Waffenruhe im Libanon? Warum trotzdem kein Frieden herrscht

Israel gegen Hisbollah in Dauerkonflikt:"Der Krieg ist nicht zu Ende": Leben im Südlibanon

von Jenifer Girke

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Fast täglich israelische Luftangriffe, Hunderttausende sind vertrieben und die Terrororganisation Hisbollah hat weiter großen Einfluss. Wie leben die Menschen vor Ort im Konflikt?

Eine Frau und ein Kind

Wie lebt es sich in einem Land, das zwischen den Kriegsfronten von Israel, Iran und USA zerrieben wird? Der Libanon muss mit Vertreibung, explodierenden Preisen und Angst umgehen.

07.10.2026 | 6:30 min

Die 13-jährige Sidra baut ein Lego-Auto - ab und zu sieht man ein Lächeln in ihrem Gesicht. Ein Glücksmoment, wie ihn Kinder im Südlibanon nur selten erleben. Wir sind in einer UNICEF-Einrichtung in der Küstenstadt Tyrus, etwa 30 Kilometer von der Front entfernt.

Die Kinder sind mit Krieg aufgewachsen, hier bekommen sie Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten. Sidra erzählt uns: "Während des Krieges hatten wir Angst und haben uns gefürchtet. Menschen haben ihre Häuser verloren und auch unser Haus ist zerstört." Auch Bahjat hat Schlimmes erlebt:

Unser Haus wurde zerstört. Dinge, die uns wichtig waren, sind nicht mehr da, und mein Vater ist tot.

Bahjat, 8 Jahre

Trotz der Waffenruhe kommt es immer wieder zu gegenseitigen Angriffen.

Trotz der Waffenruhe zwischen Israel und Libanon kommt es vor allem im Süden des Libanon immer wieder zu Luftangriffen. Eine schwere Situation für die Bevölkerung, insbesondere für Kinder.

27.09.2026 | 1:31 min

Wie der 7. Oktober den Süden des Libanon beeinflusste

Der Libanon ist Kriege und Krisen gewohnt - doch mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verschärfte sich die Lage. Sowohl die Hamas als auch die Hisbollah werden von Iran unterstützt. Die Hisbollah griff nur einen Tag nach dem 7. Oktober von Israel besetztes Territorium im Südlibanon an - und Israel sah in der islamistischen Terrororganisation einmal mehr eine große Bedrohung.

Nach gegenseitigem Säbelrasseln im Grenzgebiet im Südlibanon weitete Israel seine Militäroperationen massiv aus und begann im Herbst 2024 eine Bodenoffensive im Süden Libanons. Für Hunderttausende Libanesen im Süden bedeutet das bis heute: Vertreibung und Angst.

Die Rolle der Hisbollah und der Einfluss Irans

Die israelische Regierung sagt, sie führe einen Krieg gegen die Terrororganisation Hisbollah. Diese wird von Iran finanziert und unterstützt Iran im Krieg gegen Israel und die USA.

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Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah ist ungelöst. Mirko Drotschmann erklärt, warum der Libanon geopolitisch wichtig sein könnte.

18.06.2026 | 16:35 min

Gleichzeitig ist die Hisbollah auch eine politische Partei im Libanon und hat vor allem im Süden des Landes, in dem die Mehrheit Schiiten sind, großen Einfluss - und noch immer viele Unterstützer.

Nahost-Expertin Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung beobachtet die Lage im Libanon schon lange, hat sieben Jahre dort gelebt und gearbeitet. "Der iranische Einfluss ist das, was den Libanon in den Krieg mit Israel hineingezogen hat, weil im Libanon die mit Iran verbündete Hisbollah sitzt, die Israel beschossen hat", sagt Scheller. "Deswegen ist Iran ein wichtiger Faktor."

Der Libanon kommt nicht aus dieser schwierigen Situation heraus, solange die äußere Einflussnahme so stark ist. Insbesondere der Einfluss Irans spielt hier eine wirklich negative Rolle.

Bente Scheller, Nahost-Expertin

Die Hisbollah sei eine Art Staat im Staate, so Scheller, weil sie besser bewaffnet und besser trainiert sei als die libanesische Armee.

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Israelische Angriffe haben im Südlibanon mehrere Tote und Verletzte verursacht, meldet eine libanesische Nachrichtenagentur. Israel gab den Wiederaufbau der Hisbollah als Grund an.

07.09.2026 | 0:20 min

Binnenvertriebene in Tyrus: "Es gibt keine Zukunft!"

Die Küstenstadt Tyrus wurde zum Auffangort für Menschen, die aus ihren Dörfern nahe der israelischen Grenze fliehen mussten.

So wie die Familie von Enas Theiny: Die 39-Jährige ist hochschwanger und bereitet sich auf die Geburt ihres vierten Kindes vor. Die ganze Familie wohnt in einem einzigen Raum: Es ist ein Klassenzimmer einer Schule, die zur Notunterkunft wurde. "Der Krieg ist nicht zu Ende. Nicht einen einzigen Tag hörte der Beschuss auf, hörte der Krieg auf", schildert Enas.

Mein Haus im Dorf ist weg, mein Haus hier ist weg. Es gibt keine Zukunft!

Enas Theiny, Binnenvertriebene in Tyrus

2024 - während des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah - wurde ihr Haus zerstört. Sie wollten von vorne anfangen, wechselten den Wohnort und zogen nach Tyrus. Doch vor fünf Monaten haben sie auch dieses Zuhause verloren, als die Lage erneut eskalierte.

Libanon: Nach Luftangriffen Isreals suchen Helfer in Trümmern nach Überlebenden.

Israel hat seine Militärschläge im Libanon verstärkt. Bei Angriffen wurden mindestens elf Menschen getötet. Darunter waren laut der staatlichen Nachrichtenagentur NNA auch Kinder.

07.09.2026 | 0:20 min

Ohne Hilfsorganisationen wie World Vision könnte Enas ihren Alltag mit drei kleinen Kindern nicht bewältigen "Man merkt, dass die Kinder nicht zur Ruhe kommen, sie stehen ständig unter enormem Druck. Aber sobald sie hören, dass das Team von World Vision da ist, rennen sie voller Freude barfuß nach draußen."

World Vision kümmert sich vor allem um Familien in solchen Sammelunterkünften und bietet Kinderbetreuung an. "Kinder können nicht zur Schule gehen, und Schulgebäude dienen als Notunterkünfte, obwohl sie eigentlich Schüler für das neue Schuljahr aufnehmen sollten", sagt Fares Samaha von World Vision.

Die Kinder mussten alles zurücklassen - ihre Schulen, Freunde, und alles, was ihnen lieb war.

Fares Samaha von World Vision

Ihr Ziel: Den Kindern etwas Routine ermöglichen, damit sie sich sicher fühlen können - in einem Land, das nur wenig Sicherheit kennt.

Nahostkonflikt - Libanon

Trotz offizieller Waffenruhe zwischen den Konfliktparteien halten die Kampfhandlungen im Libanon an. Das Resultat sind Binnengeflüchtete und eine prekäre humanitäre Lage.

29.09.2026 | 2:34 min

Letzter Checkpoint vor der "roten Zone"

Immer wieder sieht man im Südlibanon Plakate gefallener Hisbollah-Kämpfer, die als Märtyrer verehrt werden. Und man sieht viel Zerstörung - so wie in Tyrus: Hier wurden durch israelische Luftangriffe auch zivile Einrichtungen getroffen, darunter Wohnhäuser.

Zu sehen sind die trümmerhaften Überreste eines Wohnhauses in Tyrus.

Trümmer sind alles, was von einem Wohnhaus der Küstenstadt Tyrus noch übrig ist. Trotz vermeintlicher Waffenruhe herrscht kein Frieden zwischen Israel und der Hisbollah.


Je weiter wir in den Süden fahren, desto mehr Zerstörung ist zu sehen. Nahost-Expertin Scheller sagt dazu: "Man kann durchaus auch Muster systematischer Zerstörung sehen, insbesondere in Orten, die der Grenze sehr nahe gelegen sind."

Eigentlich herrscht eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah, doch die wird von beiden Seiten gebrochen: "Es kommt auch weiterhin zu Angriffen der Hisbollah mittels Drohnen auf die israelische Armee. Und so wie die israelische Armee es beschreibt, wenden sie sich auch gegen Infrastruktur der Hisbollah, die sie finden."

Sie sprengen mit einer Wucht, das gleicht manchmal geradezu einem Erdbeben. Das kann man auch auf der Richterskala sehen.

Bente Scheller, Nahost-Expertin

Zwei Journalistinnen mit kugelsicherer Weste und Helm stehen in Tyrus vor den Trümmern eines Wohnhauses.

Am Checkpoint zur sogenannten roten Zone an der libanesisch-israelischen Grenze. Innerhalb dieser Zone sind fast alle Dörfer zerstört.


Wir erreichen den Ort Haddatha, nur etwa sieben Kilometer von der israelischen Grenze entfernt - weiter dürfen wir nicht. Über uns fliegen israelische Aufklärungsdrohnen und wir hören deutlich die Einschläge von Luftangriffen. In dieser Gegend ist das momentan der letzte Ort und der letzte Checkpoint vor der sogenannten roten Zone.

Innerhalb der "roten Zone" sind fast alle Dörfer zerstört. Israel hat hier eine etwa zehn Kilometer breite Pufferzone geschaffen, circa 600.000 Menschen wurden daraus vertrieben.

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UN-Menschenrechtskommissar Türk fordert Israels sofortigen Abzug aus dem Libanon und verweist auf mögliche Kriegsverbrechen. Gespräche über das Abkommen sollen in Rom fortgesetzt werden.

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Frieden im Südlibanon - nicht in Sicht

Das, was im Süden des Libanon passiert, merken die Menschen im ganzen Land.

Das ist ein Land, das ist halb so groß wie das Bundesland Hessen, also wirklich ein Land, in dem einem das alles schon sehr nahe rückt.

Bente Scheller, Nahost-Expertin

Die Wirtschaft liegt am Boden, Armut steigt, und wichtige Wirtschaftszweige wie der Tourismus leiden extrem. In der Vergangenheit war Südlibanon, darunter auch die historische Küstenstadt Tyrus, ein beliebtes Reiseziel bei internationalen Touristen. Laut der Weltbank wird die libanesische Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich um 6,4 Prozent schrumpfen und die Inflation auf 17,5 Prozent steigen.

Doch an ein Ende der Angriffe glauben die wenigsten im Libanon: "Jetzt haben viele den Eindruck, dass auf den Krieg immer ein erneuter Krieg folgt und im Moment ist die Frustration besonders groß," sagt Nahost-Expertin Scheller, "denn die Kriegshandlungen sind umfassender, als es in den vorigen Kriegen zu spüren war."

Es gebe momentan keine Verhandlungen, die dazu führten, dass die israelische Armee sich zurückziehe. Die Hisbollah sei nicht vertrieben und nicht vollständig bekämpft.

Deswegen müssen die Menschen vor allem im Südlibanon weiterhin mit Angriffen rechnen, während sie versuchen, irgendwie zu überleben und die Hoffnung auf ein besseres Morgen nicht zu verlieren.

Jenifer Girke berichtet als ZDF-Reporterin derzeit aus dem ZDF-Nahoststudio in Kairo.

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Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 07.10.2026 ab 22:15 Uhr.

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