Nach mehr als 20 Jahren Einsatz:US-Truppen verlassen den Irak: Welche Folgen hat der Abzug?
von Jenifer Girke, Kairo
Es war lange geplant, nun ist es so weit: der vollständige Abzug von US-Soldaten aus dem Irak. Iraker feiern es als Tag der Unabhängigkeit. Gleichzeitig birgt er große Risiken.
Das US-Militär ist nach mehr als einem Jahrzehnt vollständig aus dem Irak abgezogen worden. Die USA hatten im Irak die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekämpft.
30.09.2026 | 0:27 minEs ist die Einleitung eines neuen Kapitels für den Irak. Am Mittwoch sind die letzten US-Truppen aus dem Land abgezogen - nach mehr als 20 Jahren Einsatz.
Die Menschen dort feiern es als Tag der Unabhängigkeit. Doch an diesem Tag schwingt auch viel Unsicherheit mit - und Risiken.
Wie der US-Einsatz im Irak begann
Alles begann mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In ihrem Krieg gegen den Terror marschierten die USA 2003 in den Irak ein. Nach dem Sturz von Diktator Hussein entstand ein Machtvakuum, aus dem ein Bürgerkrieg folgte und das von Terrorgruppen wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) ausgenutzt wurde.
Am 11. September 2001 verübten Terroristen der al-Qaida mit Passagierflugzeugen Anschläge auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon bei Washington. Ein weiteres Flugzeug stürzte in Pennsylvania ab. Mehrere tausend Menschen kamen ums Leben.
11.09.2026 | 2:31 minZu der Zeit gab es keine größere US-Militärpräsenz im Irak, da die Truppen 2011 schon einmal abgezogen wurden. Maan Al-Jobouri, ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums, erinnert sich: "Al-Qaida drang in den Irak ein und eine große Zahl von Terroristen strömte ins Land. Ich spreche aus eigener Erfahrung."
Täglich gelangten Hunderte von Terroristen über die syrische Grenze in unser Land.
Maan Al-Jobouri, ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums
Im ausgerufenen "Kalifat" des sogenannten IS wurden Schiiten und die jesidische Minderheit ermordet.
Mit extremer Brutalität sei der IS gegen die Jesiden vorgegangen, sagt Extremismus-Experte Hans-Jakob Schindler. Auch heute seien die Jesiden weder im Irak noch in Syrien ganz sicher.
03.08.2026 | 12:07 minBagdad rief um Hilfe und so kamen 2014 die US-Truppen wieder zurück. Der militärische Einsatz hatte weitreichende Folgen: "Das physische Kalifat wurde effektiv beendet, und zwar so effektiv, dass es bis heute nicht gelungen ist, in diesen zwei Ländern, Syrien und Irak, ein neues Kalifat auszurufen", sagt Terrorismus-Experte Hans-Jakob Schindler. Und weiter:
Aber wie immer bei Terrororganisationen: Deren Ideologie ist natürlich nicht wirklich besiegt worden, weil sie nicht besiegt werden kann.
Hans-Jakob Schindler, Terrorismus-Experte
Es gebe weiterhin eine geschwächte, aber trotzdem existierende Netzwerkinfrastruktur terroristischer Zellen, sowohl im Irak als auch in Syrien.
ZDF-Redakteur Ziyad Farman ist Jeside und selbst aus dem Irak vor dem IS geflohen. Jesiden im Nordirak lebten immer noch in Angst: "Auch 2014 hatten wir nicht gedacht, dass so was stattfindet."
03.08.2026 | 13:29 minUS-Truppenabzug stärkt den Einfluss Irans im Irak
Zwölf Jahre nach ihrer Rückkehr in den Irak ziehen die US-Truppen nun endgültig ab. Nahost-Expertin Bente Scheller sieht darin eine Chance für mehr Selbstbestimmung des Iraks: "Die Art, in der die amerikanischen Truppen sich im Land eingemischt haben, hat auch viel Leid verursacht. Deswegen ist es der erste Schritt in eine eigene, vielleicht selbstbestimmtere Zukunft. Allerdings wird diese angefochten bleiben."
Angefochten unter anderem durch den Einfluss Irans: Dieser ist nach wie vor immens - vor allem durch schiitische Milizen im Irak, die dem iranischen Regime sehr nahestehen und durch dessen Unterstützung stark bewaffnet sind. Verglichen mit anderen Milizen sagt Scheller:
Das ist beim Irak nochmal eine ganz andere Qualität. Zum einen, weil der Irak der Nachbarstaat Irans ist, der Zugriff ist also sehr viel direkter.
Bente Scheller, Nahost-Expertin, Heinrich-Böll-Stiftung
Auch könne sich Iran hier auf eine schiitische Bevölkerungsgruppe stützen.
Libanon, Syrien, Irak, Jemen: Iran schmuggelt Geld und Waffen und unterdrückt Demokratiebewegungen - Eine Reise durch terrorisierte Länder. Und durch ihre Geschichte.
23.07.2026 | 43:44 minDer Abzug der US-Truppen spielt Iran in die Hände. Teheran wird diesen Schritt nutzen, um seinen Einfluss in der Region weiter auszubauen, so Sicherheitsexperte Schindler. Zum einen ginge es Iran darum, dass der Irak nie wieder eine Gefahr für das iranische Regime darstellen werde, wie unter Saddam Hussein. Und zum anderen: "Mit einem zweiten Stammbein, dem Irak, mit Zugriff auf irakisches Öl, hat Iran nochmal weiter Einfluss im Golf gewonnen."
US-Truppen gehen, bewaffnete Milizen bleiben
Eigentlich forderte die irakische Regierung, dass die Milizen im Land gleichzeitig zum US-Abzug ihre Waffen niederlegen - doch der Schritt wurde nun auf Juni 2027 verschoben, Ausgang offen. Ein erster herber Rückschlag für das Vorhaben. "Das hat meiner Einschätzung nach maßgeblich damit zu tun, dass die Revolutionsgarden Irans Druck ausüben auf diese Milizen, sich in dieser Situation nicht entwaffnen zu lassen", sagt Schindler.
Iran warne vor Angriffen auf US-Militärstützpunkte in Golfstaaten. Im Irak spitze sich die Öl-Krise durch eingeschränkten Export zu, so ZDF-Nahost-Korrespondentin Golineh Atai in Erbil/Irak.
16.03.2026 | 2:52 minBewaffnete Milizen, die sich über die Regierung hinwegsetzen, stellen auch eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Im Irak leben mehrere große Bevölkerungsgruppen zusammen, politisch gibt es eine informelle Machtteilung: Der Ministerpräsident ist traditionell Schiit, der Parlamentspräsident Sunnit, der Staatspräsident Kurde.
In der Umbruchsphase, in der sich der Irak nun befindet, wird es eine große Herausforderung sein, eine Balance zwischen den verschiedenen Gruppen und gleichzeitig eine Einheit im Land zu erreichen.
Auch nach dem Truppenabzug: So bleibt der Einfluss der USA bestehen
Auch nach dem Abzug der US-Truppen dürfte der Irak eng an die USA gebunden bleiben. Der amerikanische Präsident Donald Trump und der irakische Ministerpräsident Ali al-Saidi haben ein gutes Verhältnis zueinander. "Sie teilen Wirtschaftsinteressen, kommen auch beide aus der Wirtschaft und für die Amerikaner ist klar: Die Truppen ziehen ab, aber die Unternehmen bleiben dort. Möglicherweise setzt al-Saidi darauf, daraus Kapital schlagen zu können", erklärt Bente Scheller.
Viele iranische Kurden sind vor dem Mullah‑Regime in den Nordirak geflohen. Seit Berichten über mögliche kurdische Bodentruppen kursieren, greift Iran die Region immer wieder an.
27.03.2026 | 2:38 minDiese Beziehung sei nicht nur von wirtschaftlicher Bedeutung - es geht auch um die Sicherheit des Iraks, so die Nahost-Expertin. Denn auch die Beziehungen der USA zu Israel dürften eine Rolle für den Irak spielen.
Irak ist ein erklärter Feind Israels.
Bente Scheller, Nahost-Expertin, Heinrich-Böll-Stiftung
"Dementsprechend wird auch wichtig sein, welchen Einfluss Trump weiterhin auf Israel ausüben kann, das im Irak möglicherweise eine neue Front eröffnen könnte", so Scheller.
Iranischer Einfluss, bewaffnete Milizen, viele Interessengruppen im Land und umgeben von zahlreichen Konflikten in der Region - es ist ein neues Kapitel für den Irak, und ein ungewisses.
Jenifer Girke ist Reporterin im ZDF-Nahoststudio in Kairo.
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