Netanjahu gegen Herausforderer Eisenkot:Israel: Schicksalswahl in einem gespaltenen Land
von Thomas Reichart
Kurz vor der Parlamentswahl ist Israel hoch angespannt und tief gespalten. Gegen Machtpolitiker Netanjahu tritt Ex-General Eisenkot an. Für beide gibt es keine klare Mehrheit.
Am Dienstag wählt Israel ein neues Parlament. Dabei geht es auch um die Zukunft der Regierung von Ministerpräsident Netanjahu. Denn Ex-Generalstabschef Eisenkot könnte ihm gefährlich werden.
26.10.2026 | 1:48 minDie Anspannung ist überall mit Händen zu greifen. Kurz vor der Wahl scheint es, als würden die meisten Gespräche in Israel nach drei Sätzen bei einem Thema landen: eben dieser Wahl - und der Frage: Netanjahu oder Eisenkot.
Premierminister Benjamin Netanjahu und sein Herausforderer, der frühere Armeechef Gadi Eisenkot, könnten nicht nur als Personen unterschiedlicher kaum sein. Sie stehen auch für sehr verschiedene Vorstellungen davon, was für ein Staat Israel in Zukunft sein soll.
Netanjahu: Mehrheitenbeschaffer mit unbedingtem Machtwillen
Dass Netanjahu und seine Koalition fast die volle Legislaturperiode durchhalten, hätte er selbst wohl nach dem historischen Versagen von Israels Regierung und den Sicherheitskräften rund um den 7. Oktober 2023 nicht für möglich gehalten.
Am 7. Oktober hat sich das Massaker der Hamas in israelischen Kibbuzim zum dritten Mal gejährt. Die Trauer sitzt immer noch tief, eine politische Untersuchung fehlt.
07.10.2026 | 3:25 minEs gibt in Israel weit und breit keinen Politiker mit einem so unbedingten Machtwillen und der Fähigkeit, sich dafür immer wieder die nötigen Mehrheiten zu beschaffen.
Netanjahu hat sein Land in mehrere Kriege geführt, die Israel zur beherrschenden militärischen Macht im Nahen Osten gemacht haben. Aber er und seine Regierung haben es versäumt, daraus politisch etwas aufzubauen.
Schmutziger Wahlkampf in isoliertem Land
Israel ist international so isoliert wie vielleicht noch nie in seiner Geschichte. Selbst die Unterstützung durch US-Präsident Donald Trump mitsamt Wahlempfehlung für Netanjahu trägt im Kleingedruckten eine quasi tägliche Kündigungsfrist.
Anfang Oktober hat Israels Oberster Gerichtshof entschieden, ob arabische Parteien von den Wahlen ausgeschlossen werden dürfen.
01.10.2026 | 2:03 minNetanjahu hat einen schmutzigen Wahlkampf geführt, insbesondere mit antiarabischen Ressentiments. Er weiß, dass die arabische Minderheit, die in Israel immerhin gut 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht, bei dieser Wahl den Ausschlag geben könnte.
Seine Kampagne schürte Ängste, zuletzt mit einem KI-Bild einer Atomexplosion über Tel Aviv, das Netanjahu teilte. Wer jemand anderen wähle, riskiere einen "zweiten Holocaust" durch einen atomaren Angriff Irans.
Kurz vor den Wahlen postet Netanjahu ein KI-Bild einer Atomexplosion über Tel Aviv. Er warnt vor einer Bedrohung durch Iran und wirbt damit für seine Partei.
25.10.2026 | 0:57 minEisenkot: "Anti-Bibi" mit hoher Glaubwürdigkeit
Sein Herausforderer Eisenkot wirkt wie ein Gegenentwurf. In Auftreten und Charakter sei er der "Anti-Bibi", schrieb der "New Yorker". Der Sohn marokkanischer Juden ist anders als Netanjahu nicht in die Elite des Landes hineingeboren, sondern ein Aufsteiger, der es bis zum Armeechef brachte.
Seine Reden wirken hölzern, sein Charisma ist beschränkt. Anfragen internationaler TV-Sender - auch des ZDF - lehnt sein Team ab, weil es seinem Englisch nicht zu trauen scheint.
Aber Eisenkot bringt etwas mit, das Netanjahu insbesondere seit dem 7. Oktober verloren hat: Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit. Seine Forderung nach einer staatlichen Untersuchungskommission zu den Fehlern rund um das Hamas-Massaker trifft bei vielen Israelis einen Nerv. Für 68 Prozent der jüdischen Wähler ist der 7. Oktober zentral für ihre Wahlentscheidung, so das Israel Democracy Institute.
Im Vorfeld der Parlamentswahl in Israel ist ZDF-Reporterin Alica Jung durch ein tief gespaltenes Land gereist und hat mit Menschen in den unterschiedlichen Lagern gesprochen.
14.10.2026 | 12:07 minEx-General wirbt mit innenpolitischen Themen
Die Hoffnung derer, die ihn unterstützen, richtet sich darauf, dass eine Eisenkot-Regierung die Pfeiler der israelischen Demokratie schützt: insbesondere die Unabhängigkeit der Justiz und die Pressefreiheit.
Sein Block hat angekündigt, die Einberufung Ultraorthodoxer zum Militärdienst durchzusetzen. Es ist ein vor allem innenpolitisches Programm - Israels Politik in Gaza, im Westjordanland oder im Libanon wird sich unter ihm wohl nur in Nuancen ändern - hin zu mehr Kooperation.
Für beide Lager klare Mehrheit nicht in Sicht
Netanjahus Lager scheint nach den meisten Umfragen deutlich entfernt von der nötigen Mehrheit von 61 Sitzen. Aber auch für Eisenkot ist der Weg zur Macht schwierig und voller Fragezeichen.
Die Wahl in Israel sei ein enges Rennen zwischen Netanjahu und Herausforderer Eisenkot, so ZDF-Korrespondent Reichart. Laut Nahost-Experte Busse werden auch die arabischen Parteien entscheidend.
23.10.2026 | 16:41 minSein Block liegt zwar in den meisten Umfragen vor Netanjahus Lager, kommt aber ebenfalls nicht auf die nötigen 61 Sitze. Dafür bräuchte er mindestens die Enthaltung von einer arabischen Partei. Er selbst hat das nicht ausgeschlossen, wohl aber einige Partner in seinem Block, der von stramm rechts bis weit links reicht.
Sollte auch er keine Mehrheit für eine Regierung zustande bringen, bliebe Netanjahu als Übergangspremier erstmal an der Macht - und am Ende drohten Neuwahlen.
Thomas Reichart ist Leiter des ZDF-Studios in Tel Aviv.
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