"Antifa Ost": Luftküsse von der Anklagebank bei Prozessauftakt

"Hammerbande" vor Gericht:Prozess gegen "Antifa Ost": Luftküsse von der Anklagebank

von Charlotte Greipl und Leon Fried

|

In Düsseldorf hat ein Verfahren gegen sechs mutmaßliche Mitglieder der "Antifa Ost" begonnen. Der Prozess wirft auch die Frage auf, welche Gefahren von Linksextremisten ausgehen.

Links-extremismus

Nach dem Strom-Anschlag in Berlin rückt die Szene in den Fokus. In Düsseldorf steht die linksextremistische "Hammerbande" vor Gericht. Welche Gefahr geht von linksextremistischen Strukturen aus?

13.01.2026 | 2:34 min

Es sind emotionale Szenen, die sich an diesem verregneten Dienstagmorgen in einem schmucklosen Gerichtssaal am Stadtrand von Düsseldorf abspielen. Die sechs Angeklagten, mutmaßliche Linksextremisten, sind erst am Morgen aus verschiedenen Haftanstalten in Nordrhein-Westfalen zu der Außenstelle des Oberlandesgerichts Düsseldorf gebracht worden.

"Antifa Ost": Luftküsse von der Anklagebank

Eingerahmt von ihren Strafverteidigern sitzen sie auf der Anklagebank und warten auf den Prozessbeginn. Doch dann betreten zahlreiche Freunde, Familienmitglieder und Unterstützer den Gerichtssaal und nehmen - überwältigt von dem Anblick der Angeklagten - auf den Zuschauerbänken Platz, es wird geschrien, geweint und geklatscht. Schnell beginnen Sprechchöre wie "Free all Antifas" und "Ihr seid nicht allein". Vor dem Gerichtsgebäude findet zu den Klängen von Rio Reiser eine Demo statt.

Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Unterstützer der Angeklagten stehen vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Unterstützer der Angeklagten demonstrieren vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Quelle: dpa

Den Angeklagten tut der Zuspruch sichtlich gut. Sie verteilen Luftküsse und winken immer wieder Freunden und Angehörigen zu, die sie im Zuschauerbereich erblicken. Eine der Beschuldigten zeigt stolz ihren wohl neuen Ehering - und erntet Jubel und Applaus.

Schwerwiegende Vorwürfe gegen "Antifa Ost"

Die Vorwürfe, die die Bundesanwaltschaft erhebt, wiegen schwer. Die Angeklagten sollen brutale Angriffe auf mutmaßliche Neonazis verübt und dabei sogar den Tod ihrer Opfer in Kauf genommen haben: Fünf Frauen und ein Mann Anfang 20, die die Sicherheitsbehörden der militanten linksextremistischen Szene zurechnen.

Am Oberlandesgericht verhandelt ein Staatsschutzsenat an voraussichtlich mehr als 70 Tagen über die Anklage der Bundesanwaltschaft. Sie wirft den Angeklagten unter anderem versuchten Mord vor.

Hammerattacken gegen mutmaßliche Rechtsextremisten

Als Teil der sogenannten "Antifa Ost" sollen sie im Februar 2023 in Budapest Personen ins Visier genommen haben, die sie verdächtigten, am sogenannten "Tag der Ehre" teilzunehmen. Einem Tag, zu dem Rechtsextremisten aus ganz Europa jedes Jahr in die ungarische Hauptstadt reisen.

Mit Schlagstöcken, Pfefferspray und einem Hammer attackierten die Angreifer ihre wehrlosen Opfer. Auf einen Mann schlugen sie selbst dann noch ein, als er bewusstlos am Boden lag.

SGS Selen

"Wir haben eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Bedrohungsszenarien", sagt Sinan Selen, Verfassungsschutzpräsident. Die Bedrohungen kämen sowohl von außen als auch von innen.

27.10.2025 | 7:00 min

Das Vorgehen ähnelt dem früherer Taten, die die Ermittler der "Antifa Ost" zuschreiben. Weil die es sich zum Ziel gesetzt habe, Angriffe auf Personen aus dem rechtsextremen Spektrum zu verüben, stuft die Bundesanwaltschaft sie als kriminelle Vereinigung ein.

Bei der "Antifa-Ost" handelt es sich um eine eher lose Gruppierung ohne feste Organisationsstruktur. Seit 2018 verübt sie meist detailliert geplante Angriffe auf Personen, die sie als Rechtsextreme identifiziert. Da die Gruppe bei ihren Straftaten immer wieder Hämmer als Tatmittel einsetzt, wird sie auch als "Hammerbande" bezeichnet.


Vor Gericht geht es auch um weitere Angriffe, die die Mitglieder der Gruppe in Ostdeutschland verübt haben sollen. Die Angeklagten hatten sich freiwillig den Strafverfolgungsbehörden gestellt, wohl auch aus Angst vor einer Auslieferung nach Ungarn, wo öffentlich nach ihnen gefahndet wurde.

Ihre Taten rechtfertigten die Aktivisten damit, dass der Staat aus ihrer Sicht nicht genügend gegen Rechtsextremismus tue, erklärt der Extremismusexperte Hendrik Hansen von der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung:

Die Vorstellung ist, dass man den Faschismus selber bekämpfen muss, dass man die Sache selber in die Hand nehmen und die mutmaßlichen Rechtsextremisten angreifen muss.

Hendrik Hansen, Extremismusexperte

US-Regierung stuft "Antifa Ost" als Terrorgruppe ein

Die US-Regierung hat die "Antifa Ost" auf eine Terrorliste gesetzt - dort stehen sie neben Gruppierungen wie Hamas oder Al-Kaida. Für das Oberlandesgericht war das Anlass genug, über einen Ausschluss der Öffentlichkeit nachzudenken. Da vier der Angeklagten zum Tatzeitpunkt noch Heranwachsende waren, wäre das rechtlich möglich gewesen.

Der Vorsitzende Richter Bachler gab zu bedenken, dass im Laufe des Prozesses viele persönliche Informationen und Details zu den Taten besprochen würden. Doch die Angeklagten machten deutlich, dass sie sich eine öffentliche Verhandlung wünschen - nach einer längeren Unterbrechung erklärte Richter Bachler, dass man weiterhin öffentlich verhandeln werde.

Jo Schück und seinen Gäste bei 13 Fragen

Radikalisierung und Gewalt von links hat zugenommen. Anhand von 13 Fragen diskutieren wir, ob Linksextremismus in Deutschland unterschätzt wird oder ob die Szene zu Unrecht kriminalisiert wird.

03.04.2024 | 43:18 min

Bekennerschreiben: "Notwendigkeit, Faschismus zu bekämpfen"

In ihren Eröffnungsstatements machten die Verteidiger klar, dass sie den Vorwurf des versuchten Mordes für völlig überzogen hielten. Auch die ihren Mandanten vorgeworfene Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung stellten sie in Frage.

In einem vor Prozessbeginn von der "taz" veröffentlichten Bekennerschreiben, das einige der Angeklagten verfasst haben sollen, gibt es eine ausführliche Erklärung der Taten. Dort heißt es, in Westdeutschland habe es keine "wirkliche Entnazifizierung" gegeben. Nach wie vor bestünden "unzählige Kontinuitäten" von der NS-Zeit bis heute. Weiter steht in dem Schreiben:

Es ist leicht, moralische Urteile über jene zu fällen, die Gewalt anwenden. Doch vor dem Hintergrund der beschriebenen historischen Erfahrungen ist die Frage, die sich alle Demokratinnen und Demokraten stellen sollten, bis zu welchem Punkt man das staatliche Gewaltmonopol schwerer gewichtet, als die Notwendigkeit, Faschismus zu bekämpfen.

Auszug aus dem "Bekennerschreiben"

Für Hendrik Hansen passt diese Erklärung durchaus ins Bild - und erinnert ihn an die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF):

Diese Legitimation der Gewalt, die wir dort in dem Manifest sehen, hat interessanterweise eine Reihe von erstaunlichen Parallelen zu vergleichbaren Texten von der RAF aus den 70er Jahren, dass (...) wir in einer Situation der Notwehr sind und in dieser Situation der Notwehr regelrecht gezwungen sind, Gewalt anzuwenden, um unser Land hier zu retten.

Hendrik Hansen, Extremismusexperte

Entscheidung im Fall Maja T. erwartet

Der mutmaßliche Rädelsführer der "Antifa Ost", Johann G., steht derzeit mit sechs weiteren Beschuldigten in Dresden vor Gericht. Er soll die Angriffe auf vermeintlich Rechtsextreme in Budapest koordiniert und umgesetzt haben.

Weiteres prominentes Gesicht der Gruppe ist Lina E., die erstmals 2023 verurteilt wurde und unter dem Slogan "Free Lina" viel Solidarität aus der linken Szene erfährt.

Ein erstes Urteil im sogenannten Budapest-Komplex fiel im September des vergangenen Jahres in München. Die Kunststudentin Hanna S. wurde dort zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Solidaritätskundgebung für mutmaßliche Linksextremistin

Hanna S. wurde im Mai 2024 in Nürnberg verhaftet.

14.05.2024 | 1:29 min

Nicht in Deutschland, sondern in Ungarn wird in wenigen Tagen auch das Urteil gegen Maja T. ergehen. Die non-binäre Person war im Sommer 2024 nach Ungarn überstellt worden - rechtswidrig, wie das Bundesverfassungsgericht feststellte. Ein Urteil wird Ende des Monats erwartet. Maja T. drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Behörden: Gefährdungspotenzial der "Antifa Ost" reduziert

Dass sowohl die Anführer der "Antifa Ost" als auch ihre besonders gewaltbereiten Mitglieder bereits verurteilt wurden oder in Haft sitzen, hat das Gefährdungspotenzial der Gruppe nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen erheblich reduziert.

Zu diesem Schluss kommt auch der Verfassungsschutz, der die Gruppe schon länger im Blick hat. Den "verbliebenen Akteuren und Nachahmern" seien vergleichbare Taten jedoch weiterhin zuzutrauen, heißt es im aktuellen Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Extremismusexperte Hansen glaubt, dass die Sicherheitsbehörden die Gefahr, die im Allgemeinen von Linksextremisten ausgehen, erkannt haben.

Bundespressekonferenz in Berlin - Vorstellung Verfassungsschutzbericht 2024

In Deutschland haben politisch motivierte Straftaten im vergangenen Jahr zugenommen – um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigt der neue Verfassungsschutzbericht.

10.06.2025 | 1:45 min

Verfassungsschutz: Zahl linksextremer Gewalttaten gesunken

Nach Zahlen des Bundesamts für Verfassungsschutz ist die Anzahl der Gewalttaten aus dem linksextremen Spektrum in den letzten Jahren zurückgegangen, wohl auch wegen der verstärkten Repression: Im Jahr 2020 zählte das Amt 1.237 linksextremistische Gewalttaten, vier Jahre später waren es 532.

"Eine Zunahme an Gewalt können wir im Linksextremismus in den letzten Jahren nicht feststellen", sagt auch Extremismusexperte Hendrik Hansen. "Im Gegenteil, wir haben seit 2021 oder 2022 einen kontinuierlichen Rückgang der linksextremistischen Gewalttaten."


Für Hansen ist jedoch nicht nachvollziehbar, dass eine Gruppierung wie die Vulkangruppe in den letzten Jahren immer wieder Anschläge verüben konnte, ohne von den Sicherheitsbehörden identifiziert zu werden.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt

Tagelang war der Berliner Südwesten nach einem Brandanschlag ohne Strom. Innenminister Dobrindt kündigte nun Maßnahmen an. Man überlasse Linksextremisten "nicht das Feld".

11.01.2026 | 0:23 min

Möglicherweise liege das an dem geringeren Ermittlungsdruck, meint der Experte: Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass bei körperlichen Angriffen unmittelbar Menschenleben in Gefahr seien - anders als bei Angriffen auf die Stromversorgung.

Charlotte Greipl und Leon Fried arbeiten in der ZDF-Fachredaktion Recht und Justiz.

Nachrichten | Thema
:Linksextremismus

Linksextremisten lehnen das Prinzip der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ab und tendieren zur Gewalt, wie Fälle etwa der RAF zeigen. Aktuelle News und Hintergründe.
"Brandanschläge und Morddrohungen - Linksextremismus in Deutschland": Linksextremisten demonstrieren in Hamburg
Über dieses Thema berichtete das ZDF-Mittagsmagazin am 13.01.2026 ab 12 Uhr.

Mehr zu Linksextremismus

  1. Sachsen, Leipzig: Ein maskerter Demonstrant schmeißt einen Gegenstand in Richtung eines Polizeiwagens.

    Nach US-Einstufung als Terrorgruppe:Bundesregierung: Gefahr durch "Antifa-Ost" gesunken


  2. Social Media Apps

    Vermeintliche Hinweise auf Social Media:Meta markiert Nutzer nicht als Antifa-Mitglieder

    von Jan Schneider

  3. Beamter von Customs and Border Protection (CBP), J. Jimenez, fotografiert Luis Hubner, einen aus Deutschland ankommenden Reisenden, mithilfe biometrischer Gesichtserkennung beim Betreten des US-Zoll- und Grenzschutzes am McNamara-Terminal des Detroit Metro Airport in Romulus
    FAQ

    Grenzkontrollen am Flughafen:US-Reisen: Werden Handys auf Antifa-Inhalte geprüft?

    von Nils Metzger
    mit Video0:19

  4. US-Präsident Donald Trump spricht im Roosevelt Room des Weißen Hauses.

    Nach Kirk-Attentat:US-Regierung stuft Antifa als Terrorgruppe ein

    mit Video0:19