Prozess in Siegen: Mutter soll Tochter jahrelang isoliert haben

Prozess in Siegen:Tochter jahrelang eingesperrt: Mutter vor Gericht

Ina Baltes

von Ina Baltes

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Keine Freunde, keine Kita: Eine Mutter ist angeklagt, ihre kleine Tochter jahrelang daheim völlig isoliert zu haben - wohl mit Hilfe der Großeltern. Der Prozess startet holprig.

Prozess: Mutter versteckt Tochter jahrelang

Über Jahre hinweg soll eine Mutter ihre Tochter im Keller eines Einfamilienhauses im Sauerland versteckt haben. Nun beginnt der Prozess die Mutter und die Großeltern des Kindes.

07.01.2026 | 1:54 min

Der Prozess am Landgericht Siegen (Nordrhein-Westfalen) beginnt mit einer Überraschung. Und endet damit an diesem Tag auch schon nach einer halben Stunde. Der Großvater des Mädchens, angeklagt wegen Beihilfe, ist nicht vor Gericht erschienen. Der 83-Jährige war nach Angaben eines Anwalts offenbar im Krankenhaus. Da kein ärztliches Attest vorliege, fehle er "unentschuldigt", so sagt es die Richterin Sabine Metz-Horst deutlich entnervt.

Und damit endet dieser erste Prozesstag auch schon. Das Verlesen der Anklageschrift entfällt. Erschienen sind nur die angeklagte Mutter des Mädchens und die Großmutter. Beide möchten nicht gefilmt werden und halten sich Aktenordner vor das Gesicht.

Zwölfjährige von klein auf total isoliert

Der Fall hatte 2022 nicht nur im Sauerland für Aufregung gesorgt: Die Mutter, eine 49-jährige Frau aus Attendorn, hatte ihre Tochter seit 2015 im eigenen Haus total von der Außenwelt abgeschottet. Das Kind hatte keine Freunde, besuchte die Schule nicht und durfte das Gelände nicht verlassen. Offenbar, so die Vermutung der Staatsanwaltschaft, wollte die Mutter das Kind für sich haben und vom Vater fernhalten.

Die Mutter hatte sich offiziell aus Deutschland abgemeldet und sei, so hatte sie den Behörden mitgeteilt, nach Italien gezogen. Die Familie hat italienische Wurzeln. Die Großeltern sollen diese Tat gedeckt haben.

Kind hat erhebliche Entwicklungsrückstände

Im September 2022 wurde das Kind von der Polizei aus seinem Versteck befreit. Zeugen hatten das Jugendamt schon 2020 anonym auf das Mädchen hingewiesen. Erst im September 2022 kam es dann zu einer Hausdurchsuchung. Das Mädchen war damals allgemein in gutem körperlichen Zustand, hatte aber zum Beispiel Probleme beim Treppensteigen.

Inzwischen lebt es in einer Pflegefamilie, hat aber wohl auch Kontakt zur leiblichen Mutter, so deren Anwalt Peter Endemann. Offenbar hat das Kind immer noch erhebliche Entwicklungsrückstände sowohl körperlich als auch psycho-sozial, sagt die Sprecherin des Landgerichts Siegen Franziska Heerwig.

Warum der Prozess am Landgericht Siegen erst jetzt nach mehr als drei Jahren geführt wird, auf diese Frage bleibt das Gericht eine Antwort schuldig.

Mutter drohen bis zu 15 Jahre Haft

Die Mutter ist angeklagt wegen der Entziehung Minderjähriger, Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen, vorsätzlicher Körperverletzung und der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht.

Das mögliche Strafmaß allein für den schwersten Tatbestand - die Misshandlung von Schutzbefohlenen - beträgt bis zu 15 Jahre. Auf die Großeltern, angeklagt wegen Beihilfe, könnten maximal elf Jahre Gefängnis warten. Vorbestraft sind alle drei nicht.

Gericht strebt wohl "Verständigung" an

Offenbar strebt die Richterin eine sogenannte "Verständigung" an. Dies ist ein Rechtsgespräch, in dem sich alle Parteien nach einem Geständnis des oder der Angeklagten auf einen Strafrahmen einigen. Diese Verständigung muss dann in einer öffentlichen Hauptverhandlung offengelegt werden.

Im Prozess in Siegen würde dies eine langwierige Beweisaufnahme ersparen und vor allem dem Mädchen eine Aussage vor Gericht. Offenbar haben die Angeklagten einem Rechtsgespräch und einer Verständigung bisher nicht zugestimmt.

Für sie steht mehr als nur ein Urteil auf dem Spiel,

Sabine Metz-Horst, Vorsitzende Richterin

Es gehe um die gesamte Familie und vor allem das Schicksal des Mädchens, das ein Recht darauf habe zu erfahren, wer warum wie gehandelt habe.

Kind ist als Zeugin im Prozess geladen

Offenbar hat sich das Kind Dritten gegenüber bereits zu dem Fall geäußert und ist bisher als Zeugin im Prozess geladen. Die Mutter verweigert offenbar die Zusammenarbeit mit einem psychiatrischen Gutachter. Der muss dann nach Aktenlage den psychischen Gesundheitszustand der Mutter einschätzen.

Nun wird die Verhandlung wie geplant am 12. Januar fortgesetzt. Dann soll auch entschieden werden, ob das Verfahren gegen den Großvater aus Gesundheitsgründen abgetrennt wird.

Ina Baltes ist Redakteurin im ZDF-Landesstudio in Düsseldorf.

Über dieses Thema berichtete hallo deutschland am 07.01.2026 ab 17:10 Uhr.

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