Umweltsoziologe im Gespräch:Klimaschutz: Was kann jeder Einzelne überhaupt tun?
von Kai Remen
Die Aufmerksamkeit für Klimaschutz schrumpft und trotzdem ist die Handlungsbereitschaft groß. Wie geht das zusammen und wer trägt Verantwortung? Ein Umweltsoziologe im Gespräch.
Der Weltumwelttag der UNO erinnert daran, wie wichtig es ist, gemeinsam Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen und sich aktiv für den Schutz der Erde einzusetzen.
05.06.2026 | 1:36 minRentenpaket, Angriffe in Iran, Fußball-WM, Ukraine-Krieg, gestrandeter Wal, Leid in Nahost - die Schlagzahl, mit der Nachrichten tagtäglich auf uns einprasseln, ist immens. Angesichts internationaler Konflikte und persönlicher Interessen rücken einige wichtige Themen immer wieder in den Hintergrund. Der Klimawandel ist womöglich das Paradebeispiel.
Zwar spüren wir (und vor allem Menschen im globalen Süden) dessen Auswirkungen längst, doch seit der Corona-Pandemie beobachten Forscher einen Rückgang der Aufmerksamkeit für den Klima- und Umweltschutz.
Einer von ihnen ist Professor Henning Best von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Der Soziologe forscht in einer Langzeitstudie zu Gesellschaft-Umwelt-Relationen und sieht in Deutschland trotz allem noch immer eine hohe Handlungsbereitschaft, Klimaschutz zu betreiben.
Die Hitzesommer nehmen zu, die Hitzewellen werden länger und intensiver. Daran sei weder das Gesundheitssystem noch die Wirtschaft adäquat angepasst, sagt Klimaexpertin Kira Vinke.
23.06.2026 | 3:11 minKosten sind Entscheidungsfaktor
Die Aufmerksamkeit für Klimaschutz sei zwar rückläufig, jedoch noch immer hoch, erklärt Best. Das Gleiche gelte für die Handlungsbereitschaft der Menschen. Entscheidend sei immer der finanzielle Aufwand. "Es werden Maßnahmen bevorzugt, die wenig kosten", so der Umweltsoziologe. Deshalb würden auch effektive Maßnahmen wie eine CO2-Bepreisung oft abgelehnt, selbst in Verbindung mit einem Klimageld.
Das Wichtigste ist, dass die Preise und Gelegenheiten, so gestaltet werden, dass es die einfachste und günstigste Möglichkeit ist, klimafreundlich und umweltfreundlich zu handeln.
Henning Best, Soziologe RPTU Kaiserslautern-Landau
Die Verantwortung des Einzelnen
Jeder Deutsche produziert das Äquivalent von rund 10 Tonnen CO2 pro Jahr. Den größten Anteil daran haben Mobilität, Ernährung und Wohnen. Entsprechend seien Verhaltensanpassungen in diesen Bereichen auch die effektivsten Möglichkeiten für Klimaschutz - also vegetarische/vegane Ernährung, Reduktion des Autofahrens und Umstellung auf erneuerbare Energien wie Balkonkraftwerke oder Wärmepumpen. Aber:
Man darf die Verantwortung für die Bekämpfung des Klimawandels nicht auf die Einzelnen abladen.
Henning Best, Soziologe RPTU Kaiserslautern-Landau
Laut Klimaschutzgesetz soll der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Der Expertenrat für Klimafragen hält das für nicht erreichbar.
18.05.2026 | 1:48 minPolitik und Unternehmen in der Pflicht
Der Umweltsoziologe sieht vor allem die großen Unternehmen und die Politik in der Handlungspflicht. Die Politik müsse klimafreundliche Alternativen so gestalten, dass sie für den Einzelnen die monetär attraktivsten Möglichkeiten sind. Gerade im ländlichen Raum gebe es oft noch keine Alternative zum Verbrenner, die für Geringverdiener leistbar wäre.
Die Politik muss begreifen, dass es unabhängig von kurzfristigen Interessen wirklich allerhöchste Eisenbahn ist, die Klima- und Umweltkatastrophe, in der wir uns bereits befinden, zu stoppen.
Henning Best, Soziologe RPTU Kaiserslautern-Landau
Dazu zähle auch, den Einfluss großer Emissionstreiber zurückzudrängen, sagt Best. "Wir kennen das aus Berichten über die Ölkonzerne seit den 70ern: Die fossile Industrie weiß schon seit Langem, dass ihre Produkte unsere Zivilisation zerstören werden", sagt Best.
China produziert weltweit die meisten Wärmepumpen. Viele setzen dort auf klimafreundliche Technologien. Deutschland versucht, China als Partner für den Klimaschutz zu gewinnen.
31.03.2026 | 2:39 minWas kann der Einzelne also tun?
Verzweifelte oder resignierte Untätigkeit des Einzelnen sei jedoch auch nicht der richtige Weg, erklärt der Soziologe. Auch kleine Aktionen, wie Foodsharing, Altkleidersammlung oder die Unterstützung von Umweltschutz- und Entwicklungsprojekten hätten positive Folgen.
Solche Initiativen helfen dabei, Aufmerksamkeit und Sensibilisierung zu schaffen.
Henning Best, Soziologe RPTU Kaiserslautern-Landau
Nicht selten würden auf erste Aktionen weitere folgen. Kooperationen in kleinen Gruppen können sich ausbreiten. In solchen "Kooperationsnetzwerken" könnten dann auch größere Schritte erreicht werden, wie "beispielsweise der nachbarschaftliche Aufbau von Balkonsolaranlagen", sagt Best.
"Kleine Beiträge, die nicht geleistet werden, fehlen", so der Experte. Das Wichtigste sei: Aufmerksamkeit für Klima- und Umweltschutz dürfe nicht schwinden. Vom Einzelnen zur Gruppe zur Gesellschaft - der Handlungsdruck auf Politik und Konzerne müsse aufrechterhalten werden. Das sei der größte Hebel.
Kai Remen ist Reporter im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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