Paralympics: Im Duo mit dem Guide:Absolutes Vertrauen: Wie Linn Kazmaier aufs Podest will
von Johannes Fischer
Als 15-Jährige gewann Linn Kazmaier mit ihrem Guide Florian Baumann fünf Paralympics-Medaillen. Vier Jahre später ist ihr Vertrauen noch gewachsen - wo kann sie das hinbringen?
Eingespieltes Duo: Die sehbehinderte Langläuferin und Biathletin Linn Kazmaier folgt ihrem Guide Florian Baumann.
Quelle: Imago / Marcus Hartmann / Beautiful SportsAls Linn Kazmaier bei den Paralympics 2022 an den Start ging, wollte sie mit ihren damals 15 Jahren vor allem Erfahrungen sammeln. Dass sie am Ende fünf Mal auf dem Podest stehen würde, einmal sogar ganz oben, zeichnete sich erst im Verlauf der Wettkämpfe ab. "Unglaublich cool - aber auch surreal", sagt sie heute.
Wenn sie nun bei Paralympics in Mailand und Cortina (6. bis 15. März) antritt, wird vieles vertrauter sein: "Ich weiß besser, was auf mich zukommt - sportlich und mental." Aus der Außenseiterin ist eine Mitfavoritin geworden. Der größte Druck komme inzwischen von ihr selbst.
Jetzt denke ich eher: Ich will liefern.
Linn Kazmaiers Plan für die Paralympics
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04.03.2026 | 3:38 minBiathlon und Langlauf bei Paralympics: Zwei Stimmen, ein Rhythmus
Körperlich hat sie vor allem in der Maximalkraft zugelegt - ein Vorteil auf kraftintensiven Strecken. Doch der Weg war nicht geradlinig. Krankheiten, Erschöpfung, lange Pausen. "Ich musste mich wieder auf ein Grundniveau zurückarbeiten", sagt sie. Zweifel gehörten dazu. Gerade dann wird Vertrauen zentral.
Kazmaier ist sehbehindert, sie startet im Biathlon und Langlauf mit einem Guide. Schon seit 2020 ist das Florian Baumann. Er ist ihre Stimme auf der Strecke, ihr Orientierungspunkt, ihr Taktgeber.
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03.03.2026 | 4:19 min"Relativ schnell hatte ich das Gefühl: Flo macht das richtig gut", sagt sie über die ersten Trainings mit dem Guide. Baumann hatte zuvor keine Berührungspunkte mit dem Behindertensport:
Linn hat mir viel Rückmeldung gegeben.
Florian Baumann, Linn Kazmaiers Guide
Spätestens nach dem ersten Lehrgang im Bundeskader fühlte es sich an, als würden sie das schon länger gemeinsam machen.
Wenn Sekundenbruchteile entscheiden
Vertrauen entsteht in Bewegung: In der ersten schwierigen Abfahrt. In Momenten, in denen Tempo und Risiko steigen - und man merkt: Es funktioniert.
Auf der Strecke bleibt keine Zeit zum Zögern. Stürzt vor ihnen jemand oder bremst abrupt, muss Baumann sofort reagieren. Manchmal lotst er Linn Kazmaier in der Abfahrt mit dem Stock um andere Athletinnen herum. "Hinterher denke ich manchmal: Zum Glück ist das gut gegangen", sagt Baumann.
Sicherheit entsteht durch Wiederholung. Schwierige Passagen wiederholen die beiden permanent - erst kontrolliert, dann schneller, schließlich im Wettkampftempo. Auch in Tesero, wo die Wettkämpfe der Paralympics stattfinden, fahren sie die Strecke schon vor dem ersten Wettkampf mehrfach ab.
Klare Kommandos, klare Rollen
"Manchmal habe ich Respekt vor einer Abfahrt", gesteht Linn Kazmaier. Dann gehe sie nicht mit voller Überzeugung hinein. Auch darüber sprechen sie offen. Kommunikation ist ihr wichtigstes Werkzeug.
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04.03.2026 | 1:44 minTechnikwechsel zählt Baumann mit "3-2-1" an. Bei bestimmten Techniken gibt er den Rhythmus vor: "rechts, links" oder die ersten Stockeinsätze beim Doppelstock. Dazu kommen Tempohinweise und Motivation.
"Die Basis sind feste Kommandos - immer gleich, immer klar", sagt er. Und wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, kommen spontane Ansagen dazu. Es ist eine reduzierte, präzise Sprache.
Natürlich gebe es auch Reibung. "Ab und zu streiten wir, das lässt sich nicht vermeiden", gibt Baumann zu. "Wichtig ist, dass man danach darüber spricht - dann kann man sogar etwas Positives daraus ziehen."
Das perfekte Rennen
Ihr Ziel definieren beide nicht über Platzierungen. "Wir wollen das perfekte Rennen", sagt Linn Kazmaier. Einen Lauf, der sich rund anfühlt, in dem sie von Start bis Ziel in Baumanns Rhythmus bleibt und ihr Maximum abruft.
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03.03.2026 | 0:56 minOb das zu Gold reicht oder zu Rang sechs, hängt auch vom Starterfeld ab. Entscheidend ist etwas anderes: gemeinsam an die Grenze zu gehen.
Blindes Vertrauen zeigt sich nicht nur in riskanten Abfahrten. Es zeigt sich vor allem im Moment vor dem Start. In dem Wissen, dass vor einem jemand läuft, der mitdenkt, mitfühlt, mitträgt.
Zwei Stimmen, ein Rhythmus - und das sichere Gefühl, sich auch bei höchstem Tempo fallen lassen zu können.