Die Kunst des Loslassens :Tennis: Djokovic und das schwierige Ende der "Big Three"
von Jannik Schneider
Bei den US Open erlebt Novak Djokovic einen Tiefpunkt. Auch Federer und Nadal gelang kein selbstbestimmtes Karriereende. Warum fällt großen Tennisspielern das Loslassen so schwer?
Der 39-jährige Novak Djokovic ist bei den US Open überraschend in Runde eins ausgeschieden.
Quelle: APAls Referenz für ein perfektes Karriereende im Welttennis fällt nicht selten der Name Pete Sampras. Der Amerikaner beendete 2002 nach dem Finaltriumph bei den US Open gegen seinen Rivalen Andre Agassi seine illustre Karriere nach 14 Grand-Slam-Titeln auf einem Hoch.
Was viele verdrängt haben: Nur wenige Wochen zuvor kassierte Sampras in Runde zwei von Wimbledon eine Sensations-Niederlage gegen die Nummer 145 der Welt, George Bastl. Noch auf der Pressekonferenz an der Church Road musste der damals 31-Jährige Abgesänge und Rücktrittsfragen abwimmeln. Eine seiner Antworten:
Ich werde selbstbestimmt abtreten.
Pete Sampras, Tennisspieler
Nach einem harten Trainingsblock und einem letzten Formhoch holte er in New York den Titel; anschließend überlegte er fast ein Dreivierteljahr ohne Profitennis, bevor er öffentlich zurücktrat. Später wurde bekannt: Schon vor dem finalen US-Open-Titel hatte Sampras erhebliche gesundheitliche Probleme, unter anderem aufgrund von Geschwüren.
Tatjana Maria mit Coup gegen Ostapenko
Tatjana Maria hat mit einem Überraschungserfolg Runde zwei erreicht. Die 39-Jährige bezwang die frühere French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko aus Lettland nervenstark mit 4:6, 6:1, 6:2.
Quelle: APMagenprobleme stoppen Djokovic in Runde eins
24 Jahre später ist Novak Djokovic mit erheblichen Magenproblemen zum ersten Mal seit 20 Jahren in der ersten Runde der US Open ausgeschieden. Der 39-Jährige, der eigentlich bis zu den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 spielen will, übergab sich dreimal, kämpfte gegen Gegner, Körper und Geist. Im fünften Satz flossen bittere Tränen, als der Rekord-Grand-Slam-Champion merkte: Der Kampf ist zumindest für diesen Tag verloren.
Alexander Zverev hat gegen den Italiener Lorenzo Sonego die zweite Runde der US Open erreicht. Er setzte sich dramatisch im fünften Satz durch.
02.09.2026 | 1:18 minNach einem Grand-Slam-Finale und einem Halbfinale 2026 sollte Djokovic noch nicht abgeschrieben werden. Doch eine Parallele zu den nicht ganz freiwilligen und selbstbestimmten Abgängen von Roger Federer und Rafael Nadal wird deutlich: Warum fiel und fällt es den drei besten Tennisspielern aller Zeiten offenbar so schwer, loszulassen?
Das Trio hat die spielstärkste Epoche im Profitennis geprägt. Federer und Nadal duellierten sich ab 2005 regelmäßig, bevor Djokovic einige Jahre später in die Phalanx ein- und immer weiter vordrang. Federer (20 Grand-Slam-Siege, 2022 zurückgetreten) und Nadal (22, Rücktritt 2024) überholten die 14 Grand-Slam-Titel von Sampras. Djokovic thront mit 24 an der Spitze; stand 2026 in Australien noch im Finale und in Wimbledon im Halbfinale. Doch das Narrativ der absoluten Konkurrenzfähigkeit veränderte sich in New York.
Alexander Zverev hat das Aus in Runde eins gegen einen groß aufspielenden Lorenzo Sonego verhindert. Wie er den 1:2-Satzrückstand noch drehen konnte, erklärt er am ZDF-Mikrofon.
02.09.2026 | 0:40 minWettkampf mit der Zeit
Nach der Niederlage gab der konsternierte Weltstar in den Katakomben des Centre Courts zu, seit längerer Zeit mit Magenproblemen bei heißen Temperaturen zu kämpfen. "Ich versuche jetzt, nicht so tief in die Thematik einzusteigen und versuche wirklich zu klären, was vor sich geht und wie weit ich auf diese Weise gehen kann." Der Serbe vermittelte den Eindruck, die Problematik lösen zu können.
Eine andere Thematik - das Älterwerden - vermochte im Spitzensport aber noch niemand zu lösen. Den Wettkampf mit der Zeit, das war beim sonst übermächtig wirkenden Djokovic zu beobachten, hat er längst begonnen. Ob er noch einmal zurückschlagen kann?
Federer und Nadal haben das zum Schluss vergeblich versucht. Nadal (36 Jahre, 2022 Paris) und Federer (37 Jahre, 2018 Melbourne) gewannen im hohen Alter Grand Slams. Es hätte ihr Sampras-Moment sein können. Doch der Ehrgeiz und die Liebe zum Sport, die ihre Langlebigkeit durch ständiges Anpassen und Verbessern überhaupt erst ermöglicht hatten, wurden nun zum Nachteil.
Als sich Roger Federer und Rafael Nadal am 23. September 2022 an der Hand fassen, deutet sich an: Eine Ära endet. Bleibt die Frage: Was wird aus dem Tennis ohne die größten Stars?
08.11.2024 | 10:58 minQualvoller Abschied von Federer und Nadal
Beide Stars haben Dokumentationen über Teile ihres Rücktrittsprozesses veröffentlicht. Federer versuchte mit den besten Spezialkräften vergeblich, sein kaputtes Knie noch einmal an die Anforderungen des Spitzensports zu gewöhnen. Seinen letzten Satz verlor er, drei Jahre nach seinem letzten Slam-Titel, mit 0:6 in Wimbledon gegen Hubert Hurkacz und war läuferisch weit von einem Top-100-Spieler entfernt. Das Karriereende zelebrierte er beim Laver Cup tränenreich. Emotional, aber weit weg von der Wettkampfform.
Carlos Alcaraz hat nach einer über viermonatigen Verletzungspause bei den US Open sein Comeback gefeiert. Der Spanier bezwang Roman Saffiulin in drei Sätzen und zieht damit in die zweite Runde ein.
01.09.2026 | 1:03 minNadal versuchte 2024, nach zwei Jahren voller Leiden in Füßen, Knien und Hüften, bei den Davis-Cup-Finals im heimischen Malaga mit einem Teamerfolg selbstbestimmt abzutreten. Spanien unterlag in der ersten Finalrunde, Nadal war körperlich, läuferisch und spielerisch meilenweit von seinen besten Tagen entfernt.
Hinzu kommt, dass zumindest Nadal medizinisch vertretbare Grenzen überschritt. In seiner Dokumentation offenbarte der Mallorquiner, viele Jahre vor jedem einzelnen Match Schmerzmittel injiziert bekommen zu haben. Sein Physiotherapeut legte nahe, dass Nadal abhängig gewesen sei. Nadal lebt nach eigenen Aussagen aufgrund des Schmerzmittelmissbrauchs mit Löchern in seiner Leber.
Mit diesem Wissen ist Djokovic bei seiner Suche nach den Gründen für seine Magenprobleme zu wünschen, dass er jene Grenzen nicht überschreitet - und ein selbstbestimmtes Karriereende anpeilen kann.
Nach dem Turniersieg in Hamburg startet Tamara Korpatsch zum ersten Mal als deutsche Nummer eins in die US Open. Und die 31-Jährige hat viel vor.
29.08.2026 | 2:14 min