Paralympics 2026: Was sich im Para-Sport ändern muss

Russland, Doping, Klassifizierung:Paralympics-Erkenntnisse: Was sich im Para-Sport ändern muss

von Lars Becker

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Die Paralympics in Italien werden vom Thema Russland überschattet. Das ist aber nicht das einzige Thema, über das es Diskussionen gibt.

Die russische Flagge während der Siegerehrung von Ivan Golubkov am 11.03.2026 in Tesero.

Die russische Flagge bei der Siegerehrung von Ivan Golubkov.

Quelle: Witters

Viele Sportler nervt es einfach nur noch, dass die große Politik mit dem Thema Russland die Diskussionen bei den Paralympics dominiert. Nach der skandalösen Eröffnungsfeier mit dem Boykott vieler Nationen lieferten die Siegerehrungen mit russischer Hymne und Flagge neuen Zündstoff.

"Bei keinem anderen Sportereignis oder auf politischer Bühne wurde die Besetzung ukrainischen Territoriums gebilligt", polterte der ukrainische Delegationschef Valerii Sushkevich:

Das ist eine Anerkennung für den Krieg von Russland, dieser Killernation.

Valerii Sushkevich, ukrainische Delegationschef Paralympics

Ist Putin der heimliche Sieger der Paralympics?

Russlands Präsident Wladimir Putin kann sich als Sieger fühlen und das hat er dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) zu verdanken. Der für die Paralympics zuständige Weltverband machte im vergangenen September den Weg frei für den Start russischer Sportler mit eigener Flagge und Hymne - weltweit erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor vier Jahren. Mit dieser Entscheidung hat die IPC die Sportler aller anderen Nationen bei den Paralympics in eine schwierige Situation gebracht.

Warwara Worontschichina am 09.03.26

Eine Siegerehrung mit russischer Hymne lässt ukrainische Athleten verzweifeln. In diesen Momenten verliert der Sport seine politische Unschuld.

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Silbergewinnerin Linn Kazmaier drehte sich am Dienstag bei der Siegerehrung für die Russin Anastasiia Bagiian demonstrativ weg und behielt bei der russischen Nationalhymne die Mütze auf. "Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht: Vielleicht unterstützen sie das System in Russland genauso wenig. Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten", so Kazmaier differenziert: "Dass das Politische die Paralympics so überschattet, ist einfach total schade."

"Wir haben diese große, weltweite Bühne nur einmal in vier Jahren und jetzt wird nur über Politik geredet", schimpft Andrea Eskau, die in Italien ihre neunten Paralympics in Sommer und Winter erlebt. Die moralische Zwickmühle: Viele kennen die russischen Sportlerinnen und Sportler bereits aus der Zeit vor 2022 und sehen deshalb auch die Menschen hinter den Nationalitäten.

Auf der anderen Seite sprechen sich die meisten Athletinnen und Athleten gegen eine generelle Rückkehr und damit Belohnung Russlands aus.


Wurden in Russland Doping-Kontrollen durchgeführt?

Zudem wirft das Comeback russischer Sportlerinnen und Sportler weitere Fragen auf. Kann man darauf vertrauen, dass auch im Reich Putins während des fast vierjährigen Ausschlusses regelmäßig Doping-Kontrollen durchgeführt worden sind?

Ski-Bundestrainer Ralf Rombach hat beim Ski-Weltverband FIS nachgefragt. "Dort haben sie mir gesagt, dass die Rusada das gemacht hat", sagt er mit einem Schulterzucken samt ironischem Lächeln.

Menschen gehen an den Olympischen Ringen am Sliding Centre bei den Winterspielen 2026 in Cortina d’Ampezzo, Italien, vorbei.

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16.02.2026 | 3:32 min

Die Rusada ist die russische Antidoping-Agentur, die nach massiven Dopingskandalen seit 2015 mehrfach suspendiert wurde. Es sind also Zweifel an der weltweiten Vergleichbarkeit von Dopingkontrollen angebracht - und das gilt nicht nur in Russland.

Rombach: Doping-Kontrollen sollen "überall gleich ablaufen"

Auch viele Sportlerinnen und Sportler aus anderen Ländern wie China oder auch der Ukraine überzeugen bei den Winter-Paralympics mit außergewöhnlichen Leistungen. Ging überall alles mit rechten Dingen zu? Ralf Rombach will dafür nicht seine Hand ins Feuer legen.

Die beiden olympischen Sportverbände FIS (Ski und Snowboard) sowie IBU (Biathlon) sind neuerdings auch für den Para-Sport zuständig. Das führt allerdings auch zu teils grotesken Szenen bei den Winter-Paralympics. Carina Edlingerova (früher Edlinger) durfte nach ihrem Nationenwechsel von Österreich zu Tschechien bei den Biathlon-Wettbewerben starten und gewann eine Medaille.

Bei den Langlauf-Wettbewerben darf sie nicht dabei sein, weil bei der FIS die übliche Sperre von einer Saison bei einem Nationalitätswechsel gilt. Umgekehrt war es im Fall Russlands: Im Langlauf durften russische Athletinnen und Athleten starten, im Biathlon mangels Wildcards nicht.


"Die Funktionäre der Sportverbände und der nationalen Antidoping-Agenturen sind in vielen Ländern verzahnt. Anderswo wird bei weitem nicht so viel getestet wie bei uns in Deutschland, wo die Athleten regelmäßig um 6 für eine Doping-Kontrolle rausgeklingelt werden", sagt Rombach:

Das heißt nicht, dass anderswo betrogen wird, aber wir wünschen uns, dass die Doping-Kontrollen überall gleich ablaufen.

Ski-Bundestrainer Ralf Rombach

Klassifizierung bei den Paralympics.

Wovon hängt es ab, in welcher Startklasse paralympische Athletinnen und Athleten starten? Entscheidend ist die sogenannte Klassifizierung.

06.03.2026 | 0:59 min

Zweifel an Klassifizierung bei Paralympics

Gleiches gilt für das im Behindertensport alles entscheidende Thema Klassifizierung. "Mit geschultem Auge bekommt man da manchmal seine Zweifel. Das Problem ist: Wenn ich den Sehtest für den Führerschein mache, will ich ums Verrecken so gut wie möglich abschließen. Beim Sehtest für die Klassifizierung will ich ums Verrecken so schlecht wie möglich abschneiden. Das System ist nicht wasserdicht, weil es einen menschlichen Faktor dabei gibt", erklärt Rombach.

Eine gerechte Einstufung jedes Sportlers ist die Bedingung für faire Wettkämpfe. In den Ski-Disziplinen – Alpin, Nordisch, Biathlon – gibt es je nach Behinderungsgrad nämlich einen Faktor, nach dem die Zeit beim Wettkampf in den drei Kategorien Sitzend, Stehend und visuell beeinträchtigt abläuft.

"Je schwerer die Behinderung, umso langsamer läuft die Zeit", erklärt die deutsche Klassifizierungsexpertin Winnie Timans. Rombach zweifelt, dass da immer alles fair abläuft.


Seine Idee: Mehr Zusammenarbeit mit Universitäten, die über exzellente Apparturen verfügen:

Das System der Klassifizierung muss sich qualitativ verbessern. Ich hoffe, dass die FIS und der Biathlon-Weltverband IBU das jetzt in die Hand nehmen.

Ski-Bundestrainer Ralf Rombach

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