7. Oktober: War der Hamas-Angriff vermeidbar? Experte ordnet ein

Interview

Drei Jahre nach Angriff vom 7. Oktober:Haaretz-Journalist: "Wir dachten, wir hätten alles im Griff"

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Haaretz-Militäranalyst Amos Harel ist überzeugt: Der Hamas-Angriff am 7. Oktober hätte verhindert werden können. Noch in der Nacht gab es Chancen - doch sie wurden vertan.

kibbuz

Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff ringt Israel mit der Frage, ob der 7. Oktober hätte verhindert werden können.

Quelle: dpa

Hätte das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 aufgehalten werden können? Journalist Amos Harel ist überzeugt: Noch in der Nacht gab es Chancen, doch Warnsignale blieben ungedeutet. Im Interview spricht der Militärexperte, der für die Zeitung Haaretz schreibt, über das Versagen der Geheimdienste, Ministerpräsident Netanjahus Mitschuld und darüber, warum Israel bis heute nicht über das Leid in Gaza reden will.

ZDFheute: In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober gab es viele Anzeichen, dass in Gaza etwas vor sich ging. Was war passiert?

Amos Harel: Wir Israelis hatten lange das Gefühl, wir hätten alles im Griff. Man blickte damals herablassend auf die Palästinenser. Obwohl die Armee einige der Einsatzpläne der Hamas gestohlen hatte, hat niemand erkannt, dass fast 5.000 Terroristen gleichzeitig an mehr als 100 Stellen die Grenze überqueren würden.

ZDFheute: Hätten die Warnsignale erkannt werden können?

Harel: Die Geheimdienste hatten in den Stunden vor dem Angriff nicht weniger als 13 verschiedene Signale aufgefangen. Die meisten Verantwortlichen waren wach: der Chef des Schin Bet (israelischer Inlandsgeheimdienst), der Generalstabschef, der Chef des Militärgeheimdienstes. Sie haben nicht erkannt, dass all diese Signale zusammengenommen bedeuteten: Die Hamas bereitet einen unmittelbaren Angriff vor.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hält nach dem Abschluss eines Abkommens zwischen den USA und dem Iran in Jerusalem eine Pressekonferenz ab

Israels Regierungschef soll vor dem Terror-Angriff am 7. Oktober 2023 gewarnt worden sein und habe nichts unternommen - berichtet eine Tageszeitung. Netanjahu will sie verklagen.

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ZDFheute: In jener Nacht wurden auch 45 israelische SIM-Karten in Gaza aktiviert.

Harel: Über Mittelsmänner hat der Inlandsgeheimdienst der Hamas Hunderte israelische SIM-Karten verkauft. Jedes Mal, wenn Kämpfer der Nukhba-Elitetruppe diese Karten in ihre Handys legten, wusste Israel davon. Das löste Alarm aus, aber die Erklärung lautete: eine Übung oder vielleicht ein begrenzter Überfall.

Als sie es begriffen, war es zu spät.

Amos Harel, Militäranalyst bei Haaretz

ZDFheute: Was hätte eine andere Reaktion in dieser Nacht bewirken können?

Harel: Wir wissen aus Aussagen gefangener Hamas-Kommandeure, dass die Anführer Mohammed Deif und Jahja Sinwar ihren Leuten gesagt hatten: Wenn mehr Panzer als üblich in den Stellungen stehen, wenn Drohnen in der Luft sind, wird der Angriff abgeblasen. Hätte Israel die Grenze verstärkt, wäre er vermutlich verschoben worden. Man hätte zumindest einen Teil des Schadens verhindern können.

Journalist in einem ehemaligen Hamas-Tunnel.

Im von Israel kontrollierten Gebiet Richtung Gaza-Stadt steht kein Haus mehr – unter den Trümmern bleiben nur einige enge Hamas-Tunnel zurück. Mit der israelischen Armee unterwegs in Gaza.

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... ist Militäranalyst der israelischen Zeitung Haaretz und gilt als einer der renommiertesten Sicherheitsexperten des Landes. Von 1997 bis 2007 war er dort Militärkorrespondent, zuvor Nachrichtenredakteur. Für seine Arbeit erhielt er 2015 den Sokolow-Preis, Israels wichtigste Journalismus-Auszeichnung. Harel ist Autor mehrerer Bücher, darunter Bestseller über die Zweite Intifada und den Libanonkrieg 2006.

Quelle: Haaretz


ZDFheute: Inzwischen wird über Warnungen aus den Emiraten und Ägypten an Netanjahu berichtet.

Das Versagen lag vor allem bei Armee und Geheimdiensten. Aber Netanjahu trägt einen Teil der Schuld.

Amos Harel, Militäranalyst bei Haaretz

Dass er offenbar Warnungen bekommen hat, bedeutet, dass er wachsamer hätte sein müssen. Er bestreitet das. Ich glaube seiner Version nicht. Das heißt aber nicht, dass alles stimmt, was über ihn veröffentlicht wird. Einige der arabischen Führer, die jetzt Informationen durchstechen, wollen nicht, dass er wiedergewählt wird.

ZDFheute: In Ihrem Buch "06:29" fordern Sie eine staatliche Untersuchungskommission. Warum?

Harel: Sie ist der einzige Ausweg. Eine solche Kommission kann Zeugen zur Aussage zwingen und alle Dokumente einsehen. Dies ist die größte Katastrophe in der Geschichte des Landes. Es wird eine Abrechnung geben.

Eine Mutter läuft mit ihren beiden Kindern vorbei an zerstörten Häusern in Gaza.

Mehr Fehlgeburten, kaum medizinische Ausrüstung: Die Lage in Gaza bleibt katastrophal – vor allem Mütter und Kinder leiden.

19.08.2026 | 6:20 min

ZDFheute: Trotzdem ist Netanjahu noch im Amt.

Harel: Weil er ein politischer Magier ist. Nach dem Jom-Kippur-Krieg führte die Untersuchung zu Veränderungen in Armee und Geheimdiensten. Die Ex-Ministerpräsidentin Golda Meir musste gehen, drei Jahre später verlor die Arbeitspartei erstmals die Macht. Netanjahu weiß genau, was passieren könnte.

ZDFheute: Viele in Israel tun sich schwer, auch das Leid in Gaza wahrzunehmen. Woran liegt das?

Die Grausamkeit des 7. Oktober hat uns gebrochen und unseren Blick auf die Palästinenser verändert.

Amos Harel, Militäranalyst bei Haaretz

Manche Israelis sagen sogar, in Gaza gebe es keine Unschuldigen. Ich persönlich glaube das nicht. Aber die meisten Israelis wollen nicht hören, was in unserem Namen in Gaza getan wurde. Ich glaube nicht, dass Staat, Öffentlichkeit oder Regierung schon bereit sind für diese Diskussion. Es ist noch zu früh.

Das Interview führte Thomas Reichart, Leiter des ZDF-Studios Tel Aviv.

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Quelle: ZDF
Über das Thema berichtet das ZDF-Morgenmagazin am 07.10.2026 ab 5:00 Uhr.

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