Jugendliche in Duisburg-Marxloh:Leben im Brennpunkt: "Wir sind mehr als nur das Ghetto hier"
von Cengiz Ünal
Für viele ist Duisburg-Marxloh ein Brennpunkt. Viele haben es hier nicht leicht, fühlen sich abgehängt und vergessen. Doch es gibt Jugendliche, die dagegen anarbeiten.
Marxloh gilt oft als sozialer Brennpunkt - doch die Perspektive der Jugendlichen bleibt meist unsichtbar.
28.01.2026 | 6:03 minDuisburg-Marxloh ist ein Stadtteil, der polarisiert. Rund 20.000 Menschen leben hier, aus mehr als 100 Nationen. Die Migrantenquote: irgendwo zwischen 60 und 80 Prozent. So genau weiß man es nicht.
Die Spuren des industriellen Niedergangs sind hier überall sichtbar: leerstehende Häuser, soziale Probleme und Verwahrlosung gehören zur Realität. Es gibt aber auch eine andere Seite in Marxloh - in der Jugendliche versuchen, sich ihren Platz zu schaffen.
Eigene Stimme statt Fremdbild
Ein Beispiel ist der "Runde Tisch" von Marxloh. In ihrem aktuellen Musikprojekt haben die Kinder und Jugendlichen einen eigenen Song über ihren Stadtteil geschrieben. Sie erzählen von Müll auf den Straßen, von Stress im Alltag, aber auch von Zusammenhalt, Freundschaft und dem Wunsch, ernst genommen zu werden. So heißt es dort:
Wir sind mehr als nur das Ghetto hier - wir tragen unser Feuer durchs Revier.
Adrian ist der große Star für die Kinder. Der gelernte Altenpfleger ist seit acht Monaten dabei: "Ich habe immer vom Runden Tisch erfahren - aber was für ein Zauber sich tatsächlich dahinter versteckt, das lernst du erst, wenn du hier mit Teil von dem Ganzen bist", sagt er.
Es ist der dritte und letzte "Weiße Riese", der gesprengt wurde. Anschließend will die Stadt das Viertel Hochheide, das seit Jahren als sozialer Brennpunkt gilt, umgestalten.
27.07.2025 | 0:15 minEs ist keine perfekte Studioaufnahme - aber ehrliche Worte. Toni Holz arbeitet seit Jahren mit jungen Menschen aus dem Viertel. Sie kennt die Probleme, spricht aber bewusst auch über die Stärken des Stadtteils. Marxloh sei herausfordernd, sagt sie - aber nicht hoffnungslos:
Viele dieser Kinder wissen gar nicht, was sie gut machen können, bevor sie hierhingekommen sind.
Toni Holz
Und weiter: "Das ist immer total schön zu sehen, wenn sie hier wachsen und groß werden, dass sie dann auch ihre Talente erkennen."
Andere Stadt, anderer Brennpunkt: Dagmar Berkhahn ist Teilzeit-Wirtin im "Tönnchen" in Berlin. Eigentlich könnte sie inzwischen in Rente sein, aber ihr Mann ist gestorben.
28.12.2023 | 24:29 min"In der Schule wurden wir gemobbt und ausgegrenzt"
Nur fünf Minuten Fußweg entfernt befindet sich das Kulturzentrum TKM. Neso und Dino Salijevic tanzen, seit sie laufen können. Die beiden Brüder leben für den Beat - und für ihre Mission. Kinder und Jugendliche von der Straße holen, ihnen eine Bühne geben: "Jeder ist hier willkommen. Du gehörst dazu, weil du Mensch bist, weil du ein gutes Herz hast."
Die beiden sind im Jugoslawienkrieg als Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Der ältere Bruder Dino war damals 9, Neso 4 Jahre alt. Sie erlebten selbst Diskriminierung: "In der Schule wurden wir gemobbt und ausgegrenzt, weil wir Roma sind. Sie sagten: 'Die Zigeuner, die stinken, weg mit denen.' Aber wir versuchen uns so krass wie möglich zu integrieren."
Tanzen als gemeinsame Sprache
Und die Arbeit zahlt sich offenbar aus. Mit Hip-Hop und Breakdance machen die beiden heute ehrenamtlich Kinder und Jugendliche stark und selbstbewusst. Stadtmeister und sogar Deutsche Meister sind hier dabei. Die Jugendlichen wissen um den schlechten Ruf ihres Stadtteils. Gleichzeitig verbinden sie mit Marxloh Freundschaften, Familie und Erinnerungen.
Anni ist 10 Jahre alt und deutsche Breakdance-Meisterin. Als "B-Girl Anni" begeistert sie mit starken Moves. Sogar Profi-Breakdancer unterstützen ihr Training.
24.09.2025 | 2:19 min"Wir verstehen uns so gut untereinander, dass es gar nicht zu beschreiben ist", sagt Alexa ganz stolz. Die 14-Jährige ist in Belarus geboren, der Vater ist Kurde. Nini ergänzt: "Wenn ich hierhinkomme, kann ich alle meine Sorgen vergessen und tanze einfach." Ihre Eltern kommen aus Tunesien.
Wer Marxloh verstehen will, muss den Jugendlichen zuhören. Denn ihre Kultur ist keine Randnotiz - sie ist die Gegenwart des Stadtteils.
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