Kommen sie jetzt in die Regierung?:Wahl in Israel: Arabische Parteien als Machtfaktor
von Alexander Poel
Die arabischen Parteien in Israel sind so stark wie nie aus den Parlamentswahlen hervorgegangen. Jetzt werden sie zum Machtfaktor. Eine Regierungsbeteiligung steht aber vor Hürden.
Weder der bisherige Ministerpräsident Netanjahu noch die oppositionellen Kräfte erreichen eine absolute Mehrheit. Eine Schlüsselrolle könnten die arabischen Parteien spielen.
29.10.2026 | 2:29 minWeder das Lager von Premierminister Benjamin Netanjahu noch das Bündnis seiner Rivalen um Ex-Militärchef Gadi Eisenkot hat nach den israelischen Parlamentswahlen bislang eine eigene Mehrheit. Die arabischen Parteien könnten damit zur entscheidenden Kraft werden.
Zusammen kommen sie nach bisherigem Auszählungsstand auf 19 der 120 Sitze im Parlament. Und: sie wollen dieses Momentum nutzen. Zugewinne verzeichnete etwa die "Vereinte Liste", in der sich mehrere arabische Parteien zusammengeschlossen hatten.
Die Vertreter der Arabischen Liste strecken ihre Hände jedem aus, der die Realität verändern will für eine neue Regierung.
Achmed Tibi, "Vereinte Liste"
Auch Listenchef Jussef Dschabarin kündigte an, den Weg für die Ablösung der Regierung Netanjahu ebnen zu wollen.
Nach der Parlamentswahl in Israel wird das vorläufige amtliche Wahlergebnis erwartet. Es zeichnet sich eine schwierige Regierungsbildung ab.
29.10.2026 | 0:26 minWie stehen die Kontrahenten Eisenkot und Netanjahu zu den arabischen Parteien?
Für Gadi Eisenkot ist die Lage verzwickt. Anders als sein Widersacher Benjamin Netanjahu, der mit Blick auf sein ultrarechtes Bündnis ein Zusammengehen mit den arabischen Parteien quasi ausschließen muss, hatte Eisenkot seinen Wählern Veränderung versprochen. Und aus deren Sicht bedeutet das: Regierungswechsel.
Für mögliche Koalitionspartner hat Eisenkot Bedingungen gestellt. Neben der Anerkennung Israels als jüdischer Staat fordert er auch eine klare Haltung zur Hamas, heißt: Sie muss als Terrororganisation bezeichnet werden.
In ihrer Annäherung an das Anti-Netanjahu-Lager agieren die arabischen Parteien durchaus unterschiedlich. Während die "Vereinte Liste" als deutlich distanzierter gegenüber einer Koalition gilt, bemüht sich der Chef der anderen wichtigen arabischen Partei "Raam", Mansour Abbas, seit Jahren um politische Zusammenarbeit mit jüdischen Parteien. Dennoch haben wichtige Oppositionspolitiker wie Naftali Bennett und Avigdor Lieberman eine Koalition mit arabischen Parteien ausgeschlossen.
"Ich bin mir sicher, die arabischen Parteien sind dazu bereit, wenn gesagt wird: Kommt doch zu uns und seid Teil der israelischen Regierung", so Ehud Olmert.
28.10.2026 | 4:00 minNetanjahu stellt arabische Parteien als Sicherheitsrisiko dar
Hinzu kommt ein grundlegendes politisches Klima. Rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist arabisch, doch ihre Parteien werden von vielen jüdischen Politikern weiterhin nicht als selbstverständliche Koalitionspartner betrachtet.
Der von Netanjahu geführte Wahlkampf stellte die starke Mobilisierung arabischer Wähler sogar als Risiko für die nationale Sicherheit dar. Zugleich verweisen Befürworter einer stärkeren Einbindung darauf, dass arabische Israelis als Staatsbürger volles Wahlrecht besitzen und ihre Stimmen parlamentarisch genauso zählen wie die aller anderen Wähler.
Das sind die wichtigsten arabischen Parteien in Israel - und so sind sie politisch ausgerichtet:
Raam-Partei
Die Ausrichtung der Raam-Partei ist konservativ-islamisch, sie gilt dennoch als pragmatisch. Sie war bereits 2021 als erste eigenständige arabische Partei einer israelischen Regierungskoalition beigetreten.
Ihre Beteiligung an der Regierung unter Ministerpräsident Naftali Bennett galt damals als historischer Schritt zur politischen Integration der arabischen Minderheit, die rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht. Bennetts Koalition zerbrach aber letztlich an Meinungsverschiedenheiten.
Raam konzentriert sich auf Themen wie die Bekämpfung der Kriminalität in der arabischen Gesellschaft und die Gleichstellung israelischer Araber.
Bei der Parlamentswahl in Israel gilt eine Koalition mit den arabischen Parteien als Tabu, obwohl es mit ihnen eine klare Mehrheit gäbe. ZDF-Korrespondent Thomas Reichart berichtet aus Tel Aviv.
28.10.2026 | 1:14 minVereinte Liste
Zur Parlamentswahl haben sich die drei Parteien "Chadasch", "Taal" und "Balad" zu einer Vereinten Liste zusammengeschlossen. Der Zentrale Wahlausschuss hatte das Bündnis im September 2026 von der Wahl ausgeschlossen. Der Oberste Gerichtshof hob diese Entscheidung am 2. Oktober auf.
Die Vereinte Liste ist ein Bündnis von drei Parteien mit unterschiedlichen politischen Strömungen und Ideologien, aber weitgehend gemeinsamen Zielen in der israelisch-palästinensischen Frage. Alle drei Parteien sind säkular. Gemeinsam fordern sie die Gleichberechtigung der arabischen Bevölkerung Israels, ein Ende der israelischen Besatzung der palästinensischen Gebiete sowie die Gründung eines palästinensischen Staates.
- Chadasch: Chadasch unterscheidet sich von den anderen beiden Parteien, weil sie als gemeinsame politische Bewegung von Juden und Arabern auftritt. Sie ist ein breiteres linkes Wahl- und Parteienbündnis.
- Taal: Taal ist eng mit ihrem Gründer Ahmed Tibi verbunden, einem Berater des früheren palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat. Die Partei gilt als pragmatisch. Taal fordert unter anderem gleiche Bürgerrechte, bessere staatliche Dienstleistungen, eine gerechtere Verteilung öffentlicher Mittel und Maßnahmen gegen die Benachteiligung arabischer Gemeinden.
- Balad: Balad lehnt die Definition Israels als jüdischen Nationalstaat ab und stellt damit die jüdisch-zionistische Staatsdefinition Israels grundsätzlicher infrage als die beiden anderen Bündnispartner.
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