ZDF-Doku "Go West!":Die letzte Elf der DDR: Zwischen Cleverness und Niedertracht
von Thomas Bärsch
Der Mauerfall platzte mitten ins WM-Trainingslager der DDR-Nationalmannschaft. Die ZDF-Doku "Go West!" erzählt, was das für die Spieler bedeutete - und was danach kam.
Die neue Doku-Serie "Go West! – die letzte Elf der DDR" zeigt die Veränderungen der DDR-Nationalmannschaft im Zuge des Falls der Berliner Mauer.
17.09.2026 | 1:33 minWas war in den Gesichtern des Publikums am Abend nicht alles zu lesen! Begeisterung. Frohsinn. Und eine tiefe Ehrfurcht vor einer wirklich beeindruckenden Fußball-Doku.
Als die Dunkelheit einzog am Mittwoch im Kulturkraftwerk Mitte in Dresden, öffnete sich auf der Leinwand für das Publikum ein Fenster in eine - für viele - ganz besondere Zeit.
"Ich war acht, als die Mauer fiel", erinnert sich zum Beispiel Ronald Rauhe, früher Kanute, seit kurzem Sportminister und Gast beim Premierenabend in Dresden, "und wir sind mit unserer Klasse zum Grenzübergang gegangen und haben die Ostdeutschen mit Blumen begrüßt".
Die ZDF-Produktion "Go West!" hatte das Publikum mitgenommen - mitten hinein in die Lebenswirklichkeit von Profi-Fußballern, die mit ihrem Land um die WM-Qualifikation kämpften, während ihnen dieses Land förmlich unter den Füßen wegbrach.
Seit dem Mauerfall hinken die Ost-Klubs hinterher. Welche Gründe gibt es, dass nur sieben Vereine aus der ehemaligen DDR in den Profiligen spielen? Welche Chancen haben die Klubs?
08.02.2024 | 14:17 minEin Aderlass, der bis heute nachwirkt
Das ZDF zeigt hier einen Aspekt der Wiedervereinigung, den Millionen DDR-Bürger ähnlich erlebten. Den Niedergang, den Ausverkauf, den Aderlass, von dem sich der DDR-Fußball bis heute nicht erholt hat.
Wie sonst wäre es erklärbar, dass 37 Jahre nach dem Mauerfall mit dem 1. FC Union nur eine einzige ostdeutsche Mannschaft die 1. Bundesliga bereichert, wenn man von RB Leipzig mit seinem österreichischen Hintergrund absieht.
"Klar, man kann nicht alles 1:1 übertragen", erklärt Christoph Eder, einer der Autoren der Doku, "aber viele Mechanismen spiegeln sich im Fußball eben wider".
Am 31. Juli 1976 gewann die DDR das olympische Fußballfinale der Männer. Heute wird zum 50. Jubiläum an den bisher einzigen deutschen Olympiasieg im Männerfußball gedacht.
31.07.2026 | 3:14 minWien, November 1989
Der Film beginnt im Trainingslager, wo sich das DDR-Nationalteam auf das letzte WM-Qualifikationsspiel vorbereitet. In Wien gegen Österreich hätte ein Unentschieden gereicht, um zum zweiten Mal nach 1974 an einer WM teilzunehmen.
Doch mitten ins Training platzte die Nachricht vom Mauerfall. Wer den Spielern, die heute in der Doku von damals berichten, zuhört, der spürt, wie sehr ihnen die Ungeheuerlichkeit der Grenzöffnung zusetzte. Sie ahnten, dass es für sie alle Konsequenzen nach sich ziehen würde.
Den Film von Christoph Eder und Markus Brauckmann sendet das ZDF ab Freitag, 18. September, 00:01 Uhr, im Streamingportal und am Samstag, 26. September, um 24 Uhr im Anschluss an das aktuelle sportstudio mit Moderator Jochen Breyer.
Schon beim Spiel in Wien sollten sie einen Vorgeschmack bekommen, denn die Jagd der Westvereine auf Ost-Talente war praktisch mit dem Mauerfall eröffnet.
Daran änderte auch das 0:3 gegen Österreich nichts, mit dem die DDR ihre WM-Teilnahme verspielte. Vielleicht auch, weil der Kopf einfach nicht frei war.
"Fast minütlich erreichten uns neue Nachrichten im Trainingslager, was die offene Grenze anging", erinnert sich Matthias Sammer am Rande des Events am Mittwoch. "Da fiel es schwer, sich zu fokussieren."
Linksaußen Eberhard Vogel war einer der besten Fußballer der DDR. Der Oberliga-Rekordspieler starb mit 83 Jahren nach langer Krankheit. Einst wollte ihn Pelé nach Brasilien locken.
02.09.2026 | 0:19 minDer Ausverkauf des Ostfußballs
Für Sammer wird wohl immer ein anderes Erlebnis erinnerlich bleiben, dem auch die Doku viele Minuten einräumt: Nachdem er angeschlagen ausgewechselt worden war, sprach ihn ein fremder Mann auf der Ersatzbank an. Bayer Leverkusen hatte einen Scout nach Wien entsandt und ihn mit einer Akkreditierung versorgt. So gelangte er an den Spielfeldrand - und zur Ersatzbank mit Matthias Sammer.
Mit dem Fall der Berliner Mauer beginnt ein Wettrennen um die größten Fußballspieler der DDR - und für Stars wie Matthias Sammer die Suche nach einer neuen Identität.
15.09.2026 | 1:31 min"Der Mann sagte: Wir wollen dich und Kirsten und Thom", erinnert sich Sammer und daran, dass der Scout noch eindringlich darauf hinwies, dass er der erste gewesen sei, der sich vorgestellt habe. Das alles während des noch laufenden, entscheidenden WM-Qualifikationsspiels.
Die Doku wertet nicht, sie stellt diese Anekdote dar und die Sichtweisen der Beteiligten nebeneinander. Man habe eben ein cleveres Bürschchen mit der Mission in Wien betraut, erklärt Bayers Fußballverantwortlicher Reiner Calmund. Eduard Geyer, damals DDR-Trainer, spricht dagegen von Niedertracht - so etwas "Hinterlistiges, Gemeines, Niederträchtiges" habe nichts mehr mit Sport zu tun.
Der deutsche Fußball trauert um Hans-Jürgen Kreische. Der 50-malige Auswahlspieler der DDR und Ehrenspielführer von Dynamo Dresden starb im Alter von 78 Jahren.
02.04.2026 | 0:27 minMehr als ein Fußballfilm
Inzwischen haben Eduard Geyer und Reiner Calmund ihren Frieden gemacht - und auch Matthias Sammer räumt ein: "Man musste eben schnell sein, um Erfolg zu haben."
"Go West!" - die letzte Elf der DDR. Ein Film über Fußball, aber eigentlich über so viel mehr. Eine der vielen deutsch-deutschen Vereinigungsgeschichten, wie sie eigentlich nicht genug erzählt werden können.
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