Eskalation im Westjordanland:Nahostexperte: Siedlergewalt ist "strategisch geplant"
Im Westjordanland nimmt die Gewalt israelischer Siedler gegen Palästinenser weiter zu. Nahostexperte Daniel Gerlach sieht eine gezielte Strategie. Welche Rolle spielen die Wahlen?
Deutschlands Zurückhaltung bei möglichen Maßnahmen gegen Israel werde von anderen EU-Staaten mit Verwunderung und Missbilligung aufgenommen, so Nahost-Experte Daniel Gerlach bei ZDFheute live.
21.07.2026 | 23:24 minDie gewalttätigen Angriffe israelischer Siedler auf palästinensische Ortschaften im Westjordanland fordern immer mehr Opfer.
Der Nahostexperte Daniel Gerlach analysiert im Gespräch mit ZDFheute live, warum dahinter eine gezielte Strategie von israelischer Regierung und Siedlerbewegung steht. Gerlach rechnet mit einer weiteren Zunahme der Gewalt bis zu den israelischen Parlamentswahlen im Oktober.
Arbeitet Israels Regierung auf eine Annexion hin?
Die israelische Regierung rechtfertige ihr Vorgehen damit, dass man einen weiteren 7. Oktober 2023 verhindern müsse - auch in Form von Angriffen aus dem Westjordanland, sagt Gerlach. Man verfolge aber die Strategie, "nicht nur die Siedlungen auszubauen, sondern auch palästinensische Flüchtlingslager, palästinensische Ansiedlungen in strategisch wichtigem Gebiet einfach zu beenden, zu vertreiben", so der Experte.
Das sind Maßnahmen, die nicht nur von den Siedlern vorangetrieben werden, sondern ganz gezielt von der Regierung.
Daniel Gerlach, Nahostexperte
"Das sieht man auch an der Art und Weise, wie Straßen gebaut werden, wie andere Straßen systematisch zerstört werden, die palästinensische Gebiete miteinander verbinden", erklärt Gerlach.
Seit Netanjahu regiert, gebe es sowohl mehr Gewalt als auch Siedlungen, so ZDF-Korrespondent Thomas Reichart. Es gehe Israel darum, einen palästinensischen Staat faktisch zu verhindern.
21.07.2026 | 6:57 minEine Zwei-Staaten-Lösung werde so verunmöglicht. Die größtenteils von rechtsextremen Ministern dominierte Regierung habe einen Freibrief aus den USA, möglichst schnell Tatsachen zu schaffen, so Gerlach. "Die Regierung Netanjahu spricht auch davon, dass sie die israelische Rechtsprechung auf das Westjordanland jetzt formal ausgedehnt habe. Und das bedeutet ja nichts anderes eigentlich als Annexion."
Warum unterbinden die Sicherheitskräfte nicht die Gewalt?
Die israelischen Sicherheitsbehörden würden die Gewalt nicht unterbinden, sondern seien Teil des Problems: "Was wir hier sehen, ist letztendlich eine teilweise Unterwanderung der Streitkräfte durch die Siedlerbewegung, durch nationalreligiöse Kräfte, durch stark ideologisch aufgeladene Gruppen", erklärt Gerlach. "Und wir sehen den Aufbau von einer Art Bürgerwehren, also bewaffnete Milizen, die zum Teil alternierend mal in Polizei- und Militäruniformen auftreten und mal in der Kluft der Siedler und das auch überhaupt völlig ohne Unrechtsbewusstsein tun."
Teils werde auch aus den israelischen Streitkräften heraus kritisiert, dass Sicherheitsaufgaben zunehmend an Siedler-Vertreter delegiert würden und ihre Vertreter einflussreichere Positionen in den Sicherheitsbehörden erhielten, sagt Gerlach und verweist etwa auf die als Mechinot bekannten Vorbereitungsschulen für die Streitkräfte, die "gezielt versuchen, religiöse, ideologisierte Menschen anzuwerben".
Im Dorf Dayr Jarir berichten Bewohner von Angriffen durch israelische Siedler. Während die Regierung von Einzelfällen spricht, dokumentieren UN-Zahlen so viele Übergriffe wie nie zuvor.
16.07.2026 | 2:28 minEs gebe gezielte Provokationen, bei denen Siedler die Sicherheitskräfte für ihre Sache nutzten: "Wenn Siedler gezielt beispielsweise ihre Schafherden in die Schafherden von palästinensischen Hirten hineintreiben, um dann einen Streit auszulösen darüber, wem die Schafe gehören, dann wird die Polizei hinzugerufen, beziehungsweise die Armee hinzugerufen, dann steht Aussage gegen Aussage."
Es würden auch immer wieder Olivenbäume, ein wichtiger palästinensischer Wirtschaftszweig, zerstört. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und palästinensischen Anwohnern würden israelische Sicherheitskräfte häufiger Waffengewalt gegen die palästinensische Seite einsetzen. Der Trend zu immer mehr Gewalt mit Schusswaffen habe schon vor der aktuellen Netanjahu-Regierung eingesetzt, so Gerlach.
Das sind keine spontanen Wutausbrüche von irgendwelcher Siedlerjugend, auch wenn dort Minderjährige vorgeschickt werden, sondern das funktioniert nach einem sehr strategisch geplanten Konzept.
Daniel Gerlach, Nahostexperte
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25.05.2026 | 1:45 minKönnen die Wahlen im Oktober daran etwas ändern?
Die Siedlerbewegung hat sich im Laufe der Jahre radikalisiert. Es gebe stark ideologisierte, religiöse Vertreter, die fest davon überzeugt seien, dass Gott ihnen dieses Land versprochen habe und "dass sie hier auch keine Kompromisse machen müssen", betont Gerlach.
Diese Eskalation wird sich wahrscheinlich bis zu den israelischen Parlamentswahlen noch fortsetzen.
Daniel Gerlach, Nahostexperte
Im Oktober wählt Israel ein neues Parlament. Die aktuelle rechts-nationalreligiöse Koalition könne nur verhindert werden, wenn es eine stabile Mehrheit über verschiedene Lager hinweg gebe: Linke und Kräfte der Mitte gemeinsam mit den arabisch-palästinensischen Parteien in Israel.
"Der Kandidat, auf den gerade große Hoffnungen gesetzt werden, [ist] der ehemalige Generalstabschef Gadi Eizenkot", erklärt Gerlach. Er würde die Siedlergewalt zunehmend ansprechen, sei aber wegen seiner aktiven Rolle bei der Besatzung und verschiedenen Kriegen gegen palästinensische Gruppen auch umstritten.
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