungsstrukturen europäisiert werden: Geheimdienste koordinieren und Erkenntnisse teilen, die Nato-Kommandostruktur übernehmen, amerikanische Fähigkeiten ersetzen. "Das sind dicke Bretter, aber konkrete Fragen", so Babst. Diese Diskussionen müssen hinter verschlossenen Türen endlich beginnen.
Mit Zoll-Drohungen erhöht Trump den Druck, um in der Grönland-Frage Verhandlungsmacht zu gewinnen. "Für die Nato ist das eine extrem schwierige Lage", sagt ZDF-Korrespondentin Isabelle Schaefers.
19.01.2026 | 2:37 minWas sollte Europa jetzt konkret tun?
Europa habe Drohpotenzial. Die US-Militärbasen, die Aufklärungstechnik und Logistik sind ein bedeutendes Standbein für die internationale, militärische Handlungsfähigkeit der USA. Gleichzeitig könne man Trump auffordern, ein konkretes Angebot für Grönland zu machen und seine militärische Präsenz dort auszubauen - medial wirksam inszeniert.
"Du willst diese Insel kaufen, dann mach mal ein Angebot. Dann fang mal an zu überlegen, was diese Insel wert ist, mitsamt ihren Rohstoffen, ihren Menschen, ihrer strategischen Bedeutung", so Babst. Den Ball wieder zurückspielen. Keine Eskalation, eher im Ping-Pong-Stil agieren. Das bringe Zeit, damit entweder der US-Kongress oder der Wähler korrigierend eingreifen könne im Laufe des Jahres.
"Die Nato ist nicht geeignet, um sich intern abzustimmen", sagt Sicherheitsexpertin Stefanie Babst. Europäer und Kanadier bräuchten einen anderen Raum, um Handlungsoptionen gegenüber den USA zu besprechen.
20.01.2026 | 5:49 minDazu kommt: Zwar brauche Europa die USA als Garant für die nukleare Abschreckung. Doch noch, erklärt die strategische Beraterin Babst, hätten auch die USA großes Interesse, ihre nuklearen Fähigkeiten in Europa zu behalten - als Machtprojektion gegenüber Putin, Iran und China.
Mittel- und langfristig müsse Europa jedoch die britischen und französischen Nuklearkapazitäten neu organisieren, damit sie nicht nur nationale, sondern gesamteuropäische Schutzfunktionen übernehmen. "Das sind Gespräche, die laufen bereits seit anderthalb, zwei Jahren", berichtet Babst. Im Endeffekt braucht Europa eine Doppelstrategie - die USA so lange in den Nato-Strukturen zu halten, bis Europa auf eigenen Füßen stehen kann. "Ein delikater, schmerzhafter Balanceakt."
Während Trump das transatlantische Verhältnis schwächt, bleibt es aus Russland auffallend still. "Vor den Füßen Russlands zerlegt sich die NATO gerade quasi selbst", berichtet ZDF-Korrespondent Armin Coerper aus Moskau.
20.01.2026 | 3:24 minWas ist mit der Ukraine und der russischen Bedrohung für die Nato?
Zur Ukraine stellt Babst klar: US-Sicherheitsgarantien seien "Makulatur". Trump habe nicht nur rhetorisch die Seiten gewechselt - amerikanische Geheimdienstinformationen würden inzwischen an Russland weitergegeben.
Wir Europäer werden zusammen mit den Ukrainern nicht drum herumkommen, diesen russischen Expansionismus selbst mit unseren eigenen Mitteln zurückzudrängen.
Stefanie Babst, Ex-Nato-Strategin
Doch mittlerweile sei die Drohung, dass die USA der Ukraine jederzeit den Stecker ziehen könnten, weniger brenzlig. Denn schon jetzt leisteten die Europäer zwei Drittel der militärischen Aufklärung für Kiew.
Die Botschaft ist in allen Fällen eindeutig: Nach 78 Jahren ist die transatlantische Sicherheits-Partnerschaft, wie Europa sie kannte, Geschichte. Die Frage ist nur noch, wie schnell Europa bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Mehr zum Thema Grönland
- FAQ
Kurztrip in die Arktis:Was die Bundeswehr auf Grönland erkundet hat
mit Video0:26 Trump teilt private Chats:Macron schlägt G7-Treffen mit Russland und Dänemark vor
mit Video18:52- Interview
Sicherheitsexpertin Babst:Nato stark beschädigt, aber "handlungsfähig"
mit Video5:49 "Verweigerung" von Friedensnobelpreis:Trump sieht sich nicht mehr zu Frieden verpflichtet
mit Video1:28