Zwischen Koalition und Neuwahl:Nach Israel-Wahl: Welche Szenarien sind jetzt denkbar?
In Israel zeichnet sich nach der Wahl ein Patt ab. Wie geht es jetzt weiter? Welche Koalitionen wären denkbar? Und was würde ein Regierungswechsel politisch bedeuten?
Bei der Wahl in Israel zeichnet sich nach Schließung der Wahllokale ein Patt ab. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geht dennoch davon aus, weiterhin zu regieren.
28.10.2026 | 2:12 minNach der Parlamentswahl in Israel liegt die Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zwar vorn, eine klare Mehrheit für sein rechtsreligiöses Lager zeichnet sich aber nicht ab. Auch der Block seines Rivalen und Ex-Militärchefs Gadi Eisenkot kommt nach der Auszählung eines Großteils der Stimmen nicht auf eine Mehrheit.
Wie geht es jetzt weiter?
Nach Veröffentlichung der offiziellen Ergebnisse in acht Tagen beauftragt Präsident Izchak Herzog einen Kandidaten mit der Regierungsbildung - und zwar denjenigen, dem die besten Chancen dafür eingeräumt werden. Eisenkot und Netanjahu sehen beide den Regierungsauftrag bei sich. Wer aber am Ende den Regierungschef stellen wird, ist derzeit noch offen.
Bei der Parlamentswahl in Israel gibt es laut Prognosen keinen klaren Sieger. „Derzeit liegt der Block um Benjamin Netanjahu leicht vorne“, so ZDF-Reporter Alexander Poel.
28.10.2026 | 3:08 minWas sind die Szenarien?
Rein rechnerisch könnte Eisenkots Lager sich mit den arabischen Parteien zusammenschließen, um eine Mehrheit zu erreichen. Der als pragmatisch geltende Vorsitzende der arabischen Raam-Partei, Mansur Abbas, sagte nach der Wahl dem TV-Sender N12, er hoffe darauf, gemeinsam mit der Opposition eine Mehrheit bilden zu können.
Das Problem jedoch: Mehrere Parteien des Oppositionslagers lehnen einen solchen Zusammenschluss ab. Der Vorsitzende der linksliberalen Demokraten in Israel, Jair Golan, rief dagegen zur Bildung einer Koalition mit den arabischen Parteien auf. Wer versuche, die Stimmen arabischer Bürger auszulöschen, kapituliere vor Netanjahu und gebe Israel auf, sagte er nach Angaben seines Büros.
Nach der Parlamentswahl in Israel liegen Ministerpräsident Netanjahu und sein Herausforderer Eisenkot laut Prognosen gleichauf. Arabische Parteien könnten nun die Regierungsbildung entscheiden.
28.10.2026 | 0:26 minNetanjahu sagte unmittelbar nach der Wahl, es dürfe keine Regierung geben, die sich auf arabische Parteien stütze. In der israelischen Politik gibt es eine Art "Brandmauer" rechter jüdischer Parteien gegenüber den arabischen Parteien.
Nicht ganz ausgeschlossen ist auch, dass sich am Ende Parteien aus den gegnerischen Lagern zu einer gemeinsamen neuen Regierung zusammenschließen. Eisenkot lehnte eine gemeinsame Regierung mit Netanjahu bislang ab.
Regieren wird, wem es gelingt, eine mehr oder weniger breite und stabile Koalition zu schmieden. Die Parteien werden nun umgehend Verhandlungen aufnehmen, um eine Mehrheit von 61 der insgesamt 120 Knesset-Sitze zu erreichen. Die arabisch-israelischen Parteien Vereinigte Liste und Raam haben sich offen für eine Zusammenarbeit mit Gadi Eisenkots Block gezeigt. Eine Unterstützung durch die arabischen Parteien könnte der Opposition den Weg an die Macht ebnen. Allerdings hatte Eisenkot bislang nicht öffentlich erklärt, dass er mit ihnen zusammenarbeiten würde. Für Benjamin Netanjahus Block gibt es dagegen kaum Möglichkeiten, weitere Sitze dazuzugewinnen - zumal einige kleinere rechtsgerichtete Parteien an der für den Einzug ins Parlament erforderlichen 3,25-Prozent-Hürde gescheitert sind. Es stehen nun mühsame Koalitionsverhandlungen bevor.
Sollte es keinem Block gelingen, mindestens 61 Abgeordnete hinter sich zu vereinen, könnte ein Kandidat versuchen, ohne eigene Mehrheit zu regieren. Dabei wäre er auf einzelne Abgeordnete angewiesen. Experten zufolge könnten arabische Abgeordnete etwa eine Minderheitsregierung stützen, ohne dabei Teil einer Koalition zu werden. In diesem Szenario könnten die beiden israelisch-arabischen Listen eine entscheidende Rolle spielen, indem sie der Regierung bei Abstimmungen eine Mehrheit verschaffen könnten. Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Tal Elovitz wäre eine Minderheitsregierung unter Eisenkot denkbar. Ihm zufolge deutet eine besonders hohe Wahlbeteiligung unter den arabischen Staatsbürgern "auf einen starken Wunsch nach Partnerschaft hin".
Angesichts der extremen Polarisierung in Israel erscheint eine Regierung der nationalen Einheit unrealistisch. Doch Kommentatoren spekulieren regelmäßig über eine Koalition der sogenannten zionistischen Parteien unter Ausschluss der arabischen und ultraorthodoxen Gruppierungen. Laut einer aktuellen Umfrage ziehen 55 Prozent der Israelis ein solches Bündnis Neuwahlen vor, sollte die Wahl keine klare Mehrheit ergeben. Medienberichten zufolge arbeitet Präsident Herzog hinter den Kulissen daran, Netanjahu und Eisenkot zusammenzubringen, sollte es nach dem 27. Oktober zu einem Patt kommen. Dieses Szenario würde jedoch auf starken Widerstand auf beiden Seiten stoßen, insbesondere beim Oppositionsblock, der die Wahl als Referendum gegen Netanjahu betrachtet.
Gelingt es keinem Kandidaten, eine Regierung zu bilden, gibt es Neuwahlen. Zwischen April 2019 und März 2021 wählten die Israelis viermal ein neues Parlament, da die Parteien nicht in der Lage waren, sich auf ein tragfähiges Bündnis zu einigen. Der vom Präsidenten benannte Kandidat hat 28 Tage Zeit, eine Koalition zu schmieden. Diese Frist kann um 14 Tage verlängert werden. Im Falle eines Scheiterns gibt es weitere Möglichkeiten zu verhindern, dass sofort Neuwahlen angesetzt werden. Bis eine neue Regierung steht, bleibt Netanjahu als Interims-Ministerpräsident im Amt.
(Quelle: AFP/Stand: 27.10.2026)
Könnte die Regierungsbildung scheitern?
Es ist möglich, dass es keiner Seite gelingt, eine Koalition zu schmieden. Dann könnte Netanjahu an der Spitze einer Übergangsregierung vorerst im Amt bleiben, bis neu gewählt wird. Israel droht dann eine politische Dauerkrise mit immer neuen Parlamentswahlen. Zwischen 2019 und 2022 etwa gab es fünf Wahlen. Für das Land, das drei Jahre nach dem Hamas-Massaker und dem dadurch ausgelösten Gaza-Krieg vor vielen ungelösten Konflikten in der Region steht, käme eine politische Blockade zur Unzeit.
Welche Auswirkungen hat die Wahl auf Krieg und Frieden?
Beobachter in Israel gehen davon aus, dass es einen weiteren Krieg mit Iran geben dürfte - auch im Falle eines Regierungswechsels. Auch ein drastischer Kurswechsel in der Palästinenserpolitik gilt als unwahrscheinlich, denn die meisten Parteien der liberaleren Opposition sind etwa gegen die Gründung eines palästinensischen Staates.
Die palästinensische Bevölkerung habe wenig Hoffnung auf Veränderungen. Die Lage im Westjordanland habe sich verschärft, so ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf bei ZDFheute live.
27.10.2026 | 5:16 minDie Gewalt und der Siedlungsbau im Westjordanland dürften laut Beobachtern im Falle eines Regierungswechsels aber zumindest eingedämmt werden. Zudem wird mit einem entschlosseneren Vorgehen gegen gewalttätige Siedler gerechnet. Rechtsextreme Regierungsmitglieder streben eine Annexion des von Israel besetzten Westjordanlands an und unterstützen auch radikale Siedler im Westjordanland.
Beim festgefahrenen Gaza-Plan, der zu einem vollständigen Ende des Kriegs und einem Wiederaufbau des großflächig zerstörten Gazastreifens führen soll, könnte es laut Experten mit einer neuen Regierung durchaus Fortschritte geben.
Im Libanon-Konflikt beharrt auch Netanjahus Rivale Eisenkot darauf, dass die libanesische Hisbollah-Miliz erst entwaffnet wird, ehe Israel seine Soldaten aus dem Süden des Nachbarlandes abzieht.
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